Thomas Fricke

Reichtumsgefälle abbauen Gebt den Kindern 30.000 Euro Startkapital!

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Vermögensteuer kann viel – nur die Ungleichheit der Vermögen wird sie kaum abbauen. Dafür braucht es ganz schnell viel mehr. Etwa Geldsegen zum Start ins Leben.
Bootsmesse in Düsseldorf (Archivbild): Die untere Hälfte der Bevölkerung hat so gut wie kein Vermögen

Bootsmesse in Düsseldorf (Archivbild): Die untere Hälfte der Bevölkerung hat so gut wie kein Vermögen

Foto: Michael Kneffel / imago images

Seit Olaf Scholz in den Umfragen abhebt, mühen sich Berlins Politdeuter im Umdeuten. Der Mann mache einfach weniger Fehler. Und profitiere nur von den Fehlern der anderen. Mag sein. Gut möglich nur, dass noch etwas anderes hinter dem ungeahnten Höhenflug steckt. Und dass der Kandidat der totgesagten Sozis womöglich doch einen Nerv trifft, wenn er stoisch von Zusammenhalt redet. Und von Respekt.

Darauf könnten bisher unveröffentlichte Ergebnisse einer Umfrage hindeuten, die bei Civey in Auftrag gegeben wurde – und in der gecheckt wurde, wie gut gängige Wahlkampfslogans der Bundestagsparteien ankommen. Ganz oben: die Sache mit dem »Zusammenhalt« und dem »Respekt«. Vielleicht doch mehr als nur fehlerfrei?

Der Befund würde auch zu so manch anderem Umfrageergebnis passen, nach dem die Menschen im Land dieses Gefälle zwischen Reich und Arm dann doch auch unerträglicher finden, als es handelsübliche Ökonomen, Lobbyverbände und Friedrich-Christian-Merz-Lindner geneigt zu sein scheinen. Es würde auch dazu passen, was die Statistik zunehmend bestätigt: dass Deutschland zu den Ländern mit dem größten Abstand zwischen Top-Vermögenden und der so-gut-wie-nicht-vermögenden unteren Hälfte zählt.

Bei uns haben die 0,1 Prozent der Reichsten eben sage und schreibe 20 Prozent des Gesamtvermögens – und 50 Prozent so gut wie nichts. Das lässt sich selbst durch den originellsten Leistungsbegriff nicht erklären.

Die Frage ist eher, ob vor allem jene Vermögensteuer, die Scholz publikumswirksam vorschlägt, an den Verhältnissen viel ändern würde.

Was nur minimal wehtut, wirkt nur minimal

Wenn der Shooting-Kandidat bei Kritik artig darlegt, dass mit seiner sanften Vermögensteuer ja nur die Allerreichsten und auch die nur mit einem Prozent belastet werden, ist das taktisch nachvollziehbar (weil Kritiker bei so einem Golfplatzsteuerchen immer gleich den Untergang des Landes prophezeien). Es heißt nur umgekehrt, dass das dann tatsächlich auch wenig an den Verhältnissen ändert. Was niemand so richtig spürt, kann auch den Abstand zwischen Reich und Arm nicht groß verringern.

Zumal die Topvermögenden mit ihren Anlagen ohnehin Renditen einfahren, die weit über dem einen Prozent Vermögensteuersatz liegen – was heißt, dass ihre Vermögen danach einfach nur langsamer steigen als sonst, wie die beiden Ökonomen Stefan Bach und Markus Grabka in einer neuen Studie zu Optionen für einen Abbau von Ungleichheit analysieren*. Nehme man die langjährige Rendite von Aktien zum Maßstab, müsste die Vermögensteuer rein rechnerisch schon bei sieben Prozent liegen, damit sich die Ungleichverteilung abzubauen beginnt, so Grabka. Die untere Hälfte der Bevölkerung hat ja so gut wie kein Vermögen, auf das sie dann auch nicht so sonderlich viel Rendite einsacken kann.

Selbst wenn ein Prozent Jahr für Jahr über 30 Jahre auf finanziellen Reichtum erhoben würde – ob de facto auf Vermögen oder auf Erbe (was viele Ökonomen bevorzugen) –, hätten am Ende immer noch ein paar wenige das Gros der Vermögen, wie Modellrechnungen von Bach ergeben. Egal ob auf Vermögen oder auf Erbschaften: Das würde je nach Detailausgestaltung zwar über den gesamten Zeitraum knapp 400 bis gut 600 Milliarden Euro einbringen. Die Verteilung der Vermögen über alle Kategorien hinweg wäre am Ende aber nur 1 bis 1,5 Prozent weniger ungleich, so der Berliner Ökonom. »Am gesamten Privatvermögen von mehr als zwölf Billionen Euro macht selbst so ein Aufkommen höchstens fünf Prozent aus.«

Man kann trotzdem für eine Vermögensteuer sein. Nur ist das dann entweder Symbol oder einfach staatliche Finanzquelle. Das Urproblem geht davon aber nicht weg. Und das liegt auch daran, dass Sein oder Nichtsein der Vermögensteuer auch nicht der Kern des Problems auseinandergedrifteter Vermögen ist. Zwar hat der Wegfall von Vermögensteuern zu marktliberalen Hochzeiten etwas dazu beigetragen, die Vermögenden vermögender zu machen. Nur war das längst nicht der Hauptgrund.

Zu wenig Wohneigentum in Deutschland

Ein Teil des tieferen Problems liegt nach Diagnose von Bach und Grabka darin, dass es in Deutschland weniger Wohneigentum gibt – und die Leute einfach nicht gut sparen. Klar, die Aktienkultur und so. Nur ist fraglich, ob hier auf Anhieb so viel zu machen ist. Da gebe es sicher Potenzial für die Mittelschicht, so Bach – also für die, die genug Geld verdienen, um zu sparen; und denen man im Zweifel steuerlich oder anders helfen kann, damit sie mehr rausholen.

Nur wirke das erstens nur langfristig und auch nur moderat auf die Vermögensverteilung. Es hilft vor allem jener Hälfte der Haushalte wenig, die gar kein Startvermögen hat – nicht weil sie nicht wollen, sondern weil bei etwa 40 Prozent der Haushalte in Deutschland am Ende des Monats einfach nichts oder zu wenig übrig bleibt. So richtig nennenswert viel legen nur die top 30 Prozent der Einkommensbezieher monatlich zurück.

Den anderen hilft bei der eigenen Vermögensplanung erst einmal wenig, wenn die ganz oben mehr Steuern zahlen oder Wohneigentum steuerlich besser gefördert wird und der Dax gerade mal wieder hübsch ins Plus gedreht ist. Nur wer schon genug Grundvermögen hat, kann es sich auch leisten, beim Kauf von Aktien einmal danebenzuliegen.

Auf Dauer entscheidet über die Chance auf Vermögen, logisch, was man monatlich an Einkommen hat – außer bei Erben. Das spricht etwa für einen (höheren) Mindestlohn. Und man sollte es als hohe Aufgabe einstufen, möglichst allen ziemlich gute und fest planbare Einkommen zu ermöglichen. Nur ist die Ungleichverteilung inzwischen so dramatisch hoch, dass daran auch mehr Mindestlohn so schnell nichts ändert. Dafür verstärkt sich der Reichtum bei den ohnehin Vermögenden weiter.

Finanzierung einer Idee mithilfe der Vermögensteuer

Wenn das stimmt – und es zugleich ziemlich dringlich erscheint, das geldliche Auseinanderdriften im Land umzukehren –, braucht es schnell sehr viel Unkonventionelleres. Dann muss man halt mit etwas gröberen Mitteln dafür sorgen, dass alle etwas am Start haben. Und so in die Lage kommen, Geld arbeiten zu lassen. Das spricht für Modelle, bei denen jedem im Land in jungen Jahren von Staats wegen so eine Art ordentliche finanzielle Grundausstattung übertragen wird.

So ein Startkapital für alle könnte bei 20.000 oder 30.000 Euro liegen. Und es könnte daran gebunden sein, dass es die jungen Leute, klar, nicht versaufen, sondern für gute Zukunftszwecke verwenden: für die eigene Ausbildung, besagtes Wohneigentum, die eigene Altersvorsorge – oder als Rücklage für Krisen.

Nach Schätzungen von Forscher Bach würde so etwas die Vermögensungleichheit schon unter vorsichtigen Annahmen sehr viel stärker abbauen als selbst eine länger erhobene Vermögensteuer. So ein Geldsegen für die Jüngeren könnte die Vermögen in der vermögensmäßig unteren Hälfte der Bevölkerung je nach Gegenfinanzierung um 60 bis 90 Prozent steigen lassen, so die Modellrechnung des Ökonomen. Wobei sich besagte Vermögens- oder Erbschaftsteuer als Quelle hier durchaus eignen würde.

Dann könnten die einschlägigen Fans vom Kapital auch breitentauglicher über Aktienkultur und besseres Sparverhalten dozieren.

Nicht schön für die Top-Vermögenden? Ja, sicher. Nur ist es auch nicht schön, wenn im Land noch mehr von dem Urvertrauen darin verloren geht, dass am Ende alle einigermaßen gut vom Fortschritt profitieren. Und nicht relativ wenige davoneilen, ohne dass zu erkennen ist, dass sie ebenso endlos viel mehr leisten als, sagen wir, die mittlerweile viel beschriebene Krankenschwester oder Kassiererin, die nichts am Ende des Monats übrig hat – und alle Schicksalsschläge des Lebens ohne große Rücklagen einstecken muss. Das geht auf Dauer einfach nicht gut.

*Die Studie steht zum kostenlosen Download  zur Verfügung und ist hier  als kürzere Fassung abrufbar.

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