Vollbeschäftigung in den USA Trump befeuert den Boom - aber wie lange noch?

Die US-Wirtschaft steuert auf den längsten Aufschwung seit dem Zweiten Weltkrieg zu. Präsident Trump heizt die Konjunktur weiter an - doch mit seinem Handelskrieg wird er selbst zum größten Risiko für den Boom.
Fabrikarbeiterinnen in New Jersey

Fabrikarbeiterinnen in New Jersey

Foto: © Reuters Staff / Reuters/ REUTERS

Donald Trumps Tweets mag man abstoßend, witzig oder interessant finden. Neuerdings aber sind seine Kurznachrichten sogar bares Geld wert: Den jüngsten Arbeitsmarktbericht kommentierte der US-Präsident, bevor die Zahlen offiziell veröffentlicht waren. "Ich freue mich darauf, heute morgen um 8.30 Uhr die Zahlen zur Beschäftigung zu sehen", verkündete Trump am vergangenen Freitag gut eine Stunde, bevor es soweit war.

Das klingt harmlos, tatsächlich steckte darin eine Information, die die Finanzmärkte bewegte: Dass die Arbeitslosigkeit im Mai stärker gefallen ist als erwartet. Sofort legten der Dollar und die Börsenkurse zu. "Einige Händler (und Algorithmen) haben mit dem Tweet Geld verdient - auf Kosten derer, die auf die offiziellen Daten gewartet haben", kritisierte das "Wall Street Journal" den Bruch der ungeschriebenen Regel, wonach Präsidenten die Zahlen zwar schon am Abend vorher erfahren, sie aber bis zur Veröffentlichung vertraulich behandeln.

Das Nachrichtenmagazin "Politico" warf den bösen Verdacht des Insiderhandels auf und spekulierte, ob Trump auch in seinen nächtlichen Telefonaten mit Freunden die Zahlen vorher preisgebe. "Und wenn ja, was machen diese Freunde damit?"

Dass der Mann im Weißen Haus sein Mitteilungsbedürfnis nicht zügeln kann, verwundert nicht: Amerikas Arbeitslosenrate ist mit 3,8 Prozent so niedrig wie zuletzt während des Dotcom-Booms zur Jahrtausendwende.

Auch Langzeitarbeitslose finden Arbeit

Aus ökonomischer Sicht ist damit Vollbeschäftigung erreicht. Tatsächlich ist das Angebot an Arbeitskräften inzwischen so knapp, dass viele Unternehmen nicht mehr ausreichend geeignetes Personal finden. Für die Beschäftigten hat das erfreuliche Folgen: endlich steigen auch die Löhne spürbar.

Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet zum Jahresende mit einem Plus von mehr als drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und es finden nun auch Menschen einen Job, die vorher kaum eine Chance hatten - meist, weil es ihnen an der notwendigen Qualifikation fehlte. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist ebenfalls gesunken, die Erwerbslosenrate schwarzer Frauen ist so niedrig wie noch nie. "Uns sind die Worte ausgegangen, um zu beschreiben, wie gut die Arbeitsmarktdaten sind", sagte jüngst der Konjunkturexperte der "New York Times".

Die Wirtschaft boomt also. Und die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass das auf absehbare Zeit so bleibt. Die größte Volkswirtschaft der Welt steuert auf einen neuen Rekord zu: Hält der Aufschwung, der 2009 begann, bis zum Juli 2019 durch, wäre es die längste Expansionsphase der US-Nachkriegsgeschichte. Die Investmentbank Goldman Sachs gibt diesem Szenario eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent. "Ich glaube, wir stehen am Anfang des größten Wohlstands-Booms in mehreren Dekaden", prahlt Larry Kudlow, der Wirtschaftsberater des Präsidenten. "Die Wirtschaft läuft auf Hochtouren." Zwar war es nicht Trump, sondern sein Vorgänger Barack Obama, der die USA aus der Rezession nach der Finanzkrise gesteuert hat. Doch Trump hat den Konjunkturmotor auf Vollgas gedreht. Die Regierung dereguliert, was das Zeug hält. Die Republikaner haben mit ihrer Steuerreform die Unternehmen massiv und die Verbraucher zumindest teilweise entlastet.

Aber den Staatsfinanzen tut das nicht gut. 2020 dürfte das Haushaltsdefizit nach Berechnung des überparteilichen Haushaltsbüros des US-Kongresses (CBO) die Eine-Billion-Marke knacken.

Der Präsident riskiert mit seiner prozyklischen Konjunkturstimulus-Politik zudem eine Überhitzung der Wirtschaft, auch wenn die meisten Ökonomen diese Gefahr derzeit nicht für groß halten.

Noch scheint die Inflation aber unter Kontrolle. Zuletzt sind die Verbraucherpreise um zwei Prozent gestiegen, was dem Zielwert der Notenbank entspricht. Allerdings halten es Fed-Beobachter nach den guten Arbeitsmarktzahlen für denkbar, dass die Notenbanker die Zinsen nicht nur erwartungsgemäß im Juni weiter erhöhen, sondern noch eine zusätzliche vierte Straffungsrunde in diesem Jahr draufsetzen. Das könnte die Konjunktur bremsen.

Trumps Einfluss auf die Fed

Dem Präsidenten dürfte das gar nicht gefallen. Trump hat sich für Jerome Powell als neuen Notenbankchef auch deshalb entschieden, weil er sich von diesem eine konjunkturstützende Geldpolitik erhofft. Der frühere Fed-Gouverneur Kevin Warsh, der ebenfalls Kandidat für die Nachfolge von Janet Yellen war, hat kürzlich geschildert, wie sein Bewerbungsgespräch im West Wing ablief: Trump habe von ihm ganz genau wissen wollen, wie seine Zinspolitik aussehen würde, erzählte Warsh. Für diesen Präsidenten sei die Unabhängigkeit "kein unverkennbares Merkmal" der Fed.

Offenbar fühlt sich auch Powell selbst genötigt, seine Institution gegen möglichen politischen Druck zu verteidigen. Ohne die Unabhängigkeit drohten "galoppierende Inflation und darauf folgend Rezessionen", warnte der Fed-Chef jüngst in einer Rede in Stockholm.

Trump aber ist es gewohnt, Warnungen von Experten zu ignorieren. Größtes Risiko für den Aufschwung ist damit er selbst. Die von ihm angezettelten Handelskriege gegen China, Europa, Mexiko und Kanada könnten die US-Wirtschaft Jobs und Wachstum kosten. Ob die Importzölle Folgen für die heimische Wirtschaft haben würden, wurde Wirtschaftsberater Kudlow diese Woche in einem Interview mit Trumps Haussender Fox gefragt. Das könne schon sein, antwortete der frappierend offen: "Ich bestreite das nicht. Man muss da ein Auge drauf haben." "Sie sehen also eine Gefahr für die Wirtschaft?", fragte der Moderator nach. Kudlows Antwort war wenig beruhigend: "Es ist möglich, absolut. Aber ich glaube nicht, dass es im Moment so ist."

Kudlow war es übrigens auch, der den Präsidenten an Bord der Air Force One vorab über die Ergebnisse des Arbeitsmarktberichts informiert hatte, die dieser dann ausplauderte. Auf Trumps Verschwiegenheit scheint sein Berater auch in Zukunft nicht wirklich zu vertrauen."Ich weiß nicht, ob er es wieder tun wird", gab Kudlow zu. "Ich vermute, ich hoffe, nicht."

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