Alexander Neubacher

Gewerkschaftsfunktionäre drohen mit Warnstreiks Die Corona-Maulhelden von Ver.di

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Wie kommt man auf die Idee, ein Land zu piesacken, das gerade mühsam versucht, in einen halbwegs normalen Alltag zurückzufinden?
Ver.di-Chef Frank Werneke

Ver.di-Chef Frank Werneke

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Sebastian Willnow/DPA

Deutschland erlebt den schlimmsten Wirtschaftseinbruch seit Jahrzehnten, Hunderttausende sind in Kurzarbeit, die Regierung macht Schulden wie nie. Doch in einem Paralleluniversum namens Ver.di hat man von der Krise offenbar nichts mitbekommen. Die Gewerkschaft will mehr Geld für den öffentlichen Dienst: plus 4,8 Prozent Gehaltszuschlag, mindestens 150 Euro zusätzlich im Monat, außerdem die 39-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Damit keiner denkt, es könne sich bei diesen Forderungen doch nur um einen schlechten Scherz handeln, ruft Ver.di zu Warnstreiks auf: bei Bus und Straßenbahn, im Jobcenter, bei der Müllabfuhr. Eltern mit kleinen Kindern müssen sich wohl darauf einstellen, demnächst draußen vor der verschlossenen Kitatür zu stehen, weil die Ver.di-Truppe drinnen den Arbeitskampf probt.

Wie kommt man als Gewerkschaftsfunktionär auf die Idee, ein Land zu piesacken, das gerade mühsam versucht, in einen halbwegs normalen Alltag zurückzufinden? Womöglich liegt es an einer Fehlwahrnehmung der öffentlichen Meinung. Nachdem den Beschäftigten im Gesundheitswesen zuletzt viel gedankt wurde, hält der neue Ver.di-Chef Frank Werneke die Stimmung für günstig, um mehr rauszuschlagen. Motto: Klatschen allein reicht nicht, Deutschlands Corona-Helden wollen Geld.

Nun stimmt es, dass einige Ver.di-Berufsgruppen im öffentlichen Dienst wegen Corona hart arbeiten. Aber längst nicht alle. Nicht mal etwa jeder Fünfte im Ver.di-Kosmos arbeitet in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Und selbst von diesen dürften viele bis heute keinen einzigen echten Corona-Patienten gesehen haben, weil es in den Kliniken insgesamt ja glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt mehr als ein paar Tausend Intensivfälle gab.

Die Mehrheit der Ver.di-Leute sitzt in der öffentlichen Verwaltung, also dort, wo gewiss nicht mehr getan wird als in der Privatwirtschaft. Im Homeoffice eher weniger, wenn man bedenkt, wie dürftig die Ausstattung vieler Ämter mit portablen Computern und externen Internetzugängen ist. Kurzarbeit war oder ist für die öffentliche Verwaltung kein großes Thema. Viele saßen mit vollen Bezügen einfach zu Hause.

Dass in einer Sparkassenfiliale vor Dankbarkeit geklatscht wurde, ist nicht vorgekommen.

Und schließlich vertritt Ver.di noch einige Hunderttausend Beschäftigte bei Versorgungsbetrieben, Flughäfen, Sparkassen. Ehrbare Berufe. Doch dass in einer Sparkassenfiliale vor Dankbarkeit geklatscht wurde, ist meines Wissens nicht vorgekommen.

Mein Eindruck ist, dass Corona-Maulheld Werneke die Arbeit seines Vorgängers Frank Bsirske fortsetzt. Der war dafür bekannt, in Tarifkämpfen mit spektakulären Forderungen zu starten, um am Ende erstaunlich wenig zu erreichen. Die Zahl der Ver.di-Mitglieder ging unter ihm derweil um etwa ein Drittel zurück. Wohingegen in den vergangenen Jahren die Mitgliederzahl bei der Metall-Gewerkschaft stieg.

An diese Tradition knüpft Werneke an. Da passt auch sein Spitzname: Frank der Zweite.

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