Verschwörungstheorien der Wirtschaft Und ewig strömt das Öl

Wenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Warum uns das Erdöl niemals ausgeht.
Ölförderung in Aserbaidschan: Kalte Lava aus dem Erdkern?

Ölförderung in Aserbaidschan: Kalte Lava aus dem Erdkern?

Foto: ? David Mdzinarishvili / Reuters/ REUTERS

Die Theorie

Ölkonzerne zerstören das Klima, verseuchen Meer, Luft und Boden und beschmieren knuffige Robbenbabys mit schwarzer Pampe. Ölkonzerne sind böse. Kein Wunder, dass Shell, BP und Konsorten auch Geheimpläne aushecken, um Auto-Normalverbraucher den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen. Die Theorie vom Ende der weltweiten Ölreserven ist für hartgesottene Verschwörungstheoretiker nur ein perfides Komplott, um das Öl knapp und den Preis hoch zu halten.

Der amerikanische Geologe Marion K. Hubbert hatte in den fünfziger Jahren die etwas banale Einsicht, dass ein Rohstoff, der verbraucht wird, irgendwann weg ist. Weil Hubbert aber Wissenschaftler war, malte er die maximal mögliche Ölproduktion als glockenförmige Kurve, nannte ihren höchsten Punkt ganz bescheiden "Hubbert-Maximum" und, zack, fertig war die Theorie des Globalen Ölfördermaximums oder "peak oil".

Dass Hubbert ein Angestellter des Shell-Konzerns war, macht ihn natürlich gleich mal verdächtig. Und überhaupt diese seltsame Idee, dass Öl ein Abfallprodukt verwester Algen und Urzeit-Lebewesen sei, die sich in den Jahrmillionen in ihrem Sedimentgrab in eine energiereiche Dickflüssigkeit verwandelten.

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Gleich zwei Gruppen zweifeln an der Lehrmeinung: Die einen halten Öl für ein Produkt aus Kohlenwasserstoffen, die bei Sternenexplosionen durchs All geschleudert wurden und schließlich an die Erde andockten. Dort verwandelten sie sich in eine Art kalte Lava, die nun unendlich aus dem Erdkern sprudelt. Aber auch christliche Fundamentalisten können sich nicht vorstellen, dass die 9000 Jahre seit Adam und Eva ausreichend waren, um tote Dinos in Öl zu verwandeln. Für sie ist die schwarze Schmiere einfach das Geschenk eines weisen Schöpfers, der in den sechs Tagen der Welterschaffung auch die Erfindung des Verbrennungsmotors vorausdachte.

Was steckt dahinter?

Die Theorie vom "abiogenen", also nicht aus Lebewesen entstandenen Erdöl war tatsächlich mal eine veritable wissenschaftliche Theorie, gilt aber längst als widerlegt. Der sowjetische Geologe Nikolai Kudryavtsev entwickelte sie um 1950, als Öl in der russischen Tundra gefunden wurde, wo es vor Jahrtausenden keine Lebewesen gegeben haben soll. Inzwischen wissen Forscher, dass Öl unterirdisch Hunderte Kilometer weit fließen kann, haben weitere chemische Spuren von Lebewesen im Erdöl gefunden und Prozesse ähnlich der Entstehung von Erdöl im Labor simuliert. Russischen Geologen, die nach Ende des Kalten Krieges studiert haben, ist die Theorie ihres Landsmannes inzwischen peinlich.

Die Kritiker der "peak oil"-These ficht all das nicht an: Wenn uns das Öl angeblich ausgeht, warum werden dann ständig neue Vorkommen entdeckt? Öl ins Feuer gossen auch mehrere falsche Prognosen des Vordenkers Hubbert, was den Zeitpunkt des weltweiten Ölfördermaximums angeht. Anders als bei den Weltuntergangsszenarien der Zeugen Jehovas hängt die Theorie Hubberts aber nicht an der Prognose eines bestimmten Datums (nun, bei den Zeugen ja offenbar auch nicht).

Dafür, dass sie eine große Verschwörung aufdecken wollen, geben sich die Jünger des ewigen Öls allerdings selbst ziemlich geheimnisvoll: Auf deutschen Seiten publiziert ein angeblicher Geowissenschaftler mit "Dr. phil."-Titel, der sich nach eigenen Angaben zwar als Regierungsbeamter, Ölexplorateur und Professor an ungenannten österreichischen und indonesischen Universitäten einen Namen gemacht hat. Im Internet hat der umtriebige Tausendsassa aber nur in kruden Foren Spuren hinterlassen. Der Held der Bewegung, ein gewisser US-Geologe namens J.F. Kenney, hat zwar immerhin vor einigen Jahren mal ein Interview gegeben. Seine Firma Gas Resources Corporation in Houston, Texas, hat an der angegebenen Adresse nicht einmal ein Türschild.

Was, wenn es wahr wäre

Mit unbegrenztem Öl aus dem Erdkern könnte Deutschland die Energiewende abblasen. Das Ölkraftwerk würde eine Renaissance feiern und Peter Altmaier als erster Ölminister der Bundesrepublik in Bauhelm und Blaumann jeden Monat neue Produktionsrekorde feiern. Der Bohrturm im Vorgarten wäre das neue Statussymbol unter Zahnärzten und Oberstudienräten, Solarzellen wären dagegen "sooo 2012". Die deutschen Autohersteller könnten ihre Pläne für Elektro- und Hybridautos einstampfen. Wegen des Jeep- und SUV-Booms auf deutschen Straßen würde Daimler mit Chrysler die zweite, die wahre "Hochzeit im Himmel" feiern. Und Krauss-Maffei Wegmann hätte durch den Trend zum Privatpanzer ein ganz neues Geschäftsmodell. Außer arabischen Scheichs und Hugo Chávez wäre jeder glücklich.

Bliebe nur noch das Problem mit dem Klimawandel. Denn was bringt unendliches Öl, wenn der Treibhauseffekt die Erde dann noch schneller unbewohnbar macht? Also erklären die meisten "Peak Oil"-Skeptiker die Erderwärmung gleich zur nächsten Verschwörung. So einfach ist das.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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