Wachstumsdebatte Bitte ein BIP!

Klimawandel, Spekulationsblasen, Rohstoffknappheit: Kein Wunder, dass Wachstumskritiker derzeit Oberwasser haben. Doch es gibt auch eine Gegenbewegung - Politiker und Ökonomen, die unverdrossen sagen: Armut und Umweltprobleme lassen sich nur mit mehr Wirtschaftswachstum bekämpfen.
Arbeiter in Neu Delhi: Wachstum als Menschenrecht?

Arbeiter in Neu Delhi: Wachstum als Menschenrecht?

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Hamburg - Das Einstecktuch passt zur Krawatte, die Gesten sitzen ebenso wie die Betonungen: Wenn Karl-Heinz Paqué einen Vortrag hält, wirkt er wie ein gediegener Hochschulprofessor. Doch wenn der Ökonom mit seinem Vortrag fertig ist, kommt es schnell zu leidenschaftlichen Diskussionen. Denn Paqué ist ein Provokateur.

Kritiker eines ungebremsten Wirtschaftswachstums finden neuerdings wieder viel Gehör. Paqué, FDP-Politiker und einst Finanzminister von Sachsen-Anhalt vertritt die Gegenposition: Er ist ein vehementer Verteidiger des Wachstumsgedankens. Seine Position vertritt der 55-Jährige in einem Buch mit dem programmatischen Titel "Wachstum!" ebenso wie als Sachverständiger einer Bundestagskommission, die derzeit über neue Wohlstandskonzepte diskutiert. Dort beschweren sich Oppositionsvertreter bisweilen, Paqués Plädoyers dominierten die gesamte Debatte.

Aber geht das überhaupt - Wachstum verteidigen? Am Finanzmarkt ist mal wieder eine Blase geplatzt, der Klimawandel schreitet ungebremst voran, Rohstoffe erzielen Rekordpreise. Alles deutet darauf hin, dass die Gier nach immer größerem Wohlstand die Ressourcen der Erde ebenso überfordert wie die Steuerungsfähigkeit der Staaten. Angesichts all dieser Zeichen an der Wand - wie kann man da immer noch mehr fordern?

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Streit um den Wohlstand: Die Angst vor zu viel Wachstum

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Paqué sieht schon hinter dieser Frage eine "optische Täuschung". Denn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) - also die Summe aller im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen - kann ja nicht nur durch erhöhte Produktionsmengen steigen. Auch die gestiegene Qualität von Waren oder technische Innovationen werden von Statistikern in höheres BIP-Wachstum umgerechnet. Hinter dem "Immer Mehr" kann sich also auch ein "Immer Besser" verstecken.

Dieses "Immer besser" liefert Wachstumsbefürwortern ihr wichtigstes Argument. Für sie ist das Streben nach Wachstum stets mit Fortschritt verbunden: Um möglichst viel zu verkaufen, produziert die Wirtschaft ihre Waren immer effizienter oder erfindet völlig neue Produkte - ohne deswegen mehr Ressourcen zu verbrauchen. Bei Paqué geht der Glaube an diesen Fortschritt sehr weit. Selbst im Kampf gegen den Klimawandel vertraut er auf Innovationen - und die Kraft freier Märkte: "Allein das globale Wirtschaftswachstum selbst kann jene Kräfte in Gang setzen, die den Wohlstand mit einer Stabilisierung des Klimas in Einklang bringen", schreibt der Ex-Minister.

Wachstumskritiker halten den Glauben an die ewige Verbesserung dagegen in mehrfacher Hinsicht für eine Falle. Da ist zum einen der so genannte Rebound-Effekt: Für Verbraucher werden Waren durch effizientere Produktion billiger, was oft den Konsum erhöht und erreichte Ressourcen-Einsparungen gleich wieder auffrisst. Arbeitnehmer wiederum müssen um ihren Job bangen, wenn mit dem selben Aufwand plötzlich mehr Waren hergestellt werden können - die Rationalisierungsfalle schnappt zu. Einziger Ausweg, um Entlassungen zu vermeiden: noch mehr Wachstum.

Das sind allerdings Probleme, die vor allem hochentwickelte Industrieländer beschäftigen. Ihre stärksten Argumente finden Wachstumsbefürworter dort, wo "Mehr" noch von fast allen Bürgern als "Besser" angesehen wird: in den Entwicklungsländern.

"Coca-Cola hat am meisten gegen Armut getan"

Wachstum ist das beste Rezept gegen Armut. Das glaubt zumindest Xavier Sala-i-Martin. Der Spanier wirkt wie ein Gegenentwurf zum seriösen Paqué: Grellbunte Jacketts statt Einstecktuch, und statt Minister war Sala-i-Martin im Nebenberuf schon mal Präsident beim FC Barcelona. Doch auch wenn es nicht so aussieht: Die beiden Ökonomen sind Brüder im Geiste.

Sala-i-Martin forscht seit langem über den Zusammenhang zwischen Wachstum und Wohlstand, besonders in Afrika. Der Ökonom an der US-Elite-Uni Columbia mag provokante Ausagen wie diese: "Die Institution, die am meisten zur Ausrottung der Armut in Afrika getan hat, ist keine Nichtregierungsorganisation. Es ist Coca-Cola mit Zehntausenden von geschaffenen Arbeitsplätzen."

Vor knapp zwei Jahren sorgten Sala-i-Martin und sein Co-Autor Maxim Pinkovskiy mit einer Langzeitstudie für Aufsehen. Darin kamen sie zum Schluss, dass die Armut in Afrika viel schneller sinke, als bislang gedacht. Während 1995 noch 43 Prozent der Menschen in den Subsahara-Staaten mit weniger als einem Dollar auskommen mussten, waren es der Studie zufolge 2006 nur noch 32 Prozent - die Inflation bereits herausgerechnet. Die treibende Kraft hinter der Verbesserung ist nach Ansicht der Autoren eindeutig: Quasi spiegelbildlich zum Rückgang der Armut stieg das Pro-Kopf-BIP.

Die Verbesserung in Afrika mag bescheiden anmuten. Doch auch viele aufstrebende Länder Asiens zeigen, dass ein Kontinent der Armut entwachsen kann: Während sich die Wirtschaftskraft pro Kopf knapp verdreifachte, hat sich die Zahl der Armen in der Region laut einer Studie der Asiatischen Entwicklungsbank fast halbiert. Mussten 1990 noch 52 Prozent der Asiaten von weniger als 1,25 Dollar leben, so waren es 2005 nur noch 27 Prozent. Besonders dramatisch war der Rückgang im Boomland China: von 60 auf knapp 16 Prozent.

Der Wohlstand wird jedoch oft ungleich verteilt, und so stammen auch heute noch rund zwei Drittel der Armen weltweit aus Asien. Für sie ist das Mehr geradezu ein Menschenrecht, Verzichtsforderungen wirken zynisch.

Ein Dilemma, das sich vor gut zwei Jahren in Kopenhagen offfenbarte, als ein neues Klimaabkommen am Widerstand von China und anderen Schwellenländern scheiterten. Die aufstrebenden Staaten argumentierten, der reiche Westen müsse den Löwenanteil der Kohlendioxid-Reduktion übernehmen - schließlich sei seine Wirtschaft weit entwickelt, die Bevölkerung der Armut entkommen. "Die Emissionen der USA steigen noch immer, obwohl das Land schon lange voll industrialisiert ist", kritisierte damals der chinesische Verhandlungsführer Su Wei.

Ohne Wachstum wachsen die Schuldenberge

Die Reichen nehmen sich zurück, damit die Armen ihr Stück vom Wachstumskuchen abhaben können: Sympathien für diese Idee gibt es selbst in der liberal-konservativen Bundesregierung. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) schrieb Ende vergangenen Jahres: "So sehr wir uns für die Beseitigung des Hungers überall in der Welt einsetzen müssen, so sehr sollten wir uns andererseits in unseren eigenen westlichen Ländern für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums einsetzen."

Doch ohne weiteres kann auch der vermeintlich saturierte Westen nicht auf Wachstum verzichten. Das Problem von Ländern wie Griechenland oder Portugal ist nicht allein, dass ihre Regierungen zu viel Geld ausgegeben haben. Die Schuldenberge in Europas Süden erscheinen auch deshalb so dramatisch, weil die Wirtschaft in diesen Ländern nicht mehr wächst. Damit hat der Staat weniger Einnahmen und kaum Chancen, finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Denn die entscheidende Maßzahl, der Schuldenstand in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, lässt sich ja mit zwei Strategien verbessern: Entweder durch hartes Sparen und mühsames Abstottern. Oder auf die leichte Tour, indem kräftiges BIP-Wachstum den Schuldenstand automatisch sinken lässt.

Der Wachstumsfan Sala-i-Martin sieht dieses Problem auch in seiner spanischen Heimat. Die ist zwar im Vergleich zur Wirtschaftsleistung weniger verschuldet als Deutschland, doch das ist nach Ansicht des Ökonomen nicht entscheidend. Viel wichtiger sei, dass Spanien seit der Krise nicht mehr mit einem "gesunden Rhythmus von vier oder fünf Prozent" wachse.

Nach Ansicht von Sala-i-Martin müssten die Sparpakete in Südeuropa unbedingt mit Reformen verbunden werden, die das Wachstum ankurbeln. Doch als die EU kürzlich ihre Fiskalunion beschloss, waren solche Reformen kein Thema. In einem Zeitungskommentar schrieb Sala-i-Martin: Weil sich "Merkozy" allein aufs Sparen konzentriert hätten, sei "die dem Gipfel vorangegangene Euphorie verpufft und wir sahen einmal mehr, wie sich eine allgemeine Erektion in die finanzielle Version eines Coitus interruptus verwandelte".

Keine Frage: der Mann mag es schrill - nicht nur bei der Wahl seiner Jacketts.

In der nächsten Folge: Was wir statt Wachstum messen könnten

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