Verlogene Slogans Nachhaltig? Nein, danke!

Fast jeder Konzern wirbt mit "Nachhaltigkeit" - egal ob er die Weltmeere verschmutzt wie BP oder Milliarden verzockt wie die HRE. Dabei brauchen die Unternehmen keine leeren Werbefloskeln, sondern eine neue ehrliche Wachstumsphilosophie.

Kämpfer gegen die Ölpest am Golf von Mexiko: Wie nachhaltig ist BP?
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Kämpfer gegen die Ölpest am Golf von Mexiko: Wie nachhaltig ist BP?

Ein Kommentar von Fred Grimm


In der Filmkomödie "Miss Undercover" spielt Sandra Bullock eine trampelige Polizistin, die als Teilnehmerin bei den "Miss America"-Wahlen eingeschleust wird. Wer den Film gesehen hat, muss lächeln, wann immer er das Wort "Weltfrieden" hört - endet doch die Präsentation der Kandidatinnen jeweils damit, dass die Schöne behauptet, sich nichts sehnlicher zu wünschen als eben das.

In der Welt der Wirtschaftsunternehmen hat das Wort "Nachhaltigkeit" einen ähnlichen Platz eingenommen wie der "Weltfrieden" im Sandra-Bullock-Film. Egal ob man die Weltmeere verschmutzt wie der britische Ölkonzern BP ("Nachhaltigkeit heißt Wahrung des Vertrauens und der Unterstützung der Menschen, die in der Nähe von BP Standorten leben") oder seine ruinösen Investmentabenteuer vom Steuerzahler bezahlen lässt wie die Hypo Real Estate ("Nachhaltigkeit heißt für die Hypo Real Estate Group, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu übernehmen"), nichts scheint Unternehmen davon abzuhalten, "Nachhaltigkeit" als herausragendes Unternehmensziel in den Geschäftsbericht hineinzuschreiben.

Autokonzerne, die durch intensive Lobbyarbeit neue, klimafreundliche Mobilitätsstrategien verhindern, gewinnen Nachhaltigkeitspreise. Chemiegiganten, deren gentechnisch verändertes Saatgut weltweit kleine Bauern in die Schuldenspirale treibt, landen bei Nachhaltigkeitsrankings weit vorn. Auch Flughafenbetreiber wirtschaften ihrem offiziellen Credo zufolge nachhaltig, ebenso wie Fast-Food-Konzerne oder die deutsche Zementindustrie.

"Weiter so, aber irgendwie netter"

Der Begriff wabert dermaßen penetrant durch die Selbstverständigungsprosa unseres Wirtschaftslebens, dass man ihn den Sonntagsrednern und Nachhaltigkeitsberichtsdichtern am liebsten für eine Weile wegnehmen würde. Denn eigentlich bedeutet Nachhaltigkeit kein "Weiter so, aber irgendwie netter"; auch nicht, Umweltsünden und schlechte Sozialstandards regelmäßig selbstkritisch zu reflektieren oder sich mehr oder minder ehrgeizige Ziele beim Energiesparen zu setzen.

Die aus der Forstwirtschaft stammende Idee, dass man nicht mehr Bäume fällen sollte, als nachwachsen können, bildet vielmehr das Prinzip einer ganz anderen Ökonomie, die Ressourcen einsetzt, aber nicht verbraucht; einer Ökonomie, die gewachsene Landschaften, Artenvielfalt, Grundwasservorräte sowie die Selbstreinigungskraft unserer Atmosphäre erhält und zukünftige Generationen fördert statt sie zu behindern.

Tatsächlich aber tritt der "ökologische Schuldentag", an dem die Menschheit das verbraucht hat, was die Erde binnen eines Jahres ersetzen kann, immer früher ein. 2009 war unser Konto bereits am 25. September überzogen - als würde es da draußen im Weltall noch eine zweite Erde geben, die wir uns bei Gelegenheit leihen könnten.

Den Wachstumsbegriff hinterfragen

Und, nein, die Welt wäre auch nicht besser dran, wenn wir Deutschen als vermeintliche Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit überall das Sagen hätten. Der Indikatorenbericht des Statistischen Bundesamts liefert alle zwei Jahre die ernüchternden Zahlen. Die offiziellen Nachhaltigkeitsziele, welche die Bundesregierung im Zusammenspiel mit der Wirtschaft für das Jahr 2020 verkündet hat, werden demnach absehbar verfehlt.

Beim "Einsatz abiotischen Primärmaterials" sind die Produktivitätssteigerungen für ein Tüftlerland wie das unsrige beinahe lächerlich. Noch immer gelingt es weder, einen effektiveren Einsatz von Energie durchzusetzen, noch die Artenvielfalt zu erhalten. Im Gegenteil: Bei den "Teilindikatoren Agrarland, Siedlungen, Binnengewässer, Küsten/Meere sowie den Alpen" registrieren die Statistiker sogar "einen signifikanten Abwärtstrend".

Solange wir in Deutschland den Wachstumsbegriff nicht hinterfragen, der sich nach der sozialen und ökologischen Qualität des erwirtschafteten Bruttosozialprodukts ausrichten müsste, sollten wir daher dem Nachhaltigkeitsgerede mit äußerstem Misstrauen begegnen. Denn letztlich verhält es sich damit wie mit dem "Weltfrieden" bei "Miss Undercover": Was alle sagen, meint eigentlich keiner.

Dieser Text von Fred Grimm ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins "enorm - Wirtschaft für den Menschen" erschienen.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
kleiner-moritz 11.07.2010
1. Nicht nur damit...
Zitat von sysopFast jeder Konzern wirbt mit "Nachhaltigkeit" - egal ob er die Weltmeere verschmutzt wie BP oder Milliarden verzockt wie die HRE. Dabei brauchen die Unternehmen keine leeren Werbefloskeln, sondern eine neue ehrliche Wachstumsphilosophie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,703358,00.html
Nicht nur mit Nachhaltigkeit, sondern auch mit Antikorruptionsregeln, die ich im Falle von Siemens ausgerechnet in dem von Korruption zerfressenen Bereich Telekommunikation unterschreiben musste!
Stefanie Bach, 11.07.2010
2. Werbung und Wachstum
"Leere Werbefloskeln" und "ehrliche Wachstumsphilosophie" ist ein sehr merkwürdiges Gegensatzpaar. Nach wie vor ist es der Staat, der die Rahmenbedingungen für Wachstum setzt. Hier geschieht zur Zeit in Europa und insbesondere in Deutschland nicht genug. Verlogene Werbung hat keinen Bestand. Die bloße Verwendung eines Begriffes wie Nachhaltigkeit wird auch auf Dauer Konsumenten nicht überzeugen können. Allerdings kann die Werbung nicht darauf verzichten, Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Verknüpfung von Event und Produkt ist hierfür ein Beispiel: VERY GOOD TRIP (http://www.plantor.de/2010/renault-megane-coupe-cabriolet-very-good-trip/).
Schwede2 11.07.2010
3. Wachstum ? - Wohin bitte sehr?
Zitat von sysopFast jeder Konzern wirbt mit "Nachhaltigkeit" - egal ob er die Weltmeere verschmutzt wie BP oder Milliarden verzockt wie die HRE. Dabei brauchen die Unternehmen keine leeren Werbefloskeln, sondern eine neue ehrliche Wachstumsphilosophie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,703358,00.html
Wenn Wachstum ehrlich sein soll, dann nur unter dem Aspekt des Null-Wachstums. Wirklich, wie soll anderes Wachstum gehen, wenn die Erde schlicht nur einmal zur Verfügung steht? Oder träumt da einer von Startrek? Derzeit sind wir dabei, diese eine Erde, die wir haben, restlos zu versauen. Siehe den Golf von Mexiko. Oder wir pumpen soviel Treibhausgase in die Luft und ändern das Klima so nachhaltig, dass dieser Planet für Menschen nicht mehr vernünftig bewohnbar ist. Ein Blick heute nach Rumänien zeigt wieder mal die - noch regionalen - Auswirkungen. Oder der Blick in die Arktis, in der im Juni 2010 soviel Eis geschmolzen ist, wie niemals vorher in den letzten 1000 Jahren. Die einzige Philosophie, die uns heute noch retten kann, wäre der Verzicht auf Vieles. - Und der wird niemals kommen. Also wird die Erde in absehbarer Zeit auf den Menschen verzichten. Denkt an Prof. Lovelock. Er liegt genau richtig.
Peter Sonntag 11.07.2010
4. Verlogene Slogans:
Soziale Gerechtigkeit Solidarität Armutsbekämpfung Menschenrechte Gleichheit Repräsentative Demokratie Gleichberechtigung Integration - alle diese Begriffe halten einer kritischen Betrachtung nicht stand, wenn sie nur rhetorisch (auf Parteitagen, bei Volksreden) eingesetzt werden. Sie sind nicht "nachhaltig".
tsitsinotis 11.07.2010
5. Das Neueste
ist "weiterentwickeln" wenn es um Preiserhöhung geht, bis vor kurzem noch "anpassen". Aber die Lüge muss sich ja weiterentwickeln bis sie platzt. Unschlagbar aber €0,99 bis €99,99.
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