Ver.di-Chef Der gezähmte Bsirske

Mindestlohn, Rente mit 63 und Tarifeinheit: Der Koalitionsvertrag von Union und SPD stößt selbst bei Gewerkschaftshardlinern wie Ver.di-Chef Frank Bsirske auf Zuspruch, der Polterer wirkt plötzlich handzahm. Doch hinter der Zustimmung steckt auch Kalkül.

Die Kanzlerin und der Gewerkschaftsboss: Lob für die gute Zuhörerin
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Die Kanzlerin und der Gewerkschaftsboss: Lob für die gute Zuhörerin

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Berlin - Frank Bsirske steht auf der Bühne der Dortmunder Westfalenhalle und reckt beide Mittelfinger in die Höhe. Der Ver.di-Boss hat sich in Rage geredet über die Arbeitsmarktpolitik, jetzt ist er bei der Pleitebank Hypo Real Estate angekommen, bei ihrem Ex-Chef Axel Wieandt und seiner üppigen Pension. Da gehen die Stinkefinger nach oben.

Das war vor drei Jahren. Inzwischen ist die schwarz-gelbe Koalition abgewählt, ein neuer Koalitionsvertrag steht. Die Kanzlerin ist dieselbe - doch Frank Bsirske wirkt wie ausgetauscht. "Es ist eine Zäsur auf dem Arbeitsmarkt auf den Weg gebracht worden", sagt der Gewerkschafter, und meint damit den Beschluss zur Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. "Es führt kein Weg mehr zurück." Die künftige Regierung unter Angela Merkel habe die "wichtigen Weichen gestellt".

Was ist bloß mit Bsirske los? Mit dem Mann, den viele als Polterer kennen - wahlweise mit Megafon oder Trillerpfeife am Mund. Der über die Prekarisierung Deutschlands schimpft, sich über Reiche mokiert und über die Schwäche der Regierung Merkel. Jetzt aber betont Bsirske lieber, dass sich die Kanzlerin viel Zeit genommen habe, um die arbeitsmarktpolitischen Ideen der Gewerkschaften anzuhören. Vieles, wenn auch nicht alles, finde sich nun auch im Koalitionsvertrag wieder - vom Mindestlohn über die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren bis hin zur Stärkung der Tarifeinheit. Und selbst die "sachfremd" über die Rentenversicherung finanzierte Mütterrente findet Bsirske prinzipiell gut.

Es wirkt so, als habe Angela Merkel den Chef der zweitgrößten Gewerkschaft Deutschlands gezähmt, der fast beiläufig kritisiert, dass der Koalitionsvertrag zu wenig vorsehe gegen den Missbrauch von Werkverträgen, Leiharbeit oder befristeten Arbeitsverträgen - und dass selbst der Mindestlohn erst nach einer langen Übergangszeit flächendeckend gelten wird.

Bsirske mit Werbebanner für den Mindestlohn: Kurz vor dem Ziel
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Bsirske mit Werbebanner für den Mindestlohn: Kurz vor dem Ziel

Erstmals Mitgliederzuwachs

Bsirskes neue Milde lässt sich zumindest zum Teil damit erklären, dass der Gewerkschafter mit der Einführung des Mindestlohns kurz davor steht, sein wichtigstes Ziel zu erreichen. Fast so lange wie der Ver.di-Chef im Amt ist, hat er dafür gekämpft. So fehlte seit gut einem Jahrzehnt in kaum einer Rede Bsirskes die Forderung nach einer allgemeinen gesetzlichen Lohnuntergrenze. Stolz sagt er denn nun auch: "Uns ist es gelungen, den Blick der Gesellschaft auf Armutslöhne zu lenken." Und - ganz nebenbei - erstmals seit Gründung der Gewerkschaft die Zahl der Mitglieder wieder zu steigern, wenn auch nur mit einem kleinen Plus von 1700 auf gut 2,06 Millionen.

Die handzahme neue Linie Bsirskes ist jedoch auch Kalkül. Das Schicksal des Mindestlohns liegt nun in den Händen der SPD-Mitglieder, weiß auch Bsirske. Stimmen die Sozialdemokraten im Mitgliederentscheid gegen den Koalitionsvertrag, fällt die schwarz-rote Koalition auseinander noch bevor sie richtig zustande kam. Was dann kommt, dürfte dem Mindestlohn kaum nützen.

Entsprechend hält sich Bsirske mit scharfer Kritik an der künftigen Koalition zurück - selbst wenn die Gewerkschaften offiziell keine Empfehlung abgeben wollen. Bsirskes sorgsam formulierter Rat lautet daher lediglich: "Die SPD-Mitglieder sollten sich gut überlegen, welche Ziele sie außerhalb dieser Koalition erreichen können."



insgesamt 20 Beiträge
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Paul-Merlin 05.12.2013
1. Bsirske war immer
Zitat von sysopDPAMindestlohn, Rente mit 63 und Tarifeinheit: Der Koalitionsvertrag von Union und SPD stößt selbst bei Gewerkschaftshardlinern wie Ver.di-Chef Frank Bsirske auf Zuspruch, der Polterer wirkt plötzlich handzahm. Doch hinter der Zustimmung steckt auch Kalkül. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ver-di-frank-bsirske-lobt-schwarz-roten-koalitionsvertrag-a-937117.html
handzahm, das ist nun wirklich nichts neues. Kritische Beobachter hatten bei Tarifverhandlungen bei dem Mann öfters das Gefühl, dass er eigentlich auf die andere Seite des Verhandlungstisches gehört hat. Der Wechsel vom (sozial orientierten) BAT zum (vorgeblich leistungsorientierten) und für die Mitglieder deutlich schlechteren TVöD wäre ohne sein "Verhandlungsgeschick" kaum erfolgt. Schwache Gehalts-Tarifabschlüsse für den öffentlichen Dienst, die nicht einmal die Inflationsraten abdeckten, ein indiskutabler neuer Altersteilzeittarifvertrag (TV FlexAZ) und eine lückenhafte, für die ATZ´ler schlechte Vertragsgestaltung beim vorhergehenden TV ATZ, stehen beispielhaft für eine Vielzahl eher unglücklicher Leistungen an der Spitze von Verdi.
ausmisten 05.12.2013
2. Handzahm ?
Da wird wohl eher die Privatkasse stimmen , wie bei Herrn Fischer , ebenfalls Gruene . Erst heute habe ich ein Video gesehen , in dem Herr Fischer bis zum Platzen gerundet , BMW bewirbt . Warum sollte Herr Bsirske also weiter "wilder Mann" spielen ?
nemensis_01@web.de 05.12.2013
3. Bsirskes Probleme
sind sicher nicht die Probleme der bildungsfernen Schichten. Die Gewerkschaften haben sich längst auch von diesem Teil der Gesellschaft verabschiedet und hecheln auch nur der Besitzstandswahrung ihrer Klientel hinterher. Und seit es diese dubiosen Christlichen Gewerkschaften gibt, haben sie soviel Angst Mitglieder zu verlieren, dass sie inzwischen jedes Lumpenstück mitmachen. Auch diese Augenwischerei Mindestlohn. Ich bin mal gespannt, wieviele Arbeitnehmer durch zwielichte Tarifverträge noch organisiert werden, damit man ihn wenigstens bis 2017 wegdrücken kann.
mike_litoris 05.12.2013
4. Applaus von links
Grund genug, sich große Sorgen zu machen
gerd.lt 05.12.2013
5. scharfer Hund?
Gut das Bsirske nicht zur SPD Basis gehört. Wenn es nicht zur Koalition Union/SPD kommt wird der Mindestlohn so oder so kommen. Dieses Sahnehäubchen wird Merkel gegen die SPD ausspielen. Also ist der Mindestlohn kein Argument für die Koalition. Gegen die Koalition sprechen gewichtige andere Dinge. Grundsätzliche Vorsicht ist geboten vor Personen, die in jungen Jahren scharfe Hunde waren, und sich im Alter plötzlich so geläutert geben. Liebe SPD Basis stimmt mit nein!
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