Währung im Höhenflug Die gefährliche Stärke des Euro

Euro-Krise? War da was? Der Kurs der Gemeinschaftswährung steigt und steigt. Sie steht fast an der Marke von 1,50 Dollar - trotz Schuldenkrise. Doch die Stärke des Euro kommt nicht aus eigener Kraft. Und sie könnte Europa neue Probleme bescheren.
Euro-Münze auf Dollar-Noten: Gemeinschaftswährung auf Höhenflug

Euro-Münze auf Dollar-Noten: Gemeinschaftswährung auf Höhenflug

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Hamburg - Schuldenkrise, Milliardenhilfe für Fast-Pleitestaaten und hektisch geschnürte Rettungspakete: Die Euro-Krise erschüttert das Vertrauen der Deutschen in die Gemeinschaftswährung. Laut einer Umfrage vom März halten nur 55 Prozent der Bundesbürger den Euro für langfristig erfolgreich.

Die Stimmung an den Finanzmärkten scheint ganz anders: Dort steigt der Wechselkurs des Euro seit Wochen - weil der Dollar   unter Druck gerät. Noch Mitte Januar notierte der Euro bei 1,29 Dollar. Am Freitag pendelte er bei 1,49 Dollar. Gespannt erwarten Devisenhändler, dass die Gemeinschaftswährung nun auch die psychologisch wichtige Marke von 1,50 Dollar knackt.

So mancher Skeptiker staunt: Euro-Krise - war da was? Schließlich weiß fast jeder in Europa, was gegen die Gemeinschaftswährung spricht:

  • Seit Wochen wird über eine Umschuldung Griechenlands diskutiert. Erst kürzlich wurde bekannt, dass es um die Staatsfinanzen des Landes schlimmer steht als befürchtet. Das Haushaltsdefizit der Regierung hat im vergangenen Jahr 10,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht.
  • Neben Griechenland und Irland flüchtete sich auch Portugal unter den EU-Rettungsschirm. Die Regierung in Lissabon braucht voraussichtlich 80 Milliarden Euro an Hilfen - Die Details des Pakets muss sie mit EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) noch verhandeln.
  • Die Bankenkrise im hoch verschuldeten Irland schwelt weiter. Ende März wurde bekannt, dass irische Banken einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 24 Milliarden Euro haben.
  • Innerhalb der EU droht in Sachen Euro-Rettung Streit, was wichtige Entscheidungen verzögern könnte. So wird wohl in Finnland die rechtspopulistische Partei "Wahre Finnen" mit an die Regierung kommen - sie hat Widerstand gegen das Rettungspaket für Portugal angekündigt.
  • Spanien gilt ebenfalls als potentieller Kandidat für EU-Hilfen. Das Land hat zwar einen strikten Sparkurs eingeschlagen, doch es muss erst noch Investoren davon überzeugen, dass es nicht wie Griechenland, Irland und Portugal auf Finanzhilfen angewiesen ist.

Warum also steigt der Euro-Wechselkurs trotzdem? Und welche Risiken birgt die Stärke der Gemeinschaftswährung? Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Was den Euro trotz Schuldenkrise stark macht

Eine starke Währung bringt Macht mit sich. Und als inoffizielle Leitwährung gilt der Dollar. Deshalb wird der Euro vor allem an ihm gemessen. "Die Stärke des Euro ist vor allem eine Schwäche des Dollar", sagt Commerzbank-Devisenexpertin Antje Praefcke.

Grund für den Wertverfall des Dollar ist in erster Linie die lasche US-Geldpolitik. Die Notenbank hält noch immer an ihrem expansiven Kurs mit Leitzinsen nahe null Prozent fest und pumpt wöchentlich Milliarden in die Märkte, indem sie US-Staatsanleihen kauft. Die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen hat bereits die Wende eingeleitet und erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen angehoben.

Und die EZB hat bereits durchblicken lassen, dass sie in den kommenden Monaten weitere Zinserhöhungen plant. Das lockt Anleger an, während Dollar-Investoren in andere Währungen umschichten.

Hinzu kommen die schleppende Erholung der US-Konjunktur und die hohe amerikanische Staatsverschuldung. Beides zieht den Dollar ebenfalls nach unten. Die US-Währung biete derzeit einfach keine attraktive Alternative, sagt Devisenexpertin Praefcke. Und die Schuldenkrise in Europa werde von den Händlern derzeit einfach ausgeblendet. Der Zinsvorteil überwiegt.

Welche Währungen sich gegen den Euro behaupten

Gegenüber dem Dollar hat der Euro seit Jahresbeginn um etwa elf Prozent an Wert gewonnen. Dass dies vor allem auf die Dollar-Schwäche zurückzuführen ist, zeigt der Vergleich mit anderen Währungen (siehe Grafiken). Das Britische Pfund etwa oder den Australischen Dollar konnte die Gemeinschaftswährung nicht so weit abhängen.

Fotostrecke

Währungen im Vergleich: Der Höhenflug des Euro

Foto: SPIEGEL ONLINE

In Großbritannien erwarten die Marktteilnehmer wie im Euro-Raum Zinserhöhungen, erklärt Devisenexpertin Praefcke. Auch der Australische Dollar profitiere von steigenden Zinsen. Zudem gilt die australische Volkswirtschaft als Profiteur des weltweiten Rohstoffbooms. Die Schwedische Krone konnte sich in den vergangenen Monaten ebenfalls gut behaupten. Die Regierung in Stockholm könne einen soliden Haushalt vorweisen, sagt Praefcke. Im Vergleich dazu spiele die Schuldenkrise der Euro-Länder dann doch wieder eine Rolle.

Stark dagegen zeigt sich der Euro gegenüber dem Yuan - obwohl China wirtschaftlich gut dasteht. Die Erklärung dafür ist jedoch einfach: Die Regierung in Peking hält ihre Währung künstlich niedrig - indem sie sie an den Dollar koppelt. Das Ziel: den Export der eigenen Volkswirtschaft befeuern.

Was den Höhenflug des Euro stoppen könnte

Dass der Euro die Marke von 1,50 Dollar knackt, ist für viele Experten nur noch eine Frage der Zeit. Doch ob die Gemeinschaftswährung auch die Hürde von 1,60 Dollar nimmt, daran zweifelt Devisenexpertin Praefcke. "Auf dieses Niveau gehört der Euro einfach nicht", sagt Praefcke mit Blick auf die Schuldenkrise.

Ein rasches Ende des Euro-Höhenflugs prophezeit die Expertin aber nicht. Nur tiefgreifende Ereignisse wie eine Verschärfung der Schuldenkrise könnten der Gemeinschaftswährung schaden, sagt Praefcke. Etwa wenn Spanien unter den Rettungsschirm müsste. Auch die US-Notenbank könnte den Wechselkurs beeinflussen, wenn sie ihre Zinspolitik ändert. Doch eine erste Straffung der amerikanischen Geldpolitik wird frühestens zum Jahresende erwartet.

Welche Risiken und Vorteile die Euro-Stärke bringt

Als der Euro 2008 die Marke von 1,50 Dollar schaffte, jammerte vor allem die deutsche Exportwirtschaft. Denn wird die Währung stärker, verteuern sich die Produkte beim Verkauf in andere Weltregionen. Dann lässt die Nachfrage nach, das Wachstum wird gebremst.

Diese Gefahr bestehe derzeit aber nicht, sagt Praefcke. "Deutschland muss sich nicht fürchten." Die Erholung der Weltwirtschaft sei so stark, dass eine nachlassende Nachfrage nicht absehbar sei. Zudem exportiere Deutschland nicht nur in die Dollar-Zone, sondern auch in andere Regionen mit weniger heftigen Wechselkursunterschieden.

Die Stärke des Euro hat sogar einen entscheidenden Vorteil: Rohstoffe wie Öl werden meist in Dollar gehandelt, mit der Schwäche der US-Währung werden sie günstiger. Der Import dürfte damit für deutsche Unternehmen billiger werden.

Länder mit einer guten Konjunkturentwicklung wie Deutschland können der Euro-Stärke trotzen. Problematisch werde es aber für Wackelkandidaten wie Portugal und Griechenland, sagt Praefcke. Sie können Dämpfer im Export nicht so gut wegstecken. Die Devisenexpertin sieht deshalb einen langfristig negativen Trend: "Die Ungleichheiten innerhalb der Euro-Zone werden sich verstärken."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.