Spendenfreudige Amerikaner Wer Milliarden hat, kann Millionen geben

Die Deutschen sind vor allem in der Adventszeit großzügig, die US-Amerikaner spenden das ganze Jahr über wie selbstverständlich. Die Wohltätigkeit erleichtert das Gewissen der Reichen - und senkt ihre Steuerlast.
Gala-Veranstaltung in New York: 2018 spendeten US-Amerikaner 430 Milliarden Dollar

Gala-Veranstaltung in New York: 2018 spendeten US-Amerikaner 430 Milliarden Dollar

Foto: Michael Ostuni/Patrick McMullan/ Getty Images

Als im April die Kathedrale Notre-Dame lichterloh brannte, verfolgten die Amerikaner das Geschehen nicht nur im Livestream, viele zückten auch gleich die Kreditkarte. 2,5 Millionen Dollar Spenden gingen binnen sechs Monaten bei der French Heritage Society ein, die für den Wiederaufbau des Bauwerks sammelt. "95 Prozent von Amerikanern", erzählt Geschäftsführerin Jennifer Herlein. Manche überwiesen zehn Dollar, andere 10.000, die Estée-Lauder-Familie steuerte zwei Millionen Dollar bei.

Die brennende Kathedrale Notre Dame am 15. April 2019

Die brennende Kathedrale Notre Dame am 15. April 2019

Foto: Benoit Tessier/ REUTERS

Wenn es um Wohltätigkeit geht, sitzt bei den Amerikanern das Geld traditionell locker. Nicht nur unter Millionären und Milliardären gehört es zum guten Ton, etwas von dem Reichtum, den man dem Kapitalismus verdankt, der Gesellschaft zurückzugeben. Auch wer wenig verdient, hilft: wenn nicht mit Geld, dann zumindest mit freiwilligem Engagement. Wo auf der Welt kann man sonst eine Autobahn "adoptieren"? In der Praxis heißt das, am Samstagnachmittag mit Gleichgesinnten und Abfalltüten loszuziehen, um den Müll am Straßenrand aufzusammeln. Oder eben andere dafür zu bezahlen.

Knapp 430 Milliarden Dollar haben die Amerikaner laut dem "Giving USA"-Bericht im Jahr 2018 gespendet, das sind etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mehr als zwei Drittel steuern individuelle Geber bei, der Rest kommt von Unternehmen, Stiftungen und aus Nachlässen. Statistisch spendet etwa jeder zweite Bürger.

Besonderes Aufsehen erregen immer wieder spektakuläre Ankündigungen amerikanischer Milliardäre, die sich der Bewegung "the Giving Pledge" anschließen, auf Deutsch ungefähr: das Spendeversprechen.

Mehr als 200 Mitglieder hat der Klub der superreichen Guten bereits, der vor neun Jahren von Warren Buffett gemeinsam mit Bill und Melinda Gates gegründet wurde. Mitmachen darf nur, wer eine Milliarde besitzt - oder besitzen würde, wenn er nicht versprochen hätte, mindestens die Hälfte des eigenen Reichtums abzugeben.

In diesem Jahr machte MacKenzie Bezos Schlagzeilen, die kurz nach der Scheidung von Amazon-Gründer Jeff Bezos erklärte, aus ihrem Vermögen so lange spenden zu wollen, "bis der Safe leer ist".

Gutes tun lohnt sich bei der Steuer

Im World Giving Index der Charities Aid Foundation, der die Hilfsbereitschaft gegenüber den Mitmenschen misst, landen die USA auf Platz vier, Deutschland kommt nur auf Rang 22. Das hat auch mit dem Staatsverständnis zu tun. Während sich die Deutschen generell darauf verlassen, dass der Gesetzgeber ihre Steuern sinnvoll verteilt, wollen die Amerikaner lieber selbst entscheiden, wofür sie ihre hart verdienten Dollar ausgeben. Sie trauen dem Staat nicht.

Allerdings: Gutes tun kann sich auch steuerlich lohnen. Amerikaner können Spenden vom zu versteuernden Einkommen abziehen, und zwar in faktisch unbegrenzter Höhe. Berühmt wurde der Fall der Clintons, die einst in ihrer Steuererklärung sogar Bills getragene Unterhosen als Kleidergabe mit zwei Dollar pro Stück auflisteten. Dass der Steuerspareffekt für viele Wohltäter durchaus eine Rolle spielt, zeigte sich vergangenes Jahr, als die Spenden der Privaten um mehr als ein Prozent schrumpften. Der Grund dürfte sein, dass die Trump-Regierung den pauschalen Grundfreibetrag auf 24.000 Dollar für Verheiratete erhöht hat. Nur wer mehr als das spendet, spart zusätzlich Steuern. Mancher überlegte es sich da anders.

Amerikas Gesellschaft scheint nicht nur beim Verdienst, sondern auch beim Verteilen auseinanderzudriften. "Die Zahl der Spender sinkt. Aber diejenigen, die geben, geben mehr", sagte Una Osili von der Lilly Family School of Philanthropy in Indianapolis.

Nicht immer bringt dieses "mehr" den Empfängern auf Dauer Freude: Seit das Pharmaunternehmen der Sackler-Familie wegen der Opioid-Krise in der Kritik steht, wollen die Museen von den einst umworbenen Kunstmäzenen nichts mehr wissen. Und die Harvard University geriet unter Rechtfertigungsdruck, als sich herausstellte, dass ihr großzügiger Unterstützer Jeffrey Epstein minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen haben soll.

Das ändert nichts daran, dass der Stellenwert der Wohltätigkeit in Amerikas Gesellschaft rational und emotional hoch  ist. Man müsse einfach helfen, schrieb einer der Geber für Notre-Dame: "Wie die vielen anderen von uns, die Paris lieben, habe ich während der Nachrichten und Videos über das Feuer geweint."

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