Griechischer Finanzminister Varoufakis' Rücktrittslegende

Yanis Varoufakis beschuldigt die Euro-Gruppe, seinen Rücktritt betrieben zu haben. Doch wahrscheinlicher ist, dass der griechische Finanzminister der Athener Innenpolitik zum Opfer fiel - und seinem eigenen Verhalten.

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"Minister No More!" - mit diesen Worten kündigte Yanis Varoufakis am Montag seinen Rücktritt als griechischer Finanzminister an, und überraschte damit die Welt. Noch am Sonntagabend hätte das kaum jemand für möglich gehalten: Die klare Ablehnung des Reformkurses beim Referendum war ein Triumph für Varoufakis, der von einem majestätischen Nein sprach.

Nur Stunden später nimmt der Minister seinen Hut - und beschuldigt Griechenlands Gläubiger, seinen Rücktritt verursacht zu haben.

Kurz nach dem Bekanntwerden des Referendumsresultats hätte er erfahren, dass "einige Euro-Gruppen-Teilnehmer und bestimmte 'Partner' es bevorzugten", wenn er bei künftigen Treffen nicht mehr zugegen wäre, schrieb Varoufakis in seinem Blog. "Ich werde die Abscheu der Gläubiger mit Stolz ertragen", fügte er hinzu.

Zur Erinnerung: Das schreibt jener Mann, der Sitzungen der Eurofinanzminister heimlich mitgeschnitten hat, der seine Verhandlungspartner immer wieder provoziert und ihnen noch kurz vor dem Referendum Terrorismus vorgeworfen hat. Und nun tritt derselbe Varoufakis einfach so zurück, weil er über Umwege erfahren haben will, dass einige Mitglieder der Euro-Gruppe ihn nicht mehr mögen? Ausgerechnet nach dem Referendum, dem Augenblick des Triumphs?

In Brüssel und Athen mag das kaum jemand glauben. Als wahrscheinlicher gilt, dass Varoufakis sein eigenes Verhalten zum Verhängnis geworden ist - und die Athener Innenpolitik. Am Montagvormittag traf sich Ministerpräsident Tsipras mit Vertretern der Opposition, um die weiteren Schritte für die Verhandlungen mit den Gläubigern auszuloten. Dies gilt in Athen als Signal, dass Tsipras ein großes Interesse an einer schnellen Einigung mit den Gläubigern hat - den Eurofinanzministern, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds.

Bauernopfer für die Zusammenarbeit der Opposition?

Das Problem: Der überraschend klare Ausgang des Referendums hat die Hardliner in der Syriza-Partei gestärkt, die den totalen Bruch mit der Euro-Gruppe und eine Rückkehr zur Drachme fordern. Sollte Tsipras diesen Kräften aber nachgeben, würde die immer noch starke Pro-Euro-Fraktion seiner Partei rebellieren, heißt es in Athen.

Für Tsipras ist das eine gefährliche Situation, da seine Mehrheit im Parlament alles andere als komfortabel ist. Schon wenige Abweichler könnten reichen, um ihn bei einer Vertrauensabstimmung in Bedrängnis zu bringen - weshalb er jetzt eine Einigung mit den Moderaten in seiner Partei und der Opposition anstrebt. Die aber hätten gar nicht daran gedacht, Tsipras einen Blankoscheck auszustellen - und stattdessen Varoufakis' Kopf gefordert, berichten Insider. Dass Tsipras diesen Wunsch erfüllt habe, werteten zwei frühere griechische Minister prompt als "gutes Zeichen".

Denkbar ist aber auch, dass Varoufakis seinen Rücktritt seit Längerem geplant hatte. So selbstbewusst der Finanzminister meist auftrat, hatte er anfangs durchaus Selbstzweifel erkennen lassen. Er wisse nicht, ob er für den Job tatsächlich geeignet sei, sagte Varoufakis zu Beginn seiner Amtszeit dem "Stern". In seinem Blogeintrag zum Abschied wählte er freilich eine andere Begründung: "Wir von der Linken wissen, wie man kollektiv handelt, ohne Rücksicht auf die Privilegien des Amtes."

Von den Gläubigern: Kein Kommentar

Auf Seiten der Gläubiger herrscht dagegen Schweigen über die Hintergründe von Varoufakis' Rücktritt. Offiziell kommentieren will ihn in Brüssel niemand. "Es ist Sache der griechischen Regierung, ihre Minister zu ernennen", sagte Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der EU-Kommission, am Montag. Mehr könne er dazu nicht sagen.

Ähnlich verhält es sich in Berlin. Er habe "überhaupt keinen Hinweis", dass Varoufakis' Vorwürfe zutreffen, sagte Schäubles Sprecher Martin Jäger am Montag. Dass Schäuble und Varoufakis keine Freunde mehr werden, war bereits seit vielen Wochen klar. Schließlich war es schon vor Wochen zum offenen Bruch zwischen Varoufakis und seinen Amtskollegen gekommen. Regierungschef Tsipras hatte seinen Finanzminister zwar teilweise entmachtet, ihn aber demonstrativ im Amt belassen.

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Yanis Varoufakis: Der Rocker tritt ab
Wie groß der Frust über die unbeirrbare Linie der Griechen ist, wurde am Montag allerdings erneut deutlich - daran änderte auch Varoufakis' Rücktritt nichts. Athen, sagt Jäger, habe massive Leistungen ohne jede Gegenleistung gewollt.

Mitarbeit: Giorgios Christides


Zusammengefasst: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis ist zurückgetreten - und macht dafür Teile der Euro-Gruppe verantwortlich. Als wahrscheinlicher aber gilt, dass Regierungschef Tsipras ihn nicht mehr für tragbar hielt, weil er nach dem Referendum alles daran setzt, sich mit den Gläubigern zu einigen.

insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
uhrentoaster 06.07.2015
1. schade
Ein echter Held tritt zurück. Schade.
billhall 06.07.2015
2.
Schade, unter den ganzen selbstgefälligen EU-Biedermaiern war er eine echte Abwechslung.
bratwurst007 06.07.2015
3.
Zur Erinnerung: Das schreibt jener Mann, der Sitzungen der Euro-Finanzminister heimlich mitgeschnitten hat, Fantastisch! In einer Zeit, in der von allerhöchster Stelle abgesegnet schlicht ALLES gespeichert werden soll, ist das ein geradezu genialer Schachzug. Jetzt müsste er die Tonbänder nur noch veröffentlichen, Snowden oder Assange sind sicher dabei :-)
tbd. 06.07.2015
4. elektronische Schuldscheine
Mglw. wurde ihm auch sein Plan elektronische Schuldscheine auszugeben zum Verhängnis. Daily Telegraph: "If necessary, we will issue parallel liquidity and California-style IOU's, in an electronic form. We should have done it a week ago," said Yanis Varoufakis, the finance minister.
Christoph Leusch 06.07.2015
5. Wahrscheinlichkeit- Gründe für den Varoufakis- Rücktritt
Liebe Online Redaktion, Über was will SPIEGEL- Online hier informieren? Über Wahrscheinlichkeiten, Denkbarkeiten, Annahmen? Über das, was Varoufakis oder die offizielle Regierung, also der Regierungschef, bzw. seine Pressestelle, sagten? Oder berichtet ihr über Fakten, die euch, vielleicht nur euch, zugänglich sind? - Wenn es prüfbare Sachverhalte sind, dann aber schleunigst her damit! Was muss ich denn am Ende annehmen? Oder strebt ihr am Ende gar auch ein Volksabstimmung an? Mit den besten Grüßen Christoph Leusch
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