Verbot von Leerverkäufen Finanzprofis schimpfen über deutsche Zockerbremse

Der deutsche Alleingang beim Verbot von Leerverkäufen stößt weltweit auf Kritik. Finanzexperten halten das Instrument für wirkungslos, Paris und die EU-Kommission reagieren irritiert auf das Vorpreschen der schwarz-gelben Regierung.

Frankfurter Börse: Unruhe in der Finanzwelt
ddp

Frankfurter Börse: Unruhe in der Finanzwelt


Berlin/Brüssel/Paris - Das deutsche Verbot von spekulativen Leerverkäufen sorgt für Unruhe in der Finanzwelt und in der Politik: "Ich finde, dass jemand bei einer solchen Maßnahme zumindest den Rat der anderen Mitgliedstaaten einholen sollte", sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. "Wir haben nicht vor, dem Schritt zu folgen." Spanien unterstützt dagegen den deutschen Alleingang. "Wir stehen voll und ganz hinter den Entscheidungen von Bundeskanzlerin Merkel", sagte der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero.

EU-Finanzregulierungskommissar Michel Barnier mahnte am Mittwoch in Brüssel, "regulatorische Willkür und eine Aufsplitterung innerhalb der EU und global" müssten verhindert werden. Solche Maßnahmen seien "wirksamer, wenn sie auf europäischer Ebene abgestimmt" würden. Es sei wichtig, "dass wir schnell eine europäische Regelung in Kraft setzen".

Barnier betonte, er verstehe die Sorge über mögliche Auswirkungen der riskanten Transaktionen auf die unruhigen Märkte. Doch sei es "wichtig, dass die EU-Mitgliedstaaten gemeinsam handeln". Die Angelegenheit müsse deswegen auf dem Euro-Gruppen-Finanzministertreffen am Freitag in Brüssel besprochen werden. Notwendig sei ein europäisches Regelwerk, um Willkür und Fragmentierung zu vermeiden.

"Marktzweifel an der Glaubwürdigkeit der europäischen Politik"

Er verwies darauf, dass die Kommission bereits eine Arbeitgruppe eingesetzt habe und dass er binnen weniger Wochen Empfehlungen für Leerverkaufs-Regelungen vorlegen werde. Einen formellen Vorschlag der Kommission werde es aber erst im Oktober geben. Schneller reagierte der Markt. Das unerwartete Verbot ungedeckter Leerverkäufe sorgte in der Nacht zu Mittwoch für einen Schock auf den internationalen Finanzmärkten. Der Kurs des Euro Chart zeigen sank zwischenzeitlich unter 1,22 Dollar, den niedrigsten Stand seit April 2006. Am Mittwoch erholte sich die Währung wieder etwas.

Der Alleingang wirke wie ein hilfloses Um-sich-Schlagen, meinte der Währungsexperte der New Yorker Investmentfirma Brown Brothers, Marc Chandler. "Es erscheint unausgegoren und nicht wirklich durchdacht und bestärkt Marktzweifel an der Glaubwürdigkeit der europäischen Politik."

Nach Einschätzung von Commerzbank-Portfoliomanager Gunnar Stangl werden Händler in Deutschland künftig einfach auf andere Finanzplätze ausweichen. Der größte Teil des Handels mit den in die Kritik geratenen Kreditausfallversicherungen, den sogenannten Credit Default Swaps (CDS), werde bislang ohnehin nicht in Frankfurt sondern in Zentren wie London oder New York abgewickelt, sagte Stangl.

"Sehr stumpfes Instrument"

"Das ist ein sehr stumpfes Instrument, das keinerlei Sinn hat", sagte auch Bob Pozen, Chef des Vermögensverwalters MFS Investment Management. Das hätten ähnliche Verbote in den USA während der Finanzkrise gezeigt. Schließlich hätten sie den Preisverfall nicht stoppen können. Die deutsche Reaktion sei zwar verständlich, aber unwirksam. Von dem Verbot profitierten vor allem europäische Exporteure und die US-Staatsanleihen, sagte Pozen.

Da Deutschland Leerverkäufe im Alleingang untersagt habe, sei es an den Märkten nur begrenzt wirksam, kritisierte auch der Chefvolkswirt von Generali Investments, Klaus Wiener. Deutschland setzte damit aber immerhin ein Zeichen. "Es bringt erst mal nicht viel, aber es hat Symbolcharakter." Ähnlich äußerte sich auch der Verband der Landes- und Förderbanken (VÖB): Auch wenn nationale Maßnahmen nur eine beschränkte Wirkung entfalteten, sei es wichtig, dass Deutschland eine Vorreiterrolle in Europa einnehme.

wit/Reuters/AFP/dpa/apn



insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 19.05.2010
1. kein tittel
Zitat von sysopDer deutsche Alleingang beim Verbot von Leerverkäufen stößt weltweit auf Kritik: Finanzexperten halten das Instrument für wirkungslos, Paris und die EU-Kommission reagieren irritiert auf das Vorpreschen der schwarz-gelben Regierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695659,00.html
wenn finanzprofis schimpfen, dann war die mahßnahme genau richtig. weiter so!
anin, 19.05.2010
2. Finanzdiletanten
Zitat von sysopDer deutsche Alleingang beim Verbot von Leerverkäufen stößt weltweit auf Kritik: Finanzexperten halten das Instrument für wirkungslos, Paris und die EU-Kommission reagieren irritiert auf das Vorpreschen der schwarz-gelben Regierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695659,00.html
Wenn man sich die Nachrichten über die Finanzmärkte der letzten Jahre anschaut, dann kann man gar nicht glauben, dass sich in diesem Feld überhaupt "Profis" befinden. Man sollte sie Finanzdiletanten nennen.
akita 19.05.2010
3. Wenn man einen Sumpf trockenlegen will
... sollte man nicht die Frösche nach ihrer Meinung fragen. Der Redakteur hat offensichtlich keine anderen Ansprechpartner gesucht. Quak. Quark. Und dass die EU im Jahre 3 der (akuten) Finanzkrise schon eine Arbeitsgruppe gebildet hat, die sich mit dem Thema beschäftigt, beruhigt sehr.
Kurt2, 19.05.2010
4. #1
Zitat von sysopDer deutsche Alleingang beim Verbot von Leerverkäufen stößt weltweit auf Kritik: Finanzexperten halten das Instrument für wirkungslos, Paris und die EU-Kommission reagieren irritiert auf das Vorpreschen der schwarz-gelben Regierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695659,00.html
Es schimpfen genau die richtigen Leute. Dass sie die deutsche Entscheidung für ein stumpfes Instrument halten, wie es im Artikel heißt, ist kaum glaubhaft, bei einer derartigen Reaktion. Auch die angebliche Überraschung der EU-Staaten, allen voran Frankreich, überrascht. Alles in Allem scheint dies der richtige Weg. Bleibt zu hoffen, dass Merkel und Co. nicht wieder einknicken und ihre Meinung nochmals ändern.
wander, 19.05.2010
5. ah...
das Schimpfen der Zocker ist doch die schönste Musik in den Ohren jedes verständigen Zeitgenossen. In der erzkapitalistischen Schweiz sind nackte Leerverkäufe schon immer verboten gewesen: Leerverkäufe ohne Deckung seien unzulässig, «namentlich wenn damit Marktverzerrungen beabsichtigt sind oder sie zu Marktmanipulationen eingesetzt werden.» nzz.ch/finanzen/nachrichten/keine_regelverschaerfungen_an_schweizer_boerse_1.5754693.html
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