House of Fraser, M&S und Co. Brexit beschleunigt Niedergang des britischen Einzelhandels

Der Einzelhandel in Großbritannien steckt in der Krise. Traditionelle Kaufhausketten kämpfen mit Problemen, immer wieder gehen ganze Häuser pleite. Der Brexit verstärkt das Problem.
Oxford Street in London

Oxford Street in London

Foto: Peter Nicholls/ REUTERS

Eine Wirtschaftsmeldung hat kürzlich in Großbritannien für Aufsehen gesorgt. Die Kaufhauskette House of Fraser werde in die Insolvenz gehen, berichtete unter anderem die BBC. Gespräche mit Schuldnern und Investoren seien gescheitert. Keine drei Stunden später kam die überraschende Wendung: Die Sportartikel-Kette Sports Direct hat House of Fraser für 90 Millionen Pfund gekauft.

Es ist nur die jüngste Episode in Großbritanniens Einzelhandelskrise. Alleine in diesem Jahr sind der Elektronikfachhandel Maplin, die Billig-Supermarktkette Poundworld und die Spielwarenkette Toys R Us UK verschwunden. Tausende Beschäftige verloren ihre Arbeitsplätze.

Die Eigentümer der Baumarktkette Homebase, die in Großbritannien und Irland rund 250 Geschäfte unterhält, verkauften im Juni das gesamte Unternehmen für nur ein Pfund. Am Dienstag kündigten die neuen Eigentümer die Schließung von 42 Märkten an. 1500 Jobs sind gefährdet.

Und selbst Marks & Spencer, deren Geschäfte so etwas wie die Standardeinrichtung britischer Einkaufsstraßen sind, kündigte an, bis 2022 hundert Filialen zu schließen.

1700 Geschäfte sind weg

Die Branche steckt in einer ausgewachsenen Krise. Ganze 5855 Filialen von Einzelhandelsketten mussten in Großbritannien im vergangenen Jahr schließen . Zählt man die Neueröffnungen hinzu, gab es am Jahresende immer noch rund 1700 Geschäfte weniger als zu Jahresanfang.

Einige der Probleme, mit denen der Einzelhandel in Großbritannien zu kämpfen hat, unterscheiden sich nicht groß von denen in anderen Ländern: Auch in Großbritannien kaufen die Menschen immer mehr Waren über das Internet ein. Im vergangenen Jahr haben die Briten rund ein Fünftel aller Waren im Internet bestellt - mehr als in jedem anderen Land.

Da Onlinehändler auf teure Ladengeschäfte verzichten können, haben sie gegenüber traditionellen Einzelhändlern einen deutlichen Vorteil. Zudem genießen Onlinehändler wie Amazon gegenüber Ladengeschäften Steuervorteile und nutzen oft rigoros Steuerschlupflöcher aus.

Doch einige der Schwierigkeiten, vor denen britische Einzelhändler stehen, haben mit dem Brexit zu tun. So hat der 15-Prozent-Kurssturz des Britischen Pfunds seit dem EU-Referendum vor zwei Jahren die Inflationsrate so stark beschleunigt, dass sie im November des vergangenen Jahres 3,1 Prozent erreichte. Aktuell hat sie sich bei 2,4 Prozent eingepegelt. Da die Löhne und Gehälter in Großbritannien meist nur sehr langsam steigen, haben die Menschen heute weniger Geld in der Tasche als noch vor einem Jahr.

Löhne gedrückt

"2017 war ein hartes Jahr für den britischen Einzelhandel", schreibt das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers in einem Bericht . Das Lohnwachstum sei der Inflation nicht hinterher gekommen. Das habe viele Käufer dazu gezwungen, ihr Kaufverhalten zu überdenken. "Der Anstieg der Inflation seit dem EU-Referendum hat die Reallöhne gedrückt", sagte auch Samuel Tombs , Chefökonom von Pantheon Macroeconomics, der BBC. "Das war ein echtes Problem für Einzelhändler und hat den Niedergang von einigen von ihnen beschleunigt."

Viele Händler sehen sich seit dem EU-Votum zudem rasant steigenden Kosten ausgesetzt. Der Kursverlust des Pfunds hat den Import von Waren aus dem Ausland teurer gemacht. Da wegen der drohenden Unsicherheit schon jetzt weniger EU-Bürger nach Großbritannien kommen und viele das Land verlassen, bleiben auch immer mehr Stellen unbesetzt - so auch im Einzelhandel. Das treibt die Lohnkosten in einigen Landesteilen in die Höhe.

Junge Briten gehen lieber in den Pub

Der Anstieg der Immobilienpreise hat sich seit dem EU-Referendum verlangsamt, Häuser und Wohnungen sind zum Teil auch ein wenig billiger geworden. Dennoch sind die Immobilienpreise vielerorts weiter immens hoch: In London etwa haben sie sich seit den Siebzigerjahren mehr als verfünffacht . Entsprechend hoch sind die Mieten.

Immer weniger junge Briten sind daher heute in der Lage, für einen Hauskauf zu sparen und bleiben daher auf unabsehbare Zeit Mieter. Und da Mieter in Großbritannien (zumindest verglichen mit Deutschland) nur sehr wenige Rechte haben, können sie von ihren Vermietern praktisch jederzeit vor die Tür gesetzt werden. Also haben nur die Wenigsten ein Interesse daran, Berge von Gerümpel zu besitzen, das sie bei jedem Umzug mit sich schleppen müssen. Also sparen sie sich das Shopping und geben ihr Geld lieber anderswo aus, beispielsweise im Pub oder für Reisen.

Schatzkanzler Philip Hammond denkt derzeit angesichts der Krise im Einzelhandel offenbar über die Einführung einer Sondersteuer nach, die britische Medien schon "Amazon-Steuer" getauft haben . Diesen Schritt werde er unter Umständen auch ohne internationale Absprachen gehen, erklärte der Minister. Er deutete an, dass er neue Steuern auf den Weg bringen könnte, um die teilweise immensen Vorteile zu kompensieren, die Onlinehändler heute haben.

Sports Direct: Kein guter Arbeitgeber

Foto: Paul Hackett/ REUTERS

Auch wenn House of Fraser die Pleite erspart geblieben ist, dürften die etwa 17.000 Mitarbeiter der Kaufhauskette mit eher gemischten Gefühlen in die Zukunft blicken. Denn weder Sports Direct noch dessen Gründer und Chef Mike Ashley  haben einen besonders guten Ruf. Ashley hat sein Unternehmen auch mithilfe fragwürdiger Firmenpraktiken relativ erfolgreich durch die Krise der vergangenen Jahre gesteuert. Eine parlamentarische Untersuchung kam 2016 zu dem Schluss , dass Ashley ein "Geschäftsmodell" aufgebaut habe, in dem Mitarbeiter "ohne Würde und Respekt" behandelt würden.

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