Verlust für Staatsfonds Wie Gaddafi sich an der Börse verzockte

Der libysche Machthaber Gaddafi war an den Finanzmärkten offenbar wagemutiger als gedacht. Laut einem Report soll er auch Aktien deutscher Konzerne besitzen. Herbe Verluste machte sein Staatsfonds LIA aber demnach genauso wie viele Anleger in der Krise: mit hochriskanten Derivategeschäften.

Machthaber Gaddafi: Kein Unterschied zwischen privatem und staatlichem Vermögen
DPA

Machthaber Gaddafi: Kein Unterschied zwischen privatem und staatlichem Vermögen


London/Hamburg - Auf Seite 14 wird es bitter: Hier ist eine Reihe von Derivaten aufgelistet - also Finanzprodukten, mit denen man auf die Entwicklung von Kursen wettet. Die aufgeführten Fonds hat es schwer erwischt: Ihr Buchwert von 1,2 Milliarden Dollar ist auf einen Marktwert von knapp 19,9 Millionen Dollar geschrumpft - ein Verlust von 98,5 Prozent.

Die dramatischen Zahlen sollen vom libysche Staatsfonds LIA stammen. Sie finden sich in einem Report, den die britische Nichtregierungsorgansiation Global Witness veröffentlichte und über den als erstes die "Financial Times" ("FT") berichtete. Stimmen die Angaben in dem auf den 30. Juni 2010 datierten Bericht, so hat sich das Regime des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi mit spekulativen Finanzprodukten gewaltig verzockt.

Allein die LIA-Investments bei Banken und Hedgefonds schrumpften laut "FT" von rund fünf auf etwa 3,5 Milliarden Dollar. Auch das Gesamtvermögen des Fonds reduzierte sich: Zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2010 ging es von 55,9 auf 53,3 Milliarden zurück.

An den Deals waren laut dem Bericht namhafte Banken wie Société Générale, JPMorgan Chase Chart zeigen, Credit Suisse Chart zeigenund BNP Paribas Chart zeigenbeteiligt. Auch bekannte Hedgefonds sind dem Report aufgelistet. So soll der LIA beim New Yorker Fonds Och-Ziff insgesamt 300 Millionen Dollar angelegt haben.

Aktien von Allianz bis Eon

Doch auch in Großkonzerne hat der LIA offenbar Milliarden investiert, darunter zahlreiche Dax-Unternehmen. Laut dem Bericht hält der Fonds Aktien im zwei- bis dreistelligen Millionenwert von Allianz Chart zeigen, Bayer Chart zeigen, BASF Chart zeigen, RWE Chart zeigen, Siemens Chart zeigen, Deutscher Telekom Chart zeigenund E.on Chart zeigen.

Die französische Société Générale wollte der "FT" keine Stellungnahme zu den Geschäften mit dem LIA geben. Sie kommentiere Investitionen einzelner Kunden nicht, sagte ein Sprecher. Die drei übrigen Großbanken hätten auf Anfragen nicht reagiert, schreibt die Zeitung.

Genau diese Verschwiegenheit will Global Witness beenden. Die Organisation fordert, dass Banken und Investementhäuser künftig gesetzlich verpflichtet werden, Geschäfte mit Staatsfonds offenzulegen. Zudem müssten sie sicherstellen, dass Vermögen aus libyschen Staatsfonds nicht auf private Konten des Gaddafi-Clans verschoben werde.

Dem Internationalen Strafgerichtshof zufolge macht "Gaddafi keinen Unterschied zwischen seinem persönlichem Vermögen und den Ressourcen des Landes". Die USA und Großbritannien haben bereits 55 Milliarden Dollar an Vermögenswerten des Landes eingefroren.

dab/dpa-AFX

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wago 26.05.2011
1. Personalisierung von Politik
Vielleicht ist der Trend auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten. Aber wer jede Entscheidung in Lybien gleich Gaddafi in die Schuge schiebt, der ist vielleicht ein guter Spiegel-Reporter, aber sicherlich kein guter politischer Kopf. Vermutlich hat Gaddafi mit den Entscheidungen der Fond-Manager soviel zu tun, wie die Verlagsleitung mit den Berichten einzelner Autoren! Personalisieren macht die Sache sehr einfach: hier gut - da böse - verdeckt aber die wirklichen politischen Mechanismen in Lybien, die ich persönlich nicht überblicke. Darüber würde ich gern etwas lesen und nicht dieser Geschwätz.
wago 26.05.2011
2. Personalisierung von Politik
Vielleicht ist der Trend auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten. Aber wer jede Entscheidung in Lybien gleich Gaddafi in die Schuge schiebt, der ist vielleicht ein guter Spiegel-Reporter, aber sicherlich kein guter politischer Kopf. Vermutlich hat Gaddafi mit den Entscheidungen der Fond-Manager soviel zu tun, wie die Verlagsleitung mit den Berichten einzelner Autoren! Personalisieren macht die Sache sehr einfach: hier gut - da böse - verdeckt aber die wirklichen politischen Mechanismen in Lybien, die ich persönlich nicht überblicke. Darüber würde ich gern etwas lesen und nicht dieser Geschwätz.
Kriegsgegner 26.05.2011
3. Dann befinden sich die libyschen...
Bankspezialisten auf der gleichen Linie wie die deutschen Großbanken, die sich auch auf Kosten der Steuerzahler an den Finanzmärkten verzockt haben. Und was heißt hier, Gaddafi hat sich verzockt...! Ein Irrsinn; denn das hieße ja, dass sich Frau Merkel und die Herren Obama, Cameron und Sarkozy auch verzockt hätten. Ich bitte Sie(die Herren, die den Artikel verzapft haben), seit wann zocken denn Staatsmänner an der Börse. Also, liebe Spiegel-Artikelschreiber, hängen Sie Gaddafi nicht solche Unsinnigkeiten an.
Steinhauer 27.05.2011
4. Verlust für Staatsfonds: Wie Gaddafi sich an der Börse verzockte.
Das ist nicht, wie immer beteuert, werk einige Betrüger und Jung-Genie-Börsianer. Solche Werke in dieser Größenordnung sind hundertprozentig mit der Politik jeweiliger Länder und vor allem USA und Großbritannien abgestimmt gewesen. Politik kassiert mit, und Idioten, die viel Geld haben und dafür auch bestimmt nicht gearbeitet haben, verlieren. Das ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
Lars Windhorst 03.06.2011
5. Wie Gaddafi sich an der Börse verzockte
Zitat von sysopDer libysche Machthaber Gaddafi war an den Finanzmärkten offenbar wagemutiger als gedacht. Laut einem*Report soll er auch Aktien deutscher Konzerne besitzen. Herbe Verluste machte sein Staatsfonds LIA*aber demnach genauso wie viele Anleger in der Krise: mit hochriskanten Derivategeschäften. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,765032,00.html
Müsste jetzt nicht die Deutsche Telekom als terroristische Vereinigung verboten werden ? Immerhin finanzieren ihre Dividenden Gaddafis Krieg gegen die Nato, also auch gegen Deutschland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.