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13. Mai 2011, 16:31 Uhr

Währung in der Krise

Die fünf größten Irrtümer der Euro-Gegner

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Euro-Land ist abgebrannt - so sehen es viele Menschen in der EU, auch in Deutschland. Weil die Schuldenkrise in Griechenland und Portugal grassiert, rufen sie das Ende der gemeinsamen Währung aus. Doch die Kalkulation der Skeptiker hat entscheidende Fehler.

Hamburg - Fast jeder dritte Deutsche will raus aus dem Euro. Das ist das Ergebnis einer neuen Umfrage. 30 Prozent der Befragten wünschen sich demnach ein "unabhängiges Deutschland, in das keine Europäische Union hineinregiert". Euro-Land, so scheint es, hat bei den Bundesbürgern ausgedient.

Liest man in den Internetforen der wichtigsten Nachrichtenseiten nach, ist das Meinungsbild sogar noch klarer. Der Tenor, auch in den Foren von SPIEGEL ONLINE, lautet: Der Euro schadet nur, die Schuldenstaaten Griechenland, Portugal und Co. leben auf unsere Kosten, die Bundesrepublik sollte schleunigst zurück zur D-Mark.

Sicher, im Netz wird auch sonst deftig diskutiert. Kaum ein Nutzer würde seine Meinung wohl so ungeschminkt in einem handschriftlichen Leserbrief zum Ausdruck bringen - mit vollem Namen und Ortsnennung. Und es ist ja auch durchaus aufschlussreich, wie intensiv über die Zukunft des Euro und der Europäischen Union diskutiert wird.

Allerdings muss man auch konstatieren: Zum weit überwiegenden Teil wird die Währungsgemeinschaft pauschal negativ bewertet, die europäische Idee als bürokratisches Monster abgetan - und oft genug werden die Menschen in Griechenland, Irland und Portugal leider auch beleidigt.

Immer wieder verbreiten Nutzer auch bestimmte Mythen und schlichte Unwahrheiten zur europäischen Schuldenkrise. Ein Überblick über die wichtigsten, die derzeit in den Foren kursieren:

Doch was stimmt wirklich? Wie sieht die Euro-Bilanz aus? Und kann Deutschland auch ohne Gemeinschaftswährung weiter wachsen? Eine Aufarbeitung der fünf größten Irrtümer der Euro-Gegner.


Irrtum Nummer eins: Die Griechen machen sich auf unsere Kosten ein schönes Leben.

Natürlich klingt es bitter: Die "Bild"-Zeitung zählt am Freitag 14 Privilegien auf, die griechische Beamte und Politiker genießen. 16 Monatsgehälter, doppelte Pensionen, Zulagen für Arbeiten bei niedrigen Temperaturen. Einen Forumsschreiber veranlasst das zu folgendem Beitrag: "Kaum Steuern zahlen, den Staat besch…en wo man nur kann, staatliche Firmen dürfen nur Minus machen und keinen Gewinn, ach ja: und dann die Verluste in Brüssel wieder einfordern. Eigentlich sollte man alle Politiker bestrafen, die Griechenland in die EU reingelassen haben."

Bei aller berechtigten Kritik an den Regelungen, die es in Griechenland gibt: Ist es fair, ein Land nur auf korrupte Eliten und Beamte reduzieren? Natürlich nicht - vor allem aus einem Grund: Die Griechen haben sich im vergangenen Jahr einen massiven Sparkurs auferlegt. Sie haben es geschafft, ihr Defizit von mehr als 15 Prozent auf 10,5 Prozent zu reduzieren. In Deutschland würde ein ähnliches Programm bedeuten, dass die Bundesregierung 125 Milliarden Euro im Haushalt kürzen müsste.

Außerdem liegen die Löhne und Gehälter in Griechenland massiv unter jenen in Deutschland. Kein deutscher Arbeitnehmer würde mit seinem griechischen Pendant tauschen wollen. Zum Vergleich: Während die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Deutschland mehr als 30.000 Euro beträgt, liegt sie in Griechenland gerade einmal bei rund 20.000 Euro. Das ist ein Drittel weniger. Man kann also grob rechnen, dass ein griechischer Angestellter maximal 60 bis 70 Prozent des deutschen Gehalts bezieht.

Und diese Schere ist aufgrund der massiven Sparmaßnahmen und des Aufschwungs in Deutschland noch weiter auseinander gegangen. Für Hybris also kein Grund.


Irrtum Nummer zwei: Griechenland wäre ohne den Euro besser dran

Die Frage, ob Griechenland aus der Euro-Zone austreten soll, beantworten die meisten Nutzer im SPIEGEL-ONLINE-Forum mit ja. So schreibt einer: "Die Griechen werden nun eine (massivst abgewertete) Neo-Drachme bekommen, und damit können sie zumindest ihren wichtigsten Wirtschaftszweig, die Tourismus-Industrie, retten und auch günstig Olivenöl und Feta-Käse exportieren. Bei den Importen wirds halt richtig happig werden... Zumindest kann die EZB jetzt schon mal neue Euro-Scheine drucken: nämlich solche OHNE griechische Buchstaben."

Klingt alles nachvollziehbar - oder? Aber nicht immer ist die Welt so einfach. Natürlich könnte Griechenland einen Neubeginn starten und seine Währung abwerten und günstig exportieren. Doch die parallel eintretenden Konsequenzen wären eine Katastrophe: Das Land könnte seine Schulden, die ja weiter in Euro laufen, nicht mehr bedienen, wäre also sofort zahlungsunfähig.

Was noch viel dramatischer wäre: Dem Land stünden massive soziale Unruhen bevor. So geschehen in Argentinien vor zehn Jahren. Als das Land bankrott ging, kam es zu blutigen Straßenkämpfen und Plünderungen. Ähnliches würde auch Griechenland drohen.

Außerdem würden die Griechen die Banken stürmen, um ihre Ersparnisse ins Ausland zu bringen. Denn bei einem Wechsel zurück zur Drachme wäre das alte Konto mit einem Schlag kaum noch etwas wert. Das griechische Finanzsystem würde kollabieren, alle Gläubiger, darunter auch deutsche Banken, müssten ihre Kredite abschreiben. Das wäre Experten zufolge mindestens so teuer wie die derzeitigen Hilfsmaßnahmen - die Griechenland zumindest bislang alle zurückzahlt.


Irrtum Nummer drei: Unter einer Umschuldung würden nur die Abzocker-Banken leiden

Die deutschen Banken haben Griechenland rund 18 Milliarden Euro geliehen. Kommt es zu einem Schuldenschnitt oder gar einem Totalausfall der Kredite, würden die Institute massiv leiden. Viele Internetdiskutanten finden das nicht weiter schlimm. Ein Beispiel: "Wenn die Banken Ländern wie Griechenland Kredite gewähren, obwohl schon lange bekannt ist, wie die Finanzlage Griechenlands in Wirklichkeit ist/war, dann ist das doch nicht ein Problem des deutschen Steuerzahlers. Der hat schon für die Hypo Real Estate den Kopf hinhalten müssen. Soll die Bank doch pleitegehen."

Das aber ist zu einfach gedacht. Man kann es ablehnen, dass systemrelevante Institute vom Staat vor der Pleite gerettet werden. Aber völlig ausblenden kann man es auch nicht. Hinzu kommt: Ein Großteil der griechischen Staatsanleihen wird von Banken gehalten, die indirekt der öffentlichen Hand in Deutschland gehören - Stichwort Landesbanken. Für Verluste müsste also sofort der Steuerzahler einspringen.

Berechtigt ist bei dieser Debatte allerdings die Frage, wie private Gläubiger an der Rettung Griechenlands beteiligt werden können. Der gegenwärtige Stand, dass alle Risiken dem Steuerzahler aufgebürdet werden und die privaten Investoren verschont bleiben, ist tatsächlich untragbar. Hier müssen Banken und Regierungen einen Kompromiss finden.


Irrtum Nummer vier: Der Euro hat Deutschland nichts gebracht

Es ist das ewige Lamento über Europa: Am Ende müsse Deutschland ja doch alles zahlen. Dieser Eindruck hat sich bei vielen Internetnutzern festgesetzt, was sich dann etwa so äußert: "Wenn immer die Gleichen zahlen beim 'Finanzausgleich', dann ist das kein Ausgleich, sondern schlichtweg Umverteilung. Warum sollen die Deutschen für Portugal, Irland oder Griechenland arbeiten und hohe Steuern bezahlen? Die EU ist für Deutschland als Hauptzahler zu einem Fass ohne Boden geworden. Dieser unerträgliche Zustand muss schnellstens beendet werden."

Dabei werden die Vorteile ausgeblendet, die Deutschland durch die gemeinsame Währung genießt. Wir liefern einen Großteil unserer Waren in Länder der Euro-Zone. Ein ebenfalls häufig unterschlagener Aspekt: Die Inflation war in den vergangenen Jahren so niedrig wie nie zuvor. Der Euro hat also für stabile Preise gesorgt - ganz anders, als es der Ruf des Teuro vermuten lässt.

Und, nicht zu vergessen: Dass Europa die Finanzkrise verhältnismäßig gut überstanden hat, liegt wesentlich am Euro. Nach dem Zusammenbruch des Finanzsystems waren Investoren weltweit auf der Suche nach sicheren Anlagen. Das bekam etwa der Schweizer Franken zu spüren, der massiv an Wert zulegte. Auch wenn das für einen urlaubenden Schweizer ganz attraktiv sein mag - der Wirtschaft des Landes bereitet die Aufwertung massive Probleme.

Für Deutschland wären die Folgen noch verheerender gewesen - weil die hiesige Wirtschaft so extrem von Exporten abhängig ist. Eine massive Verteuerung deutscher Waren hätte die Konjunktur noch extremer abstürzen lassen, als es ohnehin der Fall war. Mit dem Euro war dieser Effekt deutlich geringer.


Irrtum Nummer fünf: Die Währungsunion ist am Ende

Immer wieder fordern Internetdiskutanten einen harten Schnitt - so wie dieser Leser: "Europa kann diese Krise nicht stoppen. Nur einzelne EU-Länder können sich selbst retten! Deutschland gehört denjenigen, die sich retten können, wenn man sich frühzeitig abseilt!"

Doch was würde passieren, wenn Deutschland wieder die D-Mark einführen würde? Sie würde massiv an Wert zulegen, der Export würde sich verteuern und einbrechen - und damit auch die Konjunktur. Deutschland ist zu exportabhängig und zu stark in das europäische Wirtschaftsgeflecht integriert, als das man sich einfach aus dem Staub machen könnte.

Tatsächlich hätte ein Ende der Währungsunion verheerende Folgen - "neben den erwartbaren auch noch zahlreiche nicht zu kalkulierende", sagt Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Das Risiko eines solchen Experiments sei gar nicht abzuschätzen. Für den Experten ist das größte Problem in der Debatte, dass die Schuldenprobleme einzelner Staaten zu einer Euro-Krise vermengt wurden. "Der Euro ist eine gute Währung", sagt Boysen-Hogrefe.

Und auch wenn es den Steuerzahler zweifellos etwas kosten werde, Griechenland zu retten - dies sei allemal billiger als ein panikartiger Ausstieg aus dem Euro.

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