Diskussion über Vermögensteuer Bloß keine Neiddebatte!

Die Diskussion über eine Besteuerung großer Vermögen hat gerade wieder Hochkonjunktur. Doch statt Neid zu schüren, sollten wir darüber reden, was Wirtschaft und Gesellschaft wirklich hilft. Drei Fragen können dabei helfen.

Immobilien auf Sylt
Carsten Rehder/ DPA

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Alle Jahre wieder brandet die Debatte über eine Vermögensteuer von Neuem auf - aktuell ist sie dabei, wieder einmal zu einer Neiddebatte zu werden. Dabei sollte die Frage viel stärker im Mittelpunkt stehen, welche Besteuerung von Vermögen für Wirtschaft und Gesellschaft sinnvoll ist. Dies würde ein anderes und differenzierteres Bild der Vermögensteuer hervorbringen.

Drei Fragen werden bei der Analyse der Vermögensteuer vernachlässigt.

Erstens: Wie sollen Vermögen und Einkommen besteuert werden, um die Potenziale unserer Gesellschaft besser zu nutzen und somit den Wohlstand für alle zu steigern?

Fakt ist, dass kaum ein Industrieland Vermögen so gering und Einkommen auf Arbeit so stark besteuert wie Deutschland. Der deutsche Staat nimmt weniger als ein Prozent der Wirtschaftsleistung an Vermögensteuern ein. In Frankreich, Großbritannien oder den USA ist es das Vierfache.

Zum Autor
  • diw
    Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Vor allem Menschen mit geringen Arbeitseinkommen müssen in Deutschland eine vergleichsweise hohe Steuer- und Abgabenlast tragen. Dabei macht es der deutsche Sozialstaat für viele Menschen wenig attraktiv, mehr zu arbeiten. Die Einkommensteuer gekoppelt mit einer starken sogenannten Transferentzugsrate bedeutet nicht selten, dass Menschen mit geringen Einkommen der größte Teil ihres zusätzlich Erwirtschafteten weggenommen wird. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen gar nicht oder deutlich weniger arbeiten, als sie eigentlich wollen.

Ein kluges Steuersystem setzt zudem bessere Anreize für Unternehmen zu investieren, vor allem in Innovation und Produktivität. Deutschland hat nicht zuletzt deswegen so geringe Investitionen, weil das Steuersystem Eigenkapital, Innovation und Risikoverhalten diskriminiert. Steueranreize für die Aktivierung privater Investitionen sind daher sinnvoll - damit sind aber explizit nicht Einkommensteuersenkungen für Gutverdiener gemeint. Sie sind entgegen des vorherrschenden Mythos das falsche Instrument, um Investitionen zu aktivieren.

Kurzum, eine kluge Steuerreform würde die Steuerlast deutlich von Arbeitseinkommen zu Vermögen verschieben, und würde vor allem geringe Arbeitseinkommen entlasten.

Die zweite Frage ist: Wie soll die Vermögensbildung gefördert werden, sodass möglichst viele von der eigenen Arbeit leben und eigenständig agieren können, ohne vom Sozialstaat abhängig zu werden?

Deutschland hat mit die höchste Ungleichheit bei privaten Vermögen innerhalb der Eurozone. Ungewöhnlich dabei sind nicht die hohen Vermögen "der Reichen", sondern die Tatsache, dass 40 Prozent der Deutschen praktisch kein Vermögen, kein Erspartes haben - für sich selbst, für ihre Familie und Kinder, zur Vorsorge im Alter oder für Notfälle.

Dies treibt viele in die Abhängigkeit von einem Sozialstaat, der auch angesichts der demografischen Entwicklung immer weniger leistungsfähig ist. Eine Vermögensteuer per se wird jedoch an dieser Problematik nichts ändern. Sondern es sind die geringen Einkommen, unterbrochenen Erwerbsbiografien und der ungewöhnlich große Niedriglohnbereich in Deutschland, die viele Menschen daran hindern, Vorsorge zu betreiben und Erspartes aufbauen zu können.

Und die dritte Frage ist: Wie können private Vermögen besser mobilisiert werden, um stärker im Interesse der gesamten Gesellschaft agieren zu können?

Die Antwort ist, dass viel des privaten Vermögens in Deutschland bereits heute einen ganz essenziellen Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft leistet. Ein großer Teil des Vermögens ist in der Form von Familienunternehmen des Mittelstands, die langfristig agieren und gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze schaffen.

Eine kluge Vermögensteuer muss also sehr genau zwischen verschiedenen Formen und Funktionen von Vermögen unterscheiden. Eine steuerliche Entlastung und nicht eine Belastung von Familienunternehmen ist in vielen Fällen die ungleich bessere Option.

Das Problem in Deutschland ist vielmehr, dass passives oder passiv erworbenes Vermögen ungewöhnlich gering besteuert wird. Das liegt vor allem an der geringen Besteuerung von Grund und Boden.

Mehr als die Hälfte des gesamten privaten Vermögens in Deutschland heute wurde nicht mit eigener Hände Arbeit geschaffen, sondern durch Erbschaften und Schenkungen erworben. Jedes Jahr werden bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Der Staat nimmt jedoch weniger als sieben Milliarden Euro an Erbschaftsteuern ein. Das Perfide dabei ist, dass Menschen mit weniger als 500.000 Euro an Erbschaften mehr als zehn Prozent Steuern zahlen, Menschen mit mehr als 20 Millionen Euro an Erbschaften jedoch weniger als zwei Prozent.

Das hat nichts mit Steuergerechtigkeit oder Gleichbehandlung zu tun. Das oft vorgebrachte Argument der Substanzbesteuerung von Unternehmen durch eine Erbschaftsteuer ist nicht mehr als ein falscher Mythos, der jeglicher Grundlage entbehrt.

Daraus lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen:

  • 1) Deutschland würde wirtschaftlich von einer Steuerreform profitieren, die Arbeitseinkommen entlastet und Vermögen stärker belastet, so wie es auch die meisten anderen Länder tun.
  • 2) Bevor man Steuererhöhungen in Erwägung zieht, sollte die Politik eine Gleichbehandlung im Steuersystem gewährleisten, so auch bei der Erbschaftsteuer.
  • 3) Es ist Vorsicht geboten bei einer Besteuerung von Vermögen, vor allem bei Unternehmen, die einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Eine stärkere Besteuerung von passivem Vermögen, vor allem von Grund und Boden, ist der ungleich bessere Weg hin zu einem ausgewogenen Steuersystem, das nicht nur eine grundlegende Fairness gewährleistet, sondern auch wirtschaftliche Potenziale heben hilft.

insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 26.08.2019
1.
Das Wort Erbschaftsteuer wird kein einziges Mal erwähnt.
ganzunten 26.08.2019
2. Bloß keine Neiddebatte!
Den Titel kann ich nur unterschreiben. Die berechtigte Kritik an der Ungleichverteilung von Vermögen, immer nur auf das Wort Neid zu reduzieren, ist eine plumpe Verunglimpfung dieser Kritik.
firefox34 26.08.2019
3. Ein Anfang wäre
Ein Anfang wäre nur die Vermögen von "Bargeld und Einlagen" zu besteuern. Das sind ca. 40% der Privaten Vermögen. Das kann man noch mal nur für Einlagen über 1. Mio Euro machen. Das ist kein Geld, welches in der Altersversorgung, Immobilen, Unternehmen o.ä. steckt. Das ist einfach "zum Konsum" da oder eben nicht, weil es nur auf Konten "rumliegt". Das würde niemandem wirklich wehtun und man wird auch als Vermögender deshalb nicht plötzlich verarmen.
raslerb 26.08.2019
4. Enteignung!
Neiddebatte! Erarbeitete Vermögen wurden versteuert, geerbte ebenfalls. Wenn Wertpapiere gehalten werden, werden Erträge / Gewinne auch versteuert. Wenn dann das Vermögen weiter wächst, nochmal versteuern? Grenzt an Diebstahl! Fairer Gegenvorschlag: JEDER muss sein 'Vermögen' anzeigen - und wenn es nur E 10.000,-- sind. Wenn dann am nächsten Jahre daraus 12.000,-- geworden sind, bitte auch den Zuwachs von 2.000,-- versteuern - das wäre dann gerecht und träfe JEDEN!
JürgenZ 26.08.2019
5. Abgeltungssteuer
Die zwei Erben eines großen deutschen Aktienunternehmens bekommen aus Dividenden den ererbten Aktienpaketen (und nur aus denen. da war ja noch mehr da) etwa eine Milliarde €. Davon werden 25% Abgeltungssteuer einbehalten. 250 Millionen. 750 Millionen bleiben auf dem Konto. Wäre das Geld erarbeitet worden, wären lediglich 500 Millionen über geblieben. 250 Millionen mehr, die sich einen Weg auf die Kapitalmärkte suchen. Und da wundern sie sich, dass wir eine explosionsartige Inflation bei den Vermögenswerten haben und sich Otto-Normal-Millionär keine Bleibe mehr in den angesagten Hamburger Vierteln mehr kaufen kann?
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