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05. März 2012, 08:51 Uhr

Vorschlag von Viviane Reding

EU-Kommissarin favorisiert Frauenquote für Europa

EU-Kommissarin Reding verliert die Geduld mit den Unternehmen. Deren Selbstverpflichtung für die Förderung von Frauen habe kaum etwas gebracht, kritisiert sie laut "Welt". Wenn sich das bis zum Sommer nicht bessert, ist sie zu einer verpflichtenden Quote bereit.

Berlin - Vor wenigen Monaten haben die großen deutschen Konzerne die Einführung einer verpflichtenden Frauenquote im Top-Management abwenden können. Die Bundesregierung setzt seither auf Freiwilligkeit. Doch nun macht die EU Druck auf die Firmen. Justizkommissarin Viviane Reding erwägt eine europaweite gesetzliche Quote.

"Ich bin kein Fan von Quoten. Aber ich mag die Ergebnisse, die Quoten bringen", sagte Reding der "Welt". Im Sommer wolle sie konkrete Vorschläge für eine EU-weite Regelung machen. Denn ihr bisheriges Angebot an die Firmen, eine freiwillige Selbstverpflichtung für mehr Frauen in Spitzenjobs einzuführen, sei unbefriedigend verlaufen. Reding hatte eine Frauenquote von 30 Prozent bis 2015 und 40 Prozent bis 2020 gefordert. "Nur 24 Unternehmen haben unterzeichnet, darunter kein einziges deutsches", sagte Reding.

Seit Ende 2010 sei der Anteil von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten in Europas börsennotierte Firmen gerade einmal von zwölf auf 14 Prozent gestiegen. Die Entwicklung in Frankreich zeige, dass eine verbindliche Regelung effektiver sei, sagte Reding. Dort gibt es seit 2011 ein Gesetz für die Beteiligung von Frauen an Spitzenjobs. Der Anteil sei von zwölf auf 22 Prozent gestiegen. "Wo es gesetzliche Regeln gibt, gibt es Fortschritte", sagte Reding. Mit Blick auf den Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten kritisierte sie: "Leider hinken die allermeisten EU-Länder weiter hinterher. Beim jetzigen Tempo brauchen wir noch 40 Jahre, um ein ausgewogenes Verhältnis von 40 Prozent Frauen zu erreichen."

Reding, die als Justizkommissarin auch für Gleichstellungsfragen zuständig ist, kündigte an, sie werde sich bei ihrem Gesetzentwurf auf die Wünsche der EU-Bürger berufen. "Denn die Bürger wollen die Quote, das zeigen uns die Umfragen", sagte Reding. Dem neuesten Eurobarometer zufolge wollen drei von vier Europäern, dass Frauen per Gesetz bei gleicher Qualifikation dieselben Chancen auf Spitzenposten bekommen.

"Ich bin zu allem bereit"

Die EU-Kommissarin startet nun eine öffentliche Anhörung bis Ende Mai. Sie werde auf Grundlage der Wünsche von Bürgern vorgehen, kündigte Reding an. "Wenn die Bürger so klar und deutlich sagen: Wir wollen nicht mehr, dass das so weitergeht, dann müssen wir etwas machen", sagte sie. Studien hätten belegt, dass die Quote gut für die Wirtschaft sei. "Ich bin zu allem bereit. Die EU-Kommission hat in dieser wichtigen gesellschaftlichen Frage seriöse Arbeit geleistet", sagte Reding. "Jetzt sind die anderen dran, die Regierungen und Unternehmen. Ich gebe ihnen noch einmal Zeit bis zum Sommer."

Die Kommissarin darf sich allerdings auf Widerstand gefasst machen. So gibt es in Großbritannien Kritik an Redings Pläne. Eine verbindliche Quote sei ein Fehler, sagte Mervyn Davies laut "Financial Times". Der frühere Handelsminister hatte für die britische Regierung im vergangenen Jahr einen Bericht über den Frauenanteil in britischen Unternehmen erstellt. Darin forderte er in den Chefetagen der wichtigsten Firmen einen Frauenanteil von mindestens 25 Prozent.

Eine verpflichtende Quote wäre eine Enttäuschung, sagte Davies. Eine Selbstverpflichtung der Firmen sei der richtige Weg. So zeige eine neue Untersuchung, dass der Anteil von Frauen in den Führungsetagen der wichtigsten britischen Firmen innerhalb eines Jahres von 12,5 auf fast 15 Prozent gestiegen sei.

Neue Untersuchung sieht Fortschritte bei Förderung von Frauen in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es Widerstand gegen eine verbindliche Quote. Zwar setzt sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) für eine gesetzlich festgelegte Quote von Frauen in Führungspositionen ein. Das haben bisher aber Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Familienministerin Kristina Schröder (CDU) abgelehnt. "Es ist schade, wenn eine so wichtige Frage im parteipolitischen Kleinklein untergeht", sagte Reding mit Blick auf Deutschland. "Ich würde mir da etwas mehr Mut für Lösungen wünschen. Schließlich ist es gerade in Deutschland auch eine demografische Frage, wo es schon jetzt zu wenig Auszubildende gibt."

Trotz aller Kritik gibt es laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland Fortschritte in Sachen Frauenförderung. Demnach investieren rund 80 Prozent der deutschen Unternehmen in die Förderung von Frauen sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Viele Programme seien aber erst seit 2010 eingeführt worden, schreibt das Beratungsunternehmen. Daher bleibe Deutschland mit Blick auf den Frauenanteil in den Vorstandsetagen mit drei Prozent internationales Schlusslicht. Immerhin seien 16 Prozent der neu besetzten Dax-Vorstände im vergangenen Jahr Frauen gewesen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte in einer kürzlich vorgestellten Studie eine "männliche Monokultur" in deutschen Unternehmen kritisiert. Laut der Untersuchung bewegt sich in den Vorstandsetagen der Top-Konzerne so gut wie nichts: 2011 lag der Anteil der Frauen in den Chefsesseln bei den 200 größten Unternehmen Deutschlands mit drei Prozent genau so niedrig wie im Jahr davor.

mmq/dpa/Reuters

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