Währungsexperte Barry Eichengreen "Wo ist der Marshallplan für Griechenland?"

Schon wieder brauchen die Griechen mehr Geld. Der US-Währungsexperte Barry Eichengreen warnt: Ohne massive Investitionen wird das Elend kein Ende nehmen. Im Interview spricht er über die Euro-Krise, die Gefahren der amerikanischen Nullzinspolitik und Vermarktungsideen für griechisches Essen.
Obdachlose in Athen: "Demokratien vertragen nur ein begrenztes Maß an Einschnitten"

Obdachlose in Athen: "Demokratien vertragen nur ein begrenztes Maß an Einschnitten"

Foto: Thanassis Stavrakis/ AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Eichengreen, Sie sind ein scharfer Kritiker des deutschen Krisenmanagements - wie viele hier auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Hat sich die Bundesregierung wirklich so schlecht geschlagen?

Eichengreen: Sie hat sich darauf konzentriert, Südeuropa zu Reformen zu drängen. Demokratien können aber nur ein begrenztes Maß an Einschnitten vertragen, ohne dafür Erfolg zu sehen. Griechen oder Italiener brauchen Belohnungen und eine glaubwürdige Vision für neues Wachstum. Die sehe ich weder bei Deutschland, noch bei der EU-Kommission oder bei der EZB.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren?

Eichengreen: Griechenland braucht, was Deutschland 1948 bekommmen hat: einen Marshallplan. Große Mengen ausländischer Hilfe im Gegenzug für Reformen. Wo ist der Marshallplan für Griechenland? Letztes Jahr haben europäische Politiker über so einen Plan geredet, jetzt ist er völlig vom Tisch. Das Land braucht zudem eine deutliche Schuldenreduzierung, an der sich nach meiner Meinung auch die EZB beteiligen muss.

SPIEGEL ONLINE: Werden die derzeit diskutierten 70 Prozent reichen?

Eichengreen: Ja, aber nur wenn die Wirtschaft wieder wächst. Doch laut allen Prognosen wird sie weiter schrumpfen.

SPIEGEL ONLINE: EU-Währungskommissar Olli Rehn hat gerade gesagt, das Rettungspaket für Griechenland reiche nicht aus.

Eichengreen: Damit hat er recht. Das ist aber auch nur ein andere Art zu sagen, dass ein Schuldenerlass allein nichts bringt.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB versucht bereits, mit dem Kauf von Staatsanleihen die europäischen Krisenländer zu stützen. Reicht das?

Eichengreen: Die EZB hat bislang versucht, das europäische Bankensystem zu stabilisieren. Sie hat aber nicht genügend Papiere von Krisenstaaten gekauft, um deren Zinsen deutlich zu drücken.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Umfang sollten die Käufe haben?

Eichengreen: Manche Leute, die sich mit den Zahlen besser auskennen, reden von einer Billion. Andere fordern mehr.

SPIEGEL ONLINE: Auf eine Billion will der italienische Premier Mario Monti auch den Rettungsschirm ESM aufstocken. Doch das hat Angela Merkel erst gestern hier in Davos abgelehnt.

Eichengreen: Man muss sich entscheiden: Irgendwer wird die Brandschutzmauer errichten müssen. Sollen es die Regierungen machen oder die EZB? Die Rettungsschirme wurden eigens dafür gegründet, die Last von der EZB zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Also sollte der ESM es machen, sprich Regierungen und Bürger?

Eichengreen: Ja.

SPIEGEL ONLINE: In den USA hat die Zentralbank Fed gerade angekündigt, ihren Nahe-Null-Zins mindestens bis 2014 beizubehalten. Ist das nicht ein sehr schlechtes Zeichen für die US-Wirtschaft?

Eichengreen: Doch. Jeder macht sich Sorgen, weil das derzeitige Wachstum nicht genügend Jobs schafft. Wie in Europa gäbe es andere Gegenmaßnahmen, etwa neue Konjunkturpakete. Doch die werden nicht kommen, weil wir ein dysfunktionales politisches System haben: Geld und die Medien haben zu viel Einfluss, jede Lobbygruppe hat ihren eigenen Kabelsender. Deshalb handelt die Fed zurecht.

SPIEGEL ONLINE: Aber Niedrigzinsen haben in der Vergangenheit Blasen erzeugt. Besteht diese Gefahr jetzt wieder?

Eichengreen: Ja. Dem US-Aktienmarkt geht es recht gut, der Wirtschaft nicht. Das liegt an den niedrigen Zinsen. Ich hoffe deshalb, dass die Bankenaufsicht bei ihren nächsten Stresstests die Bilanzen sehr genau unter die Lupe nimmt. Damit könnte sichergestellt werden, dass die Branche nicht wieder auf riskante Investments setzt.

SPIEGEL ONLINE: Mit ihrer Zinspolitik drücken die USA auch den Dolllar gegenüber dem Euro und verschaffen sich so Wettbewerbsvorteile.

Eichengreen: Ja. Und auch für Europa könnte ein schwächerer Euro Teil der Lösung sein. Letztlich sind aber beide Währungen noch zu hoch bewertet. Sie müssen gegenüber schneller wachsenden Ländern abwerten, vor allem gegenüber China.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vorhergesagt, dass der chinesische Renminbi und der Euro den Dollar als Leitwährung ablösen. Glauben Sie das weiterhin?

Eichengreen: Ja. Die Welt braucht Liquidität und die USA wachsen nicht mehr schnell genug, um den Bedarf zu decken. Nur China und Europa können da einspringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird der Euro dieses Jahr überhaupt überleben?

Eichengreen: Letztes Jahr hab ich ein Zerbrechen des Euro noch für so wahrscheinlich erklärt, wie einen Meteoriteneinschlag in den Euro-Tower in Frankfurt. Mittlerweile halte ich es für ein bisschen wahrscheinlicher, glaube aber weiter an ein Überleben des Euro - weil die Kosten seines Endes noch höher wären als die der Rettung.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir diese Rettung mit einer Transferunion bezahlen?

Eichengreen: Ich denke, es wird zumindest eine begrenzte Form der Fiskalunion geben. So muss es einen gemeinsamen Bankenrettungsfonds geben. Aber deutsche Steuerzahler werden nicht für griechische Renten zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Aber womit soll Griechenland wieder auf die Beine kommen?

Eichengreen: Ich sage nicht, dass Griechenland morgen zu einem zweiten Schweden wird. Aber die Griechen können ihre Stärken im Tourismus, der Schifffahrt und Landwirtschaft ausbauen. Sie haben sich zum Beispiel bislang nicht besonders bemüht, ihre Lebensmittel zu vermarkten. Italien mag derzeit nicht als Vorbild gelten, doch die weltweite Vermarktung seines Essens und seiner Weine ist vorbildlich. Auch die Griechen könnten viel mehr mit ihren Produkten verdienen, wenn sie trendiger würden.

Das Interview führte David Böcking, Davos
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.