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22. Juni 2012, 14:16 Uhr

Griechenlands Finanzminister Rapanos

Rettung durch den roten Banker

Aus Thessaloniki berichtet

Als Wissenschaftler übte er harsche Kritik an der Finanzpolitik seines Landes, jetzt muss Vassilis Rapanos sie als zuständiger Minister selbst verantworten. Der Ökonom und Banker soll das Vertrauen von EU-Partnern und griechischen Bürgern gewinnen. Ein gewagtes Experiment.

Über die Haltung von Vassilis Rapanos zur Krise muss man nicht lange rätseln. Noch im vergangenen Jahr hat er seine Meinung mit einer Kollegin in einem wissenschaftlichen Aufsatz dokumentiert. Dass Griechenland solch hohe Schulden auftürmte, sei "die Entscheidung von Regierungen gewesen und nicht das unglückliche Ergebnis makroökonomischer Bedingungen, die sich schlechter entwickelten als gedacht", schrieb Rapanos. Die Finanzpolitik seines Landes befinde sich auf fast allen Ebenen im "Embryonalstatus".

Nun muss Rapanos zeigen, dass er diese Politik entwickeln kann. Der 65-jährige Ökonom wird Finanzminister in der Regierung des Konservativen Antonis Samaras. Rapanos steht zwar der sozialistischen Pasok nahe, die Samaras gemeinsam mit der Demokratischen Linken unterstützt. Doch er ist kein Parteisoldat und erst recht kein Berufspolitiker. Vielmehr ist er der prominenteste Vertreter einer Reihe von Technokraten, die Pasok und Dimar an Stelle eigener Mitglieder in die Regierung entsenden. Das ist neu, denn bisher waren die Regierungen beherrscht von Vertretern von Nea Demokratia (ND) und Pasok, die außer dem politischen Handwerk wenig gelernt hatten.

So sind die Griechen wenig beeindruckt von den Studentenjobs als Mensa-Mitarbeiter oder Pizzabäcker, mit denen Ex-Premier Georgios Papandreou und sein Nachfolger Samaras heute ihre Erfahrungen in der normalen Arbeitswelt belegen wollen. Der Zorn auf die abgehobene Politikerkaste ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Die Berufung von Experten wie Rapanos steht damit auch für den Versuch, Vertrauen zurückzugewinnen.

Aber ist Rapanos dafür der richtige Mann? Immerhin lenkte er zuletzt die private National Bank of Greece und gehört damit zu einer Berufsgruppe, deren Ansehen in den vergangenen Jahren noch stärker gelitten hat als das der Politiker. Dennoch spricht einiges dafür, dass der Banker eine gute Wahl ist.

Brüssel kennt er schon

Sachverstand bei Finanzen und Wirtschaft besitzt Rapanos zweifellos. Neben der Bank of Greece führte er auch den Telekommunikationskonzern OTE und war Chef des griechischen Bankenverbands. Außerdem hat Rapanos Erfahrungen in der Politik. Als Chef des Sachverständigenrats im Wirtschafts- und Finanzministerium war er ein enger Berater des sozialistischen Ministerpräsidenten Kostas Simitis. Er vertrat sein Land bei der OECD und bei der EU - Erfahrungen, die ihm bei den schon bald anstehenden Verhandlungen über neue Hilfsmilliarden helfen dürfte.

Hilfreich könnte auch Rapanos' Charakter sein. Er gilt als unprätentiös und diplomatisch - ein Kontrast zu seinem Vorgänger Evangelos Venizelos, der für sein großes Ego bekannt ist. Ganz unkritisch dürfte man Rapanos in Brüssel dennoch nicht begegnen. Denn er gehörte zu jenem Team, das einst Griechenlands Betritt zum Euro vorbereitete. Der beruhte, wie man mittlerweile weiß, auf falschen Zahlen.

Zudem hat Rapanos bereits bewiesen, dass auch Experten irren können. Als Chef des Bankenverbands pries er noch 2010 die Voraussicht der griechischen Institute, weil sie rechtzeitig den Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkts vorhergesehen hätten. Die griechischen Banken seien "bereit für die Herausforderungen der Zukunft", sagte Rapanos damals.

Als nur schwer zu bewältigende Herausforderung stellten sich dann aber griechische Staatsanleihen heraus, welche die heimischen Banken in großem Stil gekauft hatten. Der Schuldenschnitt trieb sie tief in die roten Zahlen, die von Rapanos geführte National Bank musste mit zwölf Milliarden Euro die mit Abstand größte Summe abschreiben.

Sollte die Vergangenheit als Banker zum Problem werden, kann Rapanos aber immer noch auf seine Jugend verweisen: Unter der Obristendiktatur gehörte er einer linken Widerstandsgruppe an, wurde verhaftet und saß vier Jahre im Gefängnis. Eher linke Ansichten zeigte er auch noch in seiner Krisenanalyse aus dem vergangenen Jahr. Veränderungen würden nur ausreichende Unterstützung bekommen, schrieb er da, "wenn die Öffentlichkeit überzeugt ist, dass die Last finanzieller Anpassungen gleichmäßig verteilt ist und weder die Wachstumsperspektiven ernsthaft gefährdet noch den sozialen Zusammenhalt zerstört".

Unbeliebte Reformerrolle

Es wird spannend wie Rapanos diese Ziele in Einklang bringen will. Eine Lockerung der Sparauflagen und auch Wachstumsprogramme der EU scheinen zwar inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Doch gerade Griechenlands Geringverdiener dürften von den massiven Kürzungen im Land weiter besonders betroffen sein. Rapanos wird neben dem Premier am meisten mit dem Spardiktat in Verbindung gebracht werden. Wie unbeliebt die Reformerrolle in der neuen Regierung ist, deutete auch die schwierige Suche nach einem neuen Arbeitsminister an - offenbar brannte niemand darauf, die geplanten Liberalisierungen zu verantworten.

Finanzminister Rapanos muss sich zudem schon bald mit den griechischen Banken auseinandersetzen. Nach dem Schuldenschnitt sollen sie mit Milliarden rekapitalisiert werden. Dann wird Rapanos Unabhängigkeit gegenüber Verhandlungspartnern demonstrieren müssen, die noch vor kurzem seine Kollegen waren.

Dass ein Technokrat in diesen Tagen nicht das schlechteste sein muss, hat schon ein anderer Grieche bewiesen: Loukas Papademos gelangte als Ökonom und Vizechef der Europäischen Zentralbank zu viel Ansehen, bevor er Ende letzten Jahres die Führung der griechischen Übergangsregierung übernahm. Erfolgreich setzte er weitere Sparpakete und den Schuldenschnitt durch, jetzt gibt Papademos sein Amt ohne großes Aufhebens wieder ab.

Rapanos dürfte sich bei Papademos vorab den ein oder anderen Tipp für das Regierungshandwerk geholt haben: Die beiden sind eng befreundet und verbringen auf Rapanos' Heimatinsel Kos sogar gemeinsame Urlaube.

Mitarbeit: Georgios Christidis

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