Wirtschaftskrise Venezuela geht das Bier aus

Vier Stunden am Tag ohne Strom, Bier gibt es bald gar nicht mehr. Die tiefe Wirtschaftskrise zwingt Venezuela zu immer radikaleren Sparmaßnahmen. Das sozialistisch regierte Land steht vor dem Ruin.

Polar-Bier
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Polar-Bier


Wegen des akuten Gerstenmangels sieht sich einer der größten Bierbrauer Venezuelas zum Produktionsstopp gezwungen. Der Polar-Konzern, das größte Privatunternehmen des sozialistischen Landes, begründete das damit, dass die Gerstenvorräte bis zum 29. April erschöpft seien.

Venezuela steht am Rande des Ruins und muss schwer darum kämpfen, milliardenschwere Auslandsanleihen zu bedienen. Weil die Regierung den Handel mit ausländischen Währungen einschränkt, sehe sich Polar außerstande, weiter Gerstenmalz aus dem Ausland einzuführen - in Venezuela wächst keine Gerste. "Diese Situation betrifft 10.000 Angestellte direkt", teilte Polar mit. Zudem seien mehr als 300.000 Menschen indirekt betroffen, etwa Händler und Lastwagenfahrer.

Es gibt die weltweit höchste Inflation sowie Mangelwirtschaft. Das Land ist stark von Einnahmen aus dem Ölexport abhängig und leidet unter dem niedrigen Preis.

Seltener arbeiten, seltener föhnen

Dazu kommt ein akuter Strommangel, der die Regierung zu immer verzweifelteren Maßnahmen zwingt: Ursprünglich wollte die Regierung vier Freitage freigeben , tatsächlich waren diese Woche aber nur zwei Tage vollständige Arbeitstage. Nun kündigte Energieminister Luis Motta an, dass jeder Stromverbraucher ab kommenden Montag vier Stunden am Tag ohne Strom auskommen muss - die Sparmaßnahme gilt vorerst für 40 Tage.

Außerdem soll die Uhrzeit vom 1. Mai an um eine halbe Stunde vorgestellt werden , Präsident Nicolas Maduro hat Frauen dazu aufgefordert, sich seltener die Haare zu föhnen.

Grund für die Knappheit ist Regierungsangaben zufolge ein akuter Wassermangel im Guri-Stausee, das dortige Kraftwerk produziert über 60 Prozent der Energie des Landes mit den größten Ölreserven der Welt. In dem See ist der Pegel auf knapp 243 Meter gefallen, ab 240 Metern ist keine Stromproduktion mehr möglich. Ohne Regen droht ein Produktionsstopp.

Präsident Nicolás Maduro macht das Klimaphänomen El Niño für einen starken Temperaturanstieg verantwortlich, der den Wasserpegel habe stark sinken lassen. Die Opposition macht hingegen die marode Infrastruktur und fehlenden Investitionen in neue Kraftwerke als Hauptgrund für die Energiekrise aus.

Mangelwirtschaft in Venezuela

ade/dpa



insgesamt 79 Beiträge
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Direwolf 22.04.2016
1. Nun gehts ans Eingemachte
Wenn auch noch Polar den Betrieb einstellt, dürfte in Venezuela quasi nichts mehr produziert werden. Ausserdem erscheint es fraglich, wie das Land phne kühles Polar existieren soll. Btw. sind da gar nicht mehr die Damen aus dem Polar Kalender auf den Dosen abgebildet?
olaf.lieser 22.04.2016
2. Warum nicht hier dieses Experiment?
Das war/ist doch demokratischer Sozialismus. Das, was Augstein und Konsorten gerne hier probieren wollen. Nur Mut. Hier klappt es bestimmt viel besser. Oder sind die USA schuld, dass es in Venezuela kein Bier, kein Strom und oft zuwenig Klopapier gibt? Auch diese These steht im Raum. Die sozialistischen Mechanismen sind nicht schuld, nicht wahr? Weder waren sie es im totalitären Sozialismus der Ostblockzeit, noch im demokratischen Sozialismus Venezuelas oder Argentiniens (wo die Kirchners auch nichts anderes gemacht haben). Wie auch immer, probiert es nur nochmal aus - ich bin dann wieder weg, und viele andere sicher auch.
hisch88 22.04.2016
3.
""marode Infrastruktur und fehlenden Investitionen in neue Kraftwerke als Hauptgrund für die Energiekrise aus"" Es ist zum Heulen, die hatten 10 Jahre Geld en mas eingenommen. Hatten ausreichend Zeit Windkraftwerke, Solarenergie, Entsalzungsanlagen, sprich Alternativen zu dem einen strombringenden Stausee, auf zu bauen und was hat die sozialistische Regierung gemacht ... nichts. Chavez ist gewählt worden um mit der Korruption und dem "Saustall" in der Regierungsebene auf zu räumen. Diese super-sozialistische Regierung (eine Wunschregierung vieler unserer ach so repräsentativen Korrespondenten in D) wird vermutlich als die korrupteste Regierung Venezuelas in die Geschichtsbücher eingehen, gepaart mit völliger Unfähigkeit. Es ist traurig, ein so schönes Land wegen so sozialistischen Spinnern kaputtgehen zu sehen.
kalle blomquist 22.04.2016
4. Sozialismus
Es hat keinen Sinn. Es kann zehnmal schief gehen, hundert Mal, immer wieder. Die Anhänger des Sozialismus werden sich durch Fakten und Erfahrungen ihre schöne Idee nicht kaputtmachen lassen. Sie werden erst sagen: Es läuft doch gut ("Lula hat Millionen aus der Armut geholt", "Chavez hat den Armen auf den Hügeln ihre Würde zurückgegeben"), wenn das nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, kritisieren sie milde, schwächen die Kritik aber gleich ab ("War nicht alles schlecht in der DDR, alle hatten Arbeit", "In Cuba haben immerhin alle eine Grastis-Krankenversorgung"), wenn dies dann nicht mehr trägt, sind andere schuld ("Die USA hat sie nicht hochkommen lassen", "Reagan hat die UdSSR totgerüstet"), wenn dies irgendwann auch zu brüchig geworden ist, kann man immer noch sagen: Dies WAR ja gar nicht der richtige Sozialismus, da hatte sich eine Bürokratenclique der sozialistischen Idee bemächtigt. Der glorreichen, glorreichen Idee.
hakmak 22.04.2016
5. Venezuela ist ein failed state
Durch den niedrigen Ölpreis erhält das Land schon einmal einen Vorgeschmack darauf wie es ist, wenn das Öl irgendwann verbraucht ist.
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