Freiwilliger Karriereverzicht Mit 500 Euro das große Glück

Gerrit von Jorck könnte Spitzenverdiener sein: Sein VWL-Studium hat er mit 1,0 abgeschlossen, er war im Ausland, hat Praktika absolviert. Alles richtig gemacht also. Doch von Jorck lebt von 500 Euro im Monat - weil er das so will. Über einen, dem Zeit das Wichtigste ist.
Gerrit von Jorck: Streben nach dem "Zeitwohlstand"

Gerrit von Jorck: Streben nach dem "Zeitwohlstand"

Foto: Gerrit von Jorck

Zu seinen einstigen Studienfreunden hat Gerrit von Jorck kaum noch Kontakt. Gemeinsam hörten sie in Köln Vorlesungen zur Volkswirtschaft, saßen in Seminaren zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Planten mit einer Zukunft in finanzieller Sicherheit. Inzwischen verdienten seine meisten Ex-Kommilitonen so viel, dass sie schon nicht mehr darüber redeten, sagt von Jorck, 27. "Ich will nicht mit ihnen tauschen." Er selbst lebt von 500 Euro im Monat.

Wenn von Jorck wollte, könnte er Spitzenverdiener sein. Er hat seinen VWL-Abschluss mit 1,0 gemacht, er war zum Auslandsstudium in Budapest, hat mehrere Praktika absolviert. Alles richtig gemacht also. Doch nach dem Ende seines Studiums fragte sich von Jorck, was genau er eigentlich erreichen wollte. Im Leben, in den kommenden Jahren. Mit seiner Vita hatte er unendlich viele Optionen. "Ich war prädestiniert für einen guten Job", sagt er. Aber war das auch sein Ziel?

Von Jorck entschied, dass Zeit wichtiger ist als Geld. Zeitwohlstand. So nennt er, was er will. "Viele Menschen jammern, dass ihnen Zeit fehlt. Sie arbeiten, konsumieren, arbeiten und konsumieren wieder", sagt von Jorck. "In die Mühle will ich nicht rein."

Auch, weil die Lebenssituation seiner Eltern ihm zu denken gegeben hat, wie er sagt. Sie arbeiten als Krankenpfleger, haben ein Haus gekauft, alle zwei Jahre muss wieder ein Fernseher her. "Sie sind abhängig von ihrem Einkommen", sagt von Jorck. "Wenn einer von beiden seinen Job verliert, verlieren sie alles."

Vier Euro pro Tag

Von Jorck ging zurück an die Uni, er macht gerade seinen Master in Philosophie. Zehn Stunden pro Woche arbeitet er am Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung , nebenbei kümmert er sich um die Homepage von Rüdiger Sagel, dem Landessprecher der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen. So kommt von Jorck auf 500 Euro im Monat. Zieht er die Kosten für Miete und Krankenversicherung ab, bleiben ihm 120 Euro.

Das ist weniger als ein Drittel des Hartz-IV-Satzes. Vier Euro pro Tag. Das schafft von Jorck, weil er mit dem Fahrrad und nicht mit den Bahnen fährt. Weil er im Supermarkt die Billig-Marken sucht. Weil er seine Kleidung nicht im Laden kauft, sondern aus Schenkläden der Stadt mitnimmt. Weil er abends höchstens mal zwei Bier in der Kneipe nebenan trinkt, statt Cocktails in der Szenebar. Weil er kocht, statt ins Restaurant zu gehen. Sein Lieblingsessen ist Reispfanne mit Möhre, Zwiebel, Paprika, Gurke. 1,50 Euro koste ihn das etwa, sagt von Jorck. Die Portion reiche für drei Leute.

"Ich darbe nicht, mir geht es gut", sagt von Jorck. Und wer ihm länger zuhört, begreift: Er meint das so. Das wenige Geld sieht er nicht als Einschränkung, im Gegenteil: Je weniger er braucht, desto weniger abhängig ist er.

Dass ein Student mit wenig Geld auskommen muss, ist kein Einzelfall. Dass er bewusst auf eine finanziell sichere Zukunft verzichtet, schon. Von Jorck lebt das Gegenteil vom Streben nach immer mehr - mehr Geld, mehr Luxus. Und ist damit Teil einer wachsenden Bewegung (siehe Übersicht am Ende dieses Textes).

Kein Job - kein Ansehen

Es gibt Menschen, die den Verzicht noch radikaler leben. Der Berliner Raphael Fellmer zum Beispiel kommt komplett ohne Geld aus. Das käme für von Jorck nicht in Frage. Schließlich sei Fellmer immer von anderen Menschen abhängig. Menschen, die ihn kostenlos zur Untermiete wohnen lassen, die ein Fahrrad abgeben oder Essen. "Ich sehe mich nicht als Aussteiger aus der Gesellschaft", sagt von Jorck. "Ich habe nur das Tempo verlangsamt."

Er trägt Dreitagebart, eine Brille mit runden Gläsern und dünnem Rand. Und wenn er redet - über die Arbeitswelt, über seine Ziele und Finanzen - dann klingt er älter, als er aussieht.

In seiner vielen Freizeit macht von Jorck Yoga, trifft Freunde, geht zu Lesekreisen, engagiert sich bei Attac und in der Linkspartei. "Bei mir gibt es keinen typischen Alltag", sagt der 27-Jährige. Er genießt das Aufstehen ohne Wecker. Das Gefühl, sich nur nach den eigenen Wünschen richten zu können, und nicht nach einem Dienstplan.

Trotzdem, so sagt er, braucht er einen Job. "Wenn du keinen hast, ist das in unserer Gesellschaft echt bitter. Erst mit einer Arbeitsstelle bist du anerkannt. Hast bewiesen, dass du leistungsfähig bist." Wer fragt: 'Was machst du?' will eigentlich wissen: 'Wo arbeitest du?'

Segeln im Mittelmeer, Wandern in Brandenburg

Seine Wohnung im Berliner Stadtteil Neukölln teilt sich von Jorck mit zwei Freundinnen, es gibt keinen Kühlschrank, Fleisch wird nicht gekauft, Käse nur selten. Zu teuer. In seinem 23-Quadratmeter-Zimmer steht ein Holzschrank von seiner Oma, den Tisch haben sich seine Eltern vor 30 Jahren zur Hochzeit gekauft. Die Matratze ist vom Sperrmüll.

Seine bisherigen Freundinnen hätten kein Problem mit seinem Lebensstil gehabt, sagt von Jorck. Eine gab es, deren Eltern hätten nie verstanden, dass er mit seiner Ausbildung keine Karriere anstrebt. Nicht lebt, wie seine Ex-Kommilitonen. Wenn die Urlaub machen, chartern sie eine Yacht und schippern zwei Wochen über das Mittelmeer, sagt von Jorck. Er geht wandern in Brandenburg.

Zukunftspläne

Momentan ist von Jorck Single, unfreiwillig. Er denkt nach über das Älterwerden, über Kinder und wie er sie großziehen möchte. Eine Zehn-Stunden-Woche wird dann nicht mehr ausreichen, er weiß das. Er will bald auf 20 Stunden aufstocken, länger möchte er nie arbeiten. Er rechnet mit einem Monatsgehalt von 1200 Euro, das soll reichen.

Mit elf Bekannten will er spätestens 2015 ein Haus am Stadtrand von Berlin kaufen, die Kinder sollen dort gemeinsam aufwachsen. Es ist auch eine Art Altersvorsorge, denn von Jorck ist bewusst, dass es schwer wird mit der Rente. Es ist das Faszinierende an ihm: Er klingt nicht verträumt oder wirklichkeitsfremd. Es gebe keinen Grund, sich Sorgen zu machen, sagt er. Nicht über die Schulden aus dem Studium, nicht über den Kredit, den er für das Haus aufnehmen muss. Die Zinsen seien derzeit ja extrem niedrig. Er hat gerechnet und geplant, das hat er schließlich gelernt, sagt er. "Ich bin immerhin Volkswirt."

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