Aufstiegschancen in USA Neun Prozent schaffen es von ganz unten nach ganz oben

In den USA wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, doch beeinflusst das die soziale Mobilität? Nein, ist das überraschende Ergebnis einer Studie: Die Aufstiegschancen verschlechtern sich nicht - sie verharren aber auf einem miserablen Niveau.

Arbeitsloser in New York: Studie mit verblüffendem Ergebnis
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Arbeitsloser in New York: Studie mit verblüffendem Ergebnis

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Hamburg - Vom Tellerwäscher zum Millionär - das war einmal. Demokraten und Republikaner sind sich zumindest einig, dass die Aufstiegschancen in den USA in den vergangenen Jahren schlechter geworden sind. "Die soziale Mobilität ist ins Stocken geraten", sagte US-Präsident Barack Obama erst kürzlich in seiner Rede zur Lage der Nation. Auch die US-Bürger werden immer pessimistischer: Laut einer Umfrage glauben mittlerweile nur noch 52 Prozent, dass es gute Aufstiegschancen für den Durchschnittsamerikaner gibt - im Jahr 1998 waren es noch 81 Prozent.

Eine neue Studie widerspricht nun diesem Eindruck: Die Chance, es unabhängig vom Einkommen der Eltern weit zu bringen, hat sich in den USA in den vergangenen 20 Jahren nicht verschlechtert. Der preisgekrönte Ökonom Emmanuel Saez (University of California, Berkeley) hat die Untersuchung zusammen mit Raj Chetty, Nathaniel Hendren (beide Harvard University), Patrick Kline (University of California, Berkeley) und Nicholas Turner (Finanzministerium) unter dem Namen "Sind die USA immer noch ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten?" veröffentlicht. (Hier finden Sie eine Zusammenfassung der Studie als PDF-Dokument in Originalsprache).

Studie greift auf großen Datensatz zurück

Und so sieht das Ergebnis der Studie im Detail aus: Ein Kind mit dem Geburtsjahrgang 1971 hatte eine Chance von 8,4 Prozent, aus dem ärmsten Einkommensfünftel zu den reichsten 20 Prozent der Bevölkerung aufzusteigen. Für den Geburtsjahrgang 1986 betrug diese Chance neun Prozent. Eine leichte Verbesserung also statt jener dramatischen Verschlechterung der Chancengleichheit, die die Amerikaner ihrer eigenen Gesellschaft diagnostizieren.

Die soziale Mobilität bleibt den Autoren zufolge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA bemerkenswert beständig. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Chancen absolut besonders gut sind. "Das Niveau der Aufstiegschancen ist alarmierend, auch wenn es über die Zeit stabil ist", sagte Saez, einer der Autoren der Studie in einem Interview der "New York Times".

Aber wie sind die Ökonomen zu ihrem Ergebnis gekommen? Sie haben gemessen, inwieweit Kinder, die zwischen 1971 und 1986 geboren sind, im Vergleich zu ihrem Elternhaus aufgestiegen sind. Die Studie ist dabei weitaus größer als bisherige wissenschaftliche Untersuchungen und greift auf einen riesigen Datensatz zurück. So haben die Ökonomen etwa 40 Millionen Einkommensteuererklärungen herangezogen.

"Das macht die Studie präzise, weil sie auf einem großen Fundus an administrativen Daten basiert und eine deutlich größere Anzahl an Beobachtungen umfasst, verglichen mit Befragungsdaten", sagt Daniel Schnitzlein vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das Ergebnis der Studie ist deshalb besonders bemerkenswert, weil es im starken Kontrast zum Anstieg der Einkommensungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten in den USA steht. In vielen Analysen von Wirtschaftswissenschaftlern wird von einem negativen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und sozialer Mobilität gesprochen. Dieses Phänomen wird in Fachkreisen als die "Great Gatsby Kurve" bezeichnet. Doch nun zeichnet die Studie ein anderes Bild und widerspricht diesem Zusammenhang.

Dennoch üben die Autoren scharfe Kritik am System: Man müsse sich in den USA nicht länger fragen, warum die Aufstiegschancen schlechter würden, sondern vielmehr, warum die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten anhaltend schlechtere Chancen bieten als andere Industrieländer.



insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Manukun 13.02.2014
1. optional
Leider geht hier wie so oft begrifflich einiges schief. Aufstiegschancen hat praktisch jeder mehr oder weniger, also irgendwo in der Nähe von 100%. Die 9% beziehen sich auf diejenigen, die diese Chancen auch genutzt haben. Der Rest hat wohl eher Probleme mit dem eigenen Antrieb, vulgo auch Faulheit genannt, oder es fehlt an Intelligenz.
doppelpost123 13.02.2014
2. Die Lüge des Kapitalismus
Zitat von sysopGetty ImagesIn den USA wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, doch beeinflusst das die soziale Mobilität? Nein, ist das überraschende Ergebnis einer Studie: Die Aufstiegschancen verschlechtern sich nicht - sie verharren aber auf einem miserablen Niveau. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/usa-studie-aufstiegschancen-haben-sich-nicht-verschlechtert-a-951606.html
So viel zum "American Dream" - er ist, war und wird auch zukünftig eine der größten Lügen der Menschheit sein.
max_schwalbe 13.02.2014
3. Aufstieg durch das Internet
Aufstiegschancen bestehen vor allem dort, wo Markwirtschaft in etwa so funktioniert, wie man sich das vorstellt: Auf neuen Märkten, auf denen sich noch keine Schwergewichte durchgesetzt haben. So war durch das Internet für viele Leute ein Aufstieg durch Ideen und Leistung wirklich möglich. Insgesamt ist das Niveau aber verheeren niedrig, auch in anderen Ländern. Denn: Diese funktionierende Markwirtschaft gibt es nur in einigen wenigen Bereichen. Der weit größere Teil der Wirtschaft wird von Strukturen mit festgefahrenen Besitzverhältnissen bestimmt. Dort müsste man ansetzen.
kfp 13.02.2014
4.
Zitat von ManukunLeider geht hier wie so oft begrifflich einiges schief. Aufstiegschancen hat praktisch jeder mehr oder weniger, also irgendwo in der Nähe von 100%. Die 9% beziehen sich auf diejenigen, die diese Chancen auch genutzt haben. Der Rest hat wohl eher Probleme mit dem eigenen Antrieb, vulgo auch Faulheit genannt, oder es fehlt an Intelligenz.
Ich denke, das ist eben gerade ein Denkfehler, dass 91% faul oder doof sind. Die 9%, die es geschafft haben, haben vermutlich im Schnitt auch deutlich härter kämpfen müssen als die, die gleich ins obere Fünftel hineingeboren wurden. Allerdings würde ich 9% Durchlässigkeit von *ganz* unten bis *ganz* oben nicht unbedingt als schlecht einstufen, in D liegt diese Art von Durchlässigkeit vermutlich bei exakt 0. Wenn man dann annimmt, dass sich der Anteil derer, die sich nur vom untersten Fünftel zum Durchschnitt hin verbesseren u.ä. deutlich höher ist, und dass dafür ja auch entsprechend viele aus den oberen Schichten "absteigen" müssen, scheint mir die US-Gesellschaft in der Tat ihrem sprichwörtlichen "vom Tellerwäscher zum Millionär"-Ruf zu entsprechen. Und wie gesagt, immerhin schafft es laut der Studie in der Tat jeder 10. Tellerwäscher, Millionär zu werden, ist doch gar nicht mal so übel...
kabian 13.02.2014
5. Verzerrte Statistik
Die Aufstiegschancen sind in den USA, genauso wie in den anderen Industrieländern, eng verknüpft mit den Bildungschancen. Und da spielen die Privatschulen in den USA eine außerordentliche Rolle. Meine Verwandten in den USA gingen ausnahmslos alle zu teuren Privatschulen, entsprechend sind die Berufe Anwalt, Lehrerin, Werbefachmann, Archäologe und Manager. Einen sozialen Aufstieg aus dem Slums würde ich zu 99% ausschließen. Wir können uns glücklich schätzen das zumindest theoretisch jeder eine Chance in Deutschland bekommt.
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