SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Mai 2010, 15:34 Uhr

Verbot von Leerverkäufen

Finanzprofis schimpfen über deutsche Zockerbremse

Der deutsche Alleingang beim Verbot von Leerverkäufen stößt weltweit auf Kritik. Finanzexperten halten das Instrument für wirkungslos, Paris und die EU-Kommission reagieren irritiert auf das Vorpreschen der schwarz-gelben Regierung.

Berlin/Brüssel/Paris - Das deutsche Verbot von spekulativen Leerverkäufen sorgt für Unruhe in der Finanzwelt und in der Politik: "Ich finde, dass jemand bei einer solchen Maßnahme zumindest den Rat der anderen Mitgliedstaaten einholen sollte", sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. "Wir haben nicht vor, dem Schritt zu folgen." Spanien unterstützt dagegen den deutschen Alleingang. "Wir stehen voll und ganz hinter den Entscheidungen von Bundeskanzlerin Merkel", sagte der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero.

EU-Finanzregulierungskommissar Michel Barnier mahnte am Mittwoch in Brüssel, "regulatorische Willkür und eine Aufsplitterung innerhalb der EU und global" müssten verhindert werden. Solche Maßnahmen seien "wirksamer, wenn sie auf europäischer Ebene abgestimmt" würden. Es sei wichtig, "dass wir schnell eine europäische Regelung in Kraft setzen".

Barnier betonte, er verstehe die Sorge über mögliche Auswirkungen der riskanten Transaktionen auf die unruhigen Märkte. Doch sei es "wichtig, dass die EU-Mitgliedstaaten gemeinsam handeln". Die Angelegenheit müsse deswegen auf dem Euro-Gruppen-Finanzministertreffen am Freitag in Brüssel besprochen werden. Notwendig sei ein europäisches Regelwerk, um Willkür und Fragmentierung zu vermeiden.

"Marktzweifel an der Glaubwürdigkeit der europäischen Politik"

Er verwies darauf, dass die Kommission bereits eine Arbeitgruppe eingesetzt habe und dass er binnen weniger Wochen Empfehlungen für Leerverkaufs-Regelungen vorlegen werde. Einen formellen Vorschlag der Kommission werde es aber erst im Oktober geben. Schneller reagierte der Markt. Das unerwartete Verbot ungedeckter Leerverkäufe sorgte in der Nacht zu Mittwoch für einen Schock auf den internationalen Finanzmärkten. Der Kurs des Euro sank zwischenzeitlich unter 1,22 Dollar, den niedrigsten Stand seit April 2006. Am Mittwoch erholte sich die Währung wieder etwas.

Der Alleingang wirke wie ein hilfloses Um-sich-Schlagen, meinte der Währungsexperte der New Yorker Investmentfirma Brown Brothers, Marc Chandler. "Es erscheint unausgegoren und nicht wirklich durchdacht und bestärkt Marktzweifel an der Glaubwürdigkeit der europäischen Politik."

Nach Einschätzung von Commerzbank-Portfoliomanager Gunnar Stangl werden Händler in Deutschland künftig einfach auf andere Finanzplätze ausweichen. Der größte Teil des Handels mit den in die Kritik geratenen Kreditausfallversicherungen, den sogenannten Credit Default Swaps (CDS), werde bislang ohnehin nicht in Frankfurt sondern in Zentren wie London oder New York abgewickelt, sagte Stangl.

"Sehr stumpfes Instrument"

"Das ist ein sehr stumpfes Instrument, das keinerlei Sinn hat", sagte auch Bob Pozen, Chef des Vermögensverwalters MFS Investment Management. Das hätten ähnliche Verbote in den USA während der Finanzkrise gezeigt. Schließlich hätten sie den Preisverfall nicht stoppen können. Die deutsche Reaktion sei zwar verständlich, aber unwirksam. Von dem Verbot profitierten vor allem europäische Exporteure und die US-Staatsanleihen, sagte Pozen.

Da Deutschland Leerverkäufe im Alleingang untersagt habe, sei es an den Märkten nur begrenzt wirksam, kritisierte auch der Chefvolkswirt von Generali Investments, Klaus Wiener. Deutschland setzte damit aber immerhin ein Zeichen. "Es bringt erst mal nicht viel, aber es hat Symbolcharakter." Ähnlich äußerte sich auch der Verband der Landes- und Förderbanken (VÖB): Auch wenn nationale Maßnahmen nur eine beschränkte Wirkung entfalteten, sei es wichtig, dass Deutschland eine Vorreiterrolle in Europa einnehme.

wit/Reuters/AFP/dpa/apn

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung