Misswirtschaft in Venezuela Ruin einer Ölgroßmacht

Zehntausende Menschen protestieren in Venezuela - gegen politische Repression und eine gigantische Wirtschaftskrise. Dabei war das Land einst wohlhabend und hat die größten bekannten Ölreserven der Welt.

Wasserleitung in Venezuelas Hauptstadt Caracas
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Wasserleitung in Venezuelas Hauptstadt Caracas


José Guerras Nachname heißt übersetzt Krieg. Von Krieg ist in diesen Tagen in Venezuela viel die Rede. Vom drohenden Bürgerkrieg, vom Krieg zwischen Regierung und Opposition, vom angeblichen Wirtschaftskrieg des Auslands gegen die Sozialisten. Bereits 26 Menschen wurden bei Protesten und Unruhen im April getötet, allein an diesem Montag kamen vier Menschen ums Leben.

José Guerra hat Angst. Der 60-Jährige ist einer der wichtigsten Ökonomen des Landes und Abgeordneter der Opposition im kaltgestellten Parlament. Treffen in Caracas, in einem gut gesicherten Restaurant im Stadtteil Altamira, Bastion der Opposition, hier lebt die Ober- und Mittelschicht. Als ein Wortführer, der für das Ende der Präsidentschaft des Sozialisten Nicolás Maduro kämpft, muss Guerra fürchten, im Gefängnis zu landen. "Das ökonomische Modell von Maduro hat uns in den Ruin geführt", sagt er.

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Venezuela: Endspiel um die Demokratie

Dabei war das Land lange Zeit eines der reichsten Südamerikas. Venezuela hat mit 300,8 Milliarden Barrel (ein Barrel = 159 Liter) die größten bekannten Ölreserven der Welt. Bis 2014 lag das Land mit 367 Tonnen Gold weltweit auf Platz drei der Staaten mit dem größten Goldanteil an den Währungsreserven. 2,5 Millionen Barrel pro Tag wurden gefördert. "Venezuela könnte das neue Saudi-Arabien werden", so lauteten vor wenigen Jahren noch die Schlagzeilen.

Heute droht der Ruin, einige Wirtschaftsstatistiken sehen Venezuela sogar hinter Haiti. Die Ölförderung ist massiv eingebrochen. "Aber die Regierung veröffentlicht ja keine Zahlen mehr, etwa zum Bruttoinlandsprodukt", sagt Guerra. Schätzungen zufolge ist es 2016 um bis zu 18 Prozent geschrumpft. Alles steht und fällt mit dem riesigen Staatskonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA). Um die immer größeren Sozialleistungen zu finanzieren, wurden bis zu 13 Prozent Zinsen auf PDVSA-Anleihen geboten.

Privates Unternehmertum wird ausgebremst, zuletzt wurde sogar die Autofabrik des US-Konzerns General Motors beschlagnahmt. Die Schulden werden immer größer, im April müssen knapp drei Milliarden Dollar für Anleihen zurückgezahlt werden. Es hat eine riesige Kapitalflucht gegeben - weil die Regierung aber einen Staatsbankrott und damit eine Beschlagnahmung der Ölfelder durch das Ausland fürchtet, werden die Schulden bedient. Es ist ein Drahtseilakt, die Pleite kann jederzeit eintreten. Die Goldreserven sind auf nur noch 170 Tonnen geschrumpft.

José Guerra
DPA

José Guerra

Parlamentspräsident Julio Borges hat Briefe an ein Dutzend Großbanken weltweit verschickt mit der Bitte, Maduro kein Gold mehr abzukaufen. Gold und Geld fehlen für Lebensmittel und Medikamente. Wer einmal in der Abenddämmerung an der Müllkippe "La Bonanza" vorbeigefahren ist, wo Hunderte Menschen sich mit Geiern um abgeladene Essensreste streiten, bekommt ein Gefühl, wie tief das Land abgestürzt ist. Früher brachte auch der Tourismus viel Geld - etwa auf die Karibikinsel Isla Margerita. Aber heute verirrt sich kaum noch ein Tourist in das Land, das 2016 erschreckende 28.400 Morde zählte.

Die vom 2013 verstorbenen früheren Präsidenten Hugo Chávez begonnene und von seinem Nachfolger Maduro fortgesetzte "Revolution" erfolgte auf Pump, 95 Prozent der Exporteinnahmen hängen vom Öl ab. Maduro setzte allein auf die Hoffnung, der Ölpreis werde sich rasch wieder erholen. Venezuela braucht mindestens 70 bis 80 Dollar je Barrel, um den Haushalt zu finanzieren. Seit Ende 2014 liegt der Ölpreis unter dieser Marke, zeitweise sogar unter 30 Dollar. Der Raffineriekomplex Paraguaná gilt von der Kapazität her als der drittgrößte der Welt, bis zu 950.000 Barrel pro Tag können dort verarbeitet werden. Aber mangels Geld für Investitionen und ausländischem Know-how werden keine 40 Prozent davon geschafft. So muss Venezuela für mehrere Milliarden Dollar aus dem Ausland Benzin einführen, selbst vom Erzfeind USA.

Dem Ökonomen Alfredo Serrano zufolge sanken die Öleinnahmen von 39,7 Milliarden Dollar im Jahr 2014 auf 13,24 Milliarden Dollar im Jahr 2015 und lagen 2016 bei lediglich noch 5,29 Milliarden US-Dollar. Benzin wird trotz allem weiter hoch subventioniert, es ist das billigste der Welt. Wasser hingegen wird zum Luxusgut, die Flasche kostet so viel wie 250 Liter Benzin an der Zapfsäule in Caracas.

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Dass Tausende PDVSA-Fachkräfte noch unter Chávez gefeuert und durch loyale Parteigänger ersetzt wurden, beschleunigte den Niedergang des riesigen Konzerns mit mehr als 140.000 Beschäftigten. Wegen des Erdöls wurde zudem statt auf den Aufbau einer starken eigenen Wirtschaft auf den Import wichtiger Güter gesetzt.

Guerra, Präsident der Finanzkommission des Parlaments, verdeutlicht die daraus resultierende Versorgungskrise an einem Vergleich: "2012 wurden Güter für 52 Milliarden Dollar importiert, darunter für zwölf Milliarden Lebensmittel." Vier Jahre später, 2016, waren es insgesamt 20 Milliarden Dollar, für Lebensmittel konnten nur noch drei Milliarden Dollar aufgebracht werden.

Warum wird nicht mehr im Land produziert, Weizen angebaut, damit es genug Brot gibt? "Weil die Preise reguliert sind", sagt Guerra. In Zeiten einer Hyperinflation von mehr als 700 Prozent decken die Erträge nicht die Kosten. Und es fehle Geld für Saatgut. "Es ist traurig, es gibt heute Hunger in Venezuela", sagt Guerra. Auch nach einem möglichen Machtwechsel komme Venezuela ohne Schuldenschnitt nicht auf die Beine. "Um etwas aufzubauen, braucht man sehr lange", meint Guerra. "Etwas zu zerstören kann ziemlich schnell gehen."

Georg Ismar, dpa/fdi

insgesamt 20 Beiträge
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dwg 25.04.2017
1.
Und gleich kommt hier wieder jemand um die Ecke, daß es die bösen Amerikaner sind. Eine Flasche als Äquivalent zu 250l Benzin. Wenn es nicht so traurig wäre... Maduro mag ein guter Busfahrer gewesen sein - als Diktator ist er eine Niete.
wilam 25.04.2017
2. VEnezuela
fehlt sogar der Organisationsgrad, um seinen Reichtum zu nutzen. Dazu wird es demnächst die doppelte Bevölkerungsdichte haben. Dann wird der Feind gesucht. Ja, der Imperialismus - aber der ist zu weit weg. Also die Reichen. Die Reichen hier und die Armen mit den Verführern da und beide mit den gewonnenen Teilen des Militärs. Das gibt die Mutter aller Bürgerkriege.
bloub 25.04.2017
3.
ganz sicher war das land mal reich, wird so ungefähr 40-50 jahre her sein. aber wie so oft im kapitalismus hat der durchschnittsvenezualaner davon nichts gesehen. bezeichnend, das erst unter chavez die armutszahlen sich in positiver richtung entwickelt haben.
freiheitimherzen 25.04.2017
4. Nicht viel verstanden
Zitat von bloubganz sicher war das land mal reich, wird so ungefähr 40-50 jahre her sein. aber wie so oft im kapitalismus hat der durchschnittsvenezualaner davon nichts gesehen. bezeichnend, das erst unter chavez die armutszahlen sich in positiver richtung entwickelt haben.
Sehr geehrter bloub, Was "auf Pump" bedeutet, haben Sie wohl nicht wirklich verstanden, oder? Chávez und Maduro haben immer mehr für ihre Anhänger ausgegeben als sie einnehmen konnten. Genau das nennt man Mißwirtschaft und ist ein Markenzeichen des Sozialismus seit er irgendwo an die Macht kam. Peinlich, wie Sie sich galoppierende Inkompetenz schön reden. Wir haben gute Freunde in Venezuela und es ist nur noch eine Katastrophe wie brutal und menschenverachend Maduro gegen sein eigenes volk vorgeht. Selbst die Parteigänger von Chávez und Maduro haben heute weniger als vorher. Eine ganze Nation hungert. Wir wünschen allen Venezolanern, daß sie diese zutiefst kriminelle Regierung so schnell wie möglich beseitigen können. Viele Grüße
hegoat 25.04.2017
5.
Jetzt wurden im Artikel eindrucksvoll die Symptome beschrieben, aber was die die Ursachen? Das Land ist rohstoffmäßig eins der reichsten der Welt, wie kann man das vor die Wand fahren? An der Verklappung von Parteiapparatschiks in den staatlichen Ölkonzern kann es ja allein nicht gelegen haben.
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