Keimbelastete Fleischwaren aus Hessen Was Sie über den Wurstskandal wissen müssen

Der Skandal um den hessische Wurstfabrikanten Wilke ist offenbar auch ein Fall von Behördenversagen. Viel zu spät wird vor Gefahren gewarnt. Verbraucher müssen sich Informationen selbst zusammensuchen.

Wilke-Zentrale im hessischen Twistetal: Kunden sollten auf die Kennzeichnung "DE EV 203 EG" achten
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Wilke-Zentrale im hessischen Twistetal: Kunden sollten auf die Kennzeichnung "DE EV 203 EG" achten

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Wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen will, wie die Lebensmittelbehörden die Krise um verdorbene Lebensmittel der Wurstfabrik Wilke handhaben, dann sollte man ihre Info-Seite www.lebensmittelwarnung.de besuchen. In einer Liste stehen dort neben Warnungen vor leicht lösbaren Schraubverschlüssen und vor Eintrübungen eines Apfelsafts durch verunreinigte Hefe recht unauffällig auch echte Knaller: Gleich unter der Hefemeldung finden sich zum Beispiel auf Platz sechs Bio-Aprikosenkerne, die einen erhöhten Blausäuregehalt aufweisen. Die Meldungen sind auch nicht nach Gefahrenstufen sortiert, sondern schlicht nach dem Datum ihres Eingangs.

Nur aus diesem Grund steht auch die Warnung vor den mit Listerien verseuchten Würsten der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren an erster Stelle dieser Liste. Von mehr als einem möglichen Zusammenhang zwischen Produkten der Firma Wilke und einem lebensmittelbedingten "Krankheitsausbruch, der durch das Bakterium ausgelöst wurde", wollen die Verantwortlichen Behörden, die die Seite betreiben, aus rechtlichen Gründen aber nicht sprechen.

Wer noch ein bisschen herumschaut, findet einen kleinen Link, der über einen weiteren Zwischenschritt schließlich zu einer Liste von Produkten führt, die möglicherweise Listerien enthalten.

Stärker runterköcheln lässt sich das Thema kaum.

Wie dramatisch die Situation tatsächlich ist, lässt sich erst ermessen, wenn man sich das Dokument genauer ansieht: Es enthält rund 1100 Produkte. Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass noch weitere Produkte betroffen sind, denn aus den Anlagen der Firma Wilke fand das infizierte Fleisch als sogenanntes Vorprodukt den Weg auch in das Essen anderer Hersteller. Die Liste der Aufsichtsbehörden in Hessen nennt gleich eine ganze Reihe von Namen, darunter die Metro-Marke Aro, Haus am Eichfeld, Metro Chef; Service Bund Servisa, CASA, Pickosta, Sander Gourmet, Rohloff Manufaktur, Schnittpunkt, Korbach, ARO, Findt und Domino (nicht Domino's Pizza).

Späte Reaktion

Hinzu kommen Kantinen und Großküchen wie die des Möbelriesen Ikea. Der war nach eigenen Angaben am vergangenen Mittwoch durch den Großhändler über das Problem informiert worden. "Aus diesem Grund haben wir als Vorsichtsmaßnahme den Verkauf aller Produkte des Herstellers umgehend gestoppt", sagte die Sprecherin. Nicht betroffen sei das übrige Fleisch- und Wurstwaren-Sortiment aus dem Restaurant, dem Schwedenshop und dem Bistro. Mittlerweile gebe es einen neuen Lieferanten für Aufschnitt.

In einigen Reha-Zentren des Universitätsklinikums Köln gelangte Wilke-Aufschnitt ins Angebot, obwohl die Warnung bereits veröffentlicht war. "Aufgrund der Kurzfristigkeit und des Zeitpunktes der Information ist es im Zusammenhang mit unserer Tochtergesellschaft UniReha zu einem Fehler innerhalb der Speisenversorgung gekommen, so dass einigen Reha-Patienten dennoch Wurstware der Firma Wilke angeboten worden ist", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Uniklinik Köln vom vergangenen Freitag.

Weitere Pannen wurden bislang nicht bekannt, doch die Unübersichtlichkeit des Marktes legt den Schluss nahe, dass noch viel mehr belastete Wurstprodukte in Verkehr gekommen sind.

Waren von Wilke werden mit zwei Todesfällen in Südhessen in Verbindung gebracht. Zudem sollen sie möglicherweise auch in Niedersachsen Krankheiten verursacht haben. Doch auch in anderen Bundesländern sind die Wurstprodukte der Firma weit verbreitet.

"Flächendeckend dürfte fast jeder Verbraucher in NRW einen Zugang zu den Waren der Firma Wilke gehabt haben", sagte der Sprecher des Landesamts für Umwelt- und Naturschutz Wilhelm Deitermann am Montag in der "Rheinischen Post". Wilke selbst habe "seine Kunden, dazu gehören Großhändler, Altenheime, Krankenhäuser und andere Betriebe, über seine Kundenliste angeschrieben und zum Rückruf aller Wurst- und Fleischwaren aufgefordert". Nun müssten die Kreisveterinärämter als zuständige Behörden überwachen, ob auch wirklich alle Wilke-Waren aus den Regalen verschwänden.

Auf Kennzeichen achten

Nach Überzeugung der Verbraucherorganisation Foodwatch hätte die Verbreitung der belasteten Produkte viel wirksamer eingedämmt werden können, wenn die Aufsichtsbehörden nur konsequent gehandelt hätten, als die ersten Probleme bekannt wurden. Das Hessische Umweltministerium habe nach eigenen Angaben bereits am 12. August vom Listerien-Verdacht erfahren, heißt es in einer Foodwatch-Mitteilung. Als Beleg veröffentlichte die Organisation einen entsprechenden E-Mail-Verkehr.

Erst acht Tage später - am 20. August - seien der für die Kontrolle der Firma Wilke zuständige Landkreis Waldeck-Frankenberg sowie das Regierungspräsidium Kassel darüber informiert worden. Bis zur Stilllegung der Produktion und zum weltweiten Rückruf aller Wilke-Produkte seien insgesamt mehr als sieben Wochen vergangen, seit das Ministerium vom Listerien-Verdacht gewusst habe.

Im Hessischen Umweltministerium räumt man eigene Versäumnisse ein, soweit es den Zeitraum von 12. bis zum 20. August betrifft. "Das hätte schneller gehen können", sagt ein Mitarbeiter. Sprecherin Julia Stoye verweist jedoch auf die komplizierten rechtlichen Schutzvorschriften, die in solchen Fällen einzuhalten sind: "Ein öffentliche Warnung vor gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln können wir erst aussprechen, wenn wir sicher sind. Denn eine Fehlwarnung hätte das für das betreffende Unternehmen gravierende Konsequenzen."

Foodwatch fordert von Wilke eine detaillierte Liste aller Läden, Großküchen und Mitarbeiterkantinen, in denen Produkte der Firma verkauft worden sind. Am Dienstag lief ein entsprechenden Ultimatum ab. Am späten Nachmittag teilte die Organisation mit, man habe einen Eil-Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen den Landkreis Waldeck-Frankenberg beim Verwaltungsgericht Kassel eingereicht.

Verbraucher, die nun ratlos vor der Wursttheke stehen, können zumindest bei abgepackten Waren an einer Kennzeichnung ablesen, ob ein Produkt aus der Wilke-Fabrik stammt. Auf den Verpackungen steht oval umkreist eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen. Lautet sie "DE EV 203 EG", sollte man die Packung liegenlassen.

An der Wursttheke oder in Kantinenessen sind Wilke-Produkte dagegen nicht zu erkennen, hier müssen sich Verbraucher auf den Betreiber verlassen. Das Land Hessen empfiehlt Kunden, bei Zweifeln gezielt nachzufragen.

Mit Material von dpa/AFP



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poseidon1966 08.10.2019
1. Skandal nicht wirklich überraschend
Mich hat dieser neuerliche Skandal nicht wirklich überrascht. Auch künftig werden wir Verbraucher zum Opfer einer grenzenlosen Gewinnmaximierung der Wirtschaft und Opfer eines vollkommenen Unternehmensschutzes durch Politik und Behörden. Ob es sich um Gammelfleisch, Pferdefleisch in Lasagne, superresitente Bakterien durch völlig aus den Ufern gelaufenen Antibiotika-Einsatz in den Massentierhaltungsbetrieben, die Verseuchung unseres Trinkwassers durch "Düngen mit Tierscheiße". Überall steht das Interesse der Unternehmen über den Interssen der Menschen. Politik und Wirtschaft betrachten Todesfälle nur als "Kolateralschaden", der im Interesse der Marge hingenommen werden muss. Außerdem: es sind doch "lediglich" alte Menschen gestorben, welche für die oben genannten eh keine Rolle außer als Kostenträger spielen. Egal auf welches Gebiet der Wirtschaft geschaut wird: Auto, Landwirtschaft, Chemie, Pharma, Energie, Lebensmittel, Klamotten, nirgendwo stehen Behörden und Politik auf Seiten der Verbraucher, überall ist der Schutz der Wirtschaft höher, fast unangreifbar höher angesiedelt als uns Menschen. Deshalb habe ich keine Spur mehr des Vertrauens in die Wirtschaft, Behörden und Politik. Schönen Tag noch.
hitwhenlit 08.10.2019
2. ganz normales Schneckentempo
der Behörden auch wenn die Gesundheit in ernsthafter Gefahr ist. Erinnert einen an die Ehec Krise 2011. Und daran, wie wenig man sich leider auf die öffentlichen, mit unseren Steuern bezahlten Dienststellen mit ihren Heerscharen an Beamten verlassen kann. Auf dass sie sich wachrütteln, die Spinnweben unter den Armen entfernen, wach bleiben und daraus lernen. Sich bewusst werden worum es geht, Expertise und Professionalität an den Tag legen und die Ausführung der Gegenmaßnahmen beschleunigen.
barrakuda64 08.10.2019
3. Typisch für Deutschland
Wir leisten uns für viel, für sehr viel Geld einen Beamtenapparat, der anscheinend nur dazu dient, die Versäumnisse, die er ahnden soll, zu vertuschen versucht. Ob das die Lebensmittelbehörden sind, ob dass das Kraftfahrtbundesamt ist, ob dass das Bundeskartellamt ist, die Regulierungsbehörde, was auch immer. Überall Behördenversäumnisse aus Untätigkeit. Da sind anscheinend nur noch willfährige Sesselfurzer, die sie kein Statement zu IHREM Bereich abgeben trauen, weil das Großkapital über die Politik entsprechend Druck macht. Das KBA verschickt Werbezettel von VW anstatt die Millionen von Kfz, die seit Jahren ohne Betriebserlaubnis umherfahren STILLZULEGEN! Wie schnell würde sich da etwas ändern, wenn der Michel plötzlich morgen nicht mehr zur Arbeit oder in den Urlaub fahren kann. Dass dann für jede halbherzige Entscheidung oder Vorschrift natürlich für viel zusätzliches Geld noch einmal "Expertenwissen" von außen eingekauft werden muss, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Und so wird es weitergehen mit den Lebensmittelskandalen wie "Bayern Ei", "Wilke", "Tönnies" usw. NIEMAND übernimmt die Verantwortung, sie wird 2 oder 3 mal hin- und hergeschoben und verläuft dann irgendwo im Sande. Nirgendwo sonst geht das - wenn ich heute in eine Radarfalle tappe und mangels Foto mich herausreden will, dass ich gar nicht gefahren bin, gibt´s Sanktionen in Form eines Fahrtenbuches bzw. im Zweifelsfall zahlt der Halter. Hier existiert bei den Vorschriften seltsamerweise nicht das kleinste Schlupfloch.
regenwurm 08.10.2019
4. Die verantwortliche Ministerin ist Grüne, der Landrat von der SPD
Es steht zu befürchten, dass dieser unglaubliche Behördenskandal schnell im Sande verläuft, wenn weder die schwarz-grüne Landesregierung, noch die oppositionelle SPD ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung haben. Auch von der Presse werden wir im selben Schneckentempo informiert. Einzig Foodwatch scheint die Aufklärung ernsthaft zu betreiben.
kraftmeier2000 08.10.2019
5. Ich
würde sagen, wer solch verpackten Müll (Inhalt und Verpackung) kauft, ist schon ein wenig "selber Schuld". Wir kaufen bei einem BIO- Schlachter/Metzger unseres Vertrauens, und auf gar keinen Fall Verpackten "Müll" aus der Kühltheke, worum wir generell schon seit etlichen Jahren einen großen Bogen machen. Nur leider werden diese Kühltheken in den Märkten mit jedem Jahr größer, weil in diesem Land immer noch die Devise lautet "Geiz ist Geil", und somit kann sich hier nichts ändern. Also heißt es warten, bis der nächste Lebensmittelskandal kommt, das Geschrei wird dann wieder für Kurze Zeit Groß sein, doch der Verbraucher ändert trotzdem Sein verhalten nicht. Und daran hat nicht die Politik die Schuld, sondern einzig und allein der Verbraucher, der einfach nicht dazu lernt.
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