Vermögensverteilung Beamte sind die heimlichen Reichen

Die Deutschen verfügen über ein oft vergessenes, gewaltiges Vermögen: ihre Rentenansprüche. Zurzeit summieren die sich auf mehr als 4,6 Billionen Euro. Das Geld ist aber ungleich verteilt. Es macht vor allem Beamte zu wohlhabenden Menschen - und vergrößert auf Sicht die Schere zwischen Arm und Reich.
Senioren (in Bayern): Wohlstandsgefälle im Alter

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Foto: DDP

Berlin - Es klingt zunächst nach einer guten Nachricht, was das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Montag in Berlin vorstellte: Danach verfügen die Deutschen neben ihrem Ersparten noch in großer Zahl über Vermögenswerte in erheblichem Umfang, die bislang von den Forschern weitgehend unberücksichtigt geblieben sind. Auch vom Statistischen Bundesamt wurden sie bislang nicht erfasst.

Es geht um die Rentenansprüche, die die Deutschen während ihres Berufslebens ansammeln. Und das sind 4,6 Billionen Euro.

Diese Ansprüche sind bares Geld wert, auch wenn sie im Grunde nur einen fiktiven Vermögenswert darstellen. Sie bringen keine Zinsen und taugen auch nicht als Sicherheit für einen Kredit. Außerdem geht der Anspruch nur in Ausnahmefällen und nur zum Teil auf die Erben über. Für den Einzelnen lässt sie sich ohnehin nur schwer kalkulieren, weil die Gesamtsumme davon abhängt, wie lange der Betreffende nach seinem Abschied aus dem Berufsleben noch lebt.

Nach Überzeugung der DIW-Forscher dürfen die Rentenansprüche dennoch nicht außen vor bleiben. Für ihre Berechnungen kombinierten Joachim Frick und Markus Grabka die aktuell verfügbaren Befunde aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) mit anonymisierten Daten der Rentenversicherung. Auf Basis von Erwerbsbiografien, Alter und Daten zur Lebenserwartung schätzten sie für verschiedene Bevölkerungsgruppen den "Gegenwartswert" ihrer Alterssicherungsansprüche. Und das Ergebnis ist beeindruckend: Im Durchschnitt entspricht das einem individuellen Anspruch in Höhe von 67.000 Euro.

Anwartschaften relativieren Vermögensunterschiede

Dieser trägt auch - in Grenzen - zu einer Relativierung der Vermögensunterschiede bei. "Der Grund liegt darin, dass jeder abhängig Beschäftigte und eine Vielzahl von Selbständigen Vorsorge in verschiedenen Alterssicherungssystemen betreiben", erklärt Markus Grabka, einer der Autoren der Studie. "Rechnet man die daraus resultierenden Ansprüche zu den Geld- und Sachwerten hinzu, dann reduzieren sich die Unterschiede um etwa 20 Prozent."

Bezieht man die Rentenanwartschaften in die Vermögensberechnung ein, stehen insbesondere diejenigen besser da, deren Vermögen geringer ist als das des Durchschnitts. Denn anders als ihre wohlhabenderen Mitbürger verfügen sie praktisch über kein Sach- oder Geldvermögen. Die oberen Zehntausend - in der Kalkulation der Wissenschaftler sind das die reichsten zehn Prozent - können im Durchschnitt auf ein Guthaben von mehr als 550.000 Euro zurückgreifen.

Klare Gewinner dieser Rechnung aber sind Beamte. Sie erzielen nach Berechnungen des DIW mit weitem Abstand die höchsten Anwartschaften. "Im Pensionsalter beträgt der entsprechende Gegenwartswert rund 400.000 Euro. Andere abhängig Beschäftigte des gleichen Alters können mit nur rund 160.000 Euro lediglich rund 40 Prozent des Wertes der Anwartschaften von Beamten erreichen", heißt es in der Studie. Die Relation verbessert sich ein bisschen, wenn man auf Seiten der Arbeiter und Angestellten Arbeitslose und Personen in Ausbildung herausrechnet. Dann liegt der Wert mit 200.000 Euro noch 50 Prozent unter dem für die Pensionäre.

Pensionsberechnung diskussionswürdig

Ein Grund für den ausgeprägten Unterschied liegt darin, dass die Höhe einer Beamtenpension im Wesentlichen auf Basis der letzten Monate des Berufslebens berechnet wird. Bei sozialversicherungspflichtigen Einkommen bildet dagegen die Summe aller Einzahlungen den Grundstock für die spätere Rente. Das geringere Gehalt zu Beginn des Berufslebens kommt also viel stärker zum Tragen.

Ein Punkt, den Grabka für zumindest für diskussionswürdig hält - denn Pensionäre können damit zu den Top-Vermögenden gezählt werden. Sie werden nur noch von der Gruppe der Unternehmer überboten, die eine Firma mit zehn Angestellten und mehr besitzen.

Die Autoren der Studie weisen allerdings auch darauf hin, dass die Einberechnung der Anwartschaften allenfalls zu einer Relativierung der Unterschiede führt. Denn nach wie vor ist der Abstand zwischen Arm und Reich sehr groß - und er wird größer. "Die Konzentration der jetzt erstmals um Renten- und Pensionsanwartschaften erweiterten Vermögen bleibt sehr hoch und die dämpfende Wirkung des Alterssicherungsvermögens wird künftig wohl an Bedeutung verlieren", resümiert DIW-Experte Joachim Frick.

Der Grund: Angesichts der zunehmenden Alterung der Bevölkerung sind spürbare Einschränkungen in der Altersversorgung nur noch eine Frage der Zeit. Hinzu kommen die immer komplizierteren Verläufe der Erwerbsbiografien mit häufigen Unterbrechungen bei der Zahlung der Beiträge zur Sozialversicherung. Arbeitslose und Minijobber sparen nur Minimalbeträge an. Diejenigen, die den Jobverlust mit dem Sprung in die Selbständigkeit zu kaschieren versuchen, können sich eine private Altersvorsorge häufig gar nicht leisten.

"Das Risiko, das damit einhergeht, wird erst in einigen Jahren richtig zum Tragen kommen", erklärt Frick. "Der Anteil derjenigen, die im Alter wirklich arm sind, wird deutlich zunehmen."