Warnung von Standard & Poor's Herabstufung - na und?

Deutschland droht der Verlust der Top-Bonität - aber kaum jemanden interessiert's. Die dauernden Herabstufungen durch Rating-Agenturen haben Investoren und Politiker gelassener gemacht. Endlich.

Börsianer in Frankfurt (Oktober 2011): Zunehmende Gelassenheit
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Börsianer in Frankfurt (Oktober 2011): Zunehmende Gelassenheit

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Es gibt Neuigkeiten: Die Euro-Zone rutscht gerade in die Rezession, viele Länder mussten zuletzt hohe Zinsen für neue Kredite bezahlen, die Geldversorgung der Banken ist knapp, und die Staaten haben es auf zig Gipfeln bisher nicht hinbekommen, die Krise zu lösen. Das wussten Sie alles schon? Dann gibt es für Sie kaum einen Grund, den jüngsten Warnungen der Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) Beachtung zu schenken. Denn viel mehr steht da nicht drin.

Ähnlich wie Ihnen geht es übrigens den meisten Investoren an den Finanzmärkten. Auch sie lässt die Rating-Warnung ziemlich kalt.

Der Deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen sank am Dienstagmorgen gerade mal um gut ein Prozent, und auch am Anleihenmarkt hielten sich die Reaktionen in engen Grenzen: Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen lagen 0,024 Prozentpunkte höher als am Montag. Ein Schock sieht anders aus.

Vor einem Jahr wäre die Reaktion sicher heftiger ausgefallen, wenn die wichtigste Rating-Agentur der Welt mal eben der gesamten Euro-Zone mit Herabstufung gedroht hätte. Die Aufregung war groß, als die Rating-Agenturen damals nach und nach Griechenland, Portugal, Irland und Spanien herunterstuften. Von "Brandbeschleunigern" war die Rede, die die Krise nur noch schlimmer machten.

Doch mittlerweile scheint die Lage verändert. Zwar stufen die Agenturen immer noch fleißig Länder herab - doch die Auswirkungen sind gering. Portugal auf Ramschstatus? Na und?

Selbst als S&P Anfang August das bislang Undenkbare tat und den USA ihre Top-Note entzog, währte die Hysterie nur kurz. Die Investoren verlangen für amerikanische Staatsanleihen mittlerweile sogar niedrigere Zinsen als vor der Herabstufung.

Auch die Politik hat dazugelernt. Heute findet sich kaum mehr ein hochrangiger Amtsträger, der sich über den Rating-Rundumschlag aufregen möchte. In Deutschland ließen außer dem stets aufgeregten Rainer Brüderle vor allem die beiden stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion, Michael Meister und Michael Fuchs, halbherzige Empörung verlauten. Kennen Sie nicht? Macht nix.

Politik und Investoren müssen sich von den Agenturen emanzipieren

Die neue Gelassenheit bei Politik und Investoren ist ein gutes Zeichen. Es gibt derzeit Wichtigeres zu tun, als sich eingehend mit den Urteilen der Rating-Agenturen zu beschäftigen. Das heißt nicht, dass diese Urteile falsch sind. Natürlich hat sich die finanzielle Lage der meisten Euro-Länder verschlechtert. Und wenn Deutschland im Zuge der Krisenlösung immer höhere Haftungsrisiken für andere Länder übernimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei überfordert. Um das zu wissen, braucht aber kein Mensch das Urteil der Rating-Agenturen.

Die Noten von S&P sind eine Meinung unter vielen. Genauso könnte man auch die Studien des Internationalen Währungsfonds oder von Wirtschaftsforschungsinstituten zur Bewertung von Ländern heranziehen.

Es gibt allerdings zwei Unterschiede: Erstens beurteilen die Rating-Agenturen - anders als Wirtschaftsforscher - explizit die Ausfallwahrscheinlichkeit von Krediten. Und zweitens: Weil die Noten der Agenturen in zahlreichen Vorschriften und Verordnungen institutionell verankert sind, werden sie wichtiger genommen als die Meinungen anderer Experten.

So dürfen etwa Versicherungen den wichtigsten Teil ihres Vermögens nicht in schlecht benotete Wertpapiere investieren. Auch bei den meisten Investmentfonds gibt es ähnliche Regeln. Und selbst die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich lange Zeit blind auf das Urteil der Agenturen verlassen, wenn es darum ging, welche Papiere sie als Sicherheiten für ihre Leihgeschäfte mit Banken akzeptiert.

Mittlerweile hat die EZB ihre strengen Vorschriften etwas aufgeweicht. Und auch Investoren scheinen nicht mehr so nervös, wenn Agenturanalysten ihre Meinung zu Portugal oder Deutschland oder sonst wem ändern. Das sind Zeichen für den Beginn einer wünschenswerten Emanzipation.

Damit diese Emanzipation weitergehen kann, müssen Politiker und Investoren ihre selbstauferlegten Regeln abschaffen. Das wird nicht das Ende der Rating-Agenturen und ihrer Noten sein. In vielen Bereichen, die nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen, werden Anleger auch künftig dankbar für Informationen sein. Oder wissen Sie auf Anhieb, wie es etwa um die Bonität von Klöckner & Co oder der Heidelberger Druckmaschinen AG Chart zeigen steht? Eben.

Bei der Bewertung von Staaten würden die Ratings allerdings an Bedeutung verlieren. Und die Politik könnte sich endlich um andere Dinge kümmern, zum Beispiel um die Lösung der Euro-Krise.



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ZiehblankButzemann 06.12.2011
1. Nichts ist besser als gar nichts!
Heute, ist ja schließlich auch Nikolaus, falls wir es noch nicht ganz vergessen haben. Da kann man leicht cool und gelassen bleiben, besonders wenn die Füße in den Stiefeln naß und kalt sind bei dieser Witterung. Zieht das Fieber runter, sagt man. Wir bleiben cool, zumindest bis zur nächsten Panik, denn die kommt meistens ohne Vorankündigung, im Gegensatz zum Nikolaus.
Roßtäuscher 06.12.2011
2. Persönlich kann ich mich noch gut erinnern
Zitat von sysopDeutschland droht der Verlust der Top-Bonität - aber kaum jemanden interessiert's. Die dauernden Herabstufungen durch Rating-Agenturen haben Investoren und Politiker gelassener gemacht. Endlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802039,00.html
Als Peer Steinbrück 2008 in der größten Krise mit seinem Konjunkturbeschleunigungsgesetz daherkam, wie er die Kurzarbeit einrichtete, die von einigen Firmen prompt missbraucht wurde. Aber eine große Arbeitslosenwelle hat er verhindert, auch wenn es viel Geld gekostet hat. Da kam der Nutzen vor den Kosten. Die Abwrackprämie mit € 2500 pro Auto, als vom Staat versteckten Rabatt auf die Kisten, vor allem aus Asien. Die Prämie hätte man an Deutsches Produkt binden müssen. Auch so ein Merkel-Fauxpas. Deutschland schien die Krise nicht groß wirtschaftlich beschädigt zu haben. Und so gab sich Merkel großspurig und überheblich. Nach dem Motto: "Mir kann das alles nichts anhaben". Obwohl keine dieser Innovationen bei ihr gewachsen war. Aber, da gab es bereits die Mahner, die Stimmen: "Wartet nur ab, das dicke Ende kommt erst in 2 bis 3 Jahren. Und recht hatten sie, die Stimmen die Merkel vom Himmel voller Geigen herunter holen wollten auf die nackten Tatsachen. Alles ist eingetroffen. Jetzt haben wir den Salat und die Merkel schwebt nach wie vor in anderen Sphären, obwohl sie allen Grund hätte sich irgendwo zu verkriechen. Typisch, selbst die Ankündigung von Standard & Poor, Deutschland das 3-fach A abzuknöpfen scheint bei dieser Kanzlerin sogar Heiterkeit auszulösen. Sie bezahlt eben die teureren Kredite nicht. Bin mal gespannt wie ihr Ende aussehen wird.
Thomas Weber 06.12.2011
3. Die Übergriffigkeit der Ratingagenturen
Zitat von sysopDeutschland droht der Verlust der Top-Bonität - aber kaum jemanden interessiert's. Die dauernden Herabstufungen durch Rating-Agenturen haben Investoren und Politiker gelassener gemacht. Endlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802039,00.html
Ratingagenturen, die politische Prozesse demokratischer Länder bewerten, verhalten sich übergriffig. Übergriffig ist ein Verhalten dann, wenn es Zuständigkeiten überschreitet, oder zu seiner Erklärung ein Wissen beansprucht, das es nicht haben kann. Übergriffigkeit des Schwachen wird durch den Starken zurückgewiesen und sanktioniert. Übergriffigkeit des Starken wird zur Tyrannei. In der Demokratie haben Institutionen und Mündigkeit der Bürger die Übergriffigkeit der Starken zu verhindern. Deshalb haben Demokratien die politische Aufgabe, die Übergriffigkeit der Ratingagenturen und der dahinter stehenden Interessen zu verhindern. Ratingagenturen, Übergriffigkeit, Demokratie - Am besten, Sie dächten auf der Stelle selber nach (http://thomasweber.blog.de/2011/08/19/ratingagenturen-uebergriffigkeit-demokratie-11693859/)
faxin 06.12.2011
4. Realistische Sicht?
Zitat von sysopDeutschland droht der Verlust der Top-Bonität - aber kaum jemanden interessiert's. Die dauernden Herabstufungen durch Rating-Agenturen haben Investoren und Politiker gelassener gemacht. Endlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802039,00.html
Sehen wir es realistisch... wenn Deutschland AAA verlieren würde, dann muss man sich fragen, was übrig bliebt? Wird Frankreich AAA dann halten können? Die USA? Wenn die Auswahl an AAA-Kreditnehmern fehlt, dann muss man sein Geld entweder unter die Matraze packen und von der Inflation auffressen lassen oder sich mit AA zufrieden geben. Kam nicht kürzlich, dass Deutschland nur noch 0,08% Zinsen zahlen würde? Wenn das nicht AAA++ ist, dann weiß ich's auch nicht. Ein paar Tage später fand man nicht genug Anleger. Bauchgefühl? Dann wird es Spekulation. Und wenn S&P lediglich einen spekulativen Faktor zum Ratespiel liefert, wenn soll es noch interessieren. Deutschland verliert sein AAA nicht, denn sonst würde S&P offenlegen, dass ihr Geschäft nichts mit Sicherheit zu tun hat, sondern nur mit Bauchgefühl.
wolfgangotto 06.12.2011
5. Bitte nicht vergessen
Zitat von sysopDeutschland droht der Verlust der Top-Bonität - aber kaum jemanden interessiert's. Die dauernden Herabstufungen durch Rating-Agenturen haben Investoren und Politiker gelassener gemacht. Endlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802039,00.html
nach der Krise 2008 wurde den Rating-Agenturen massiv vorgeworfen, nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. Das tun sie jetzt eben. Bekanntermaßen sieht die Situation in der EURO-Zone insgesamt ja auch nicht positiv aus! Die angedachten -noch nicht beschlossenen- Änderungen reichen viel zu weit in die Zukunft und lösen nicht unser heutiges Problem.
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