Kandidaten für Wirtschaftsnobelpreis Eine zweifelhafte Ehre

An diesem Montag wird eine Auszeichnung vergeben, die selbst manche Empfänger schon abschaffen wollten: Der Wirtschaftsnobelpreis ging lange an die Prediger einer kaum beschränkten Ökonomie. Zuletzt wurden oft Marktkritiker ausgezeichnet - die auch 2012 zum Kreis der Favoriten zählen.

DPA;AP

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Hamburg - Man stelle sich zwei Ärzte vor, die beide eine schwere Krankheit erforschen. Der eine ist überzeugt, dass diese nur mit strenger Bettruhe und starken Medikamenten zu heilen ist. Der andere will herausgefunden haben, dass viel frische Luft und Bewegung der einzig wahre Weg zur Heilung sind. Trotz der völlig entgegengesetzten Ergebnisse bekommen schließlich beide Forscher den Medizin-Nobelpreis - und zwar gemeinsam.

So ungefähr war die Lage, als 1974 der Wirtschaftsnobelpreis vergeben wurde. Er ging an Friedrich August von Hayek - einen Ultraliberalen, der den europäischen Wohlfahrtsstaat für den "Weg in die Knechtschaft" hielt (so der Titel seines bekanntesten Werks). Und an den Schweden Gunnar Myrdal, einem Armutsforscher und überzeugten Sozialisten. Beide sollen über die Paarung mit dem ideologischen Gegner verärgert gewesen sein - und beide forderten später gar die Abschaffung des Wirtschaftsnobelpreises.

Egal, wer am Montag den 44. Wirtschaftsnobelpreis erhält: Auch dieses Jahr dürfte es Diskussionen über Sinn und Zweck der Auszeichnung geben. Schon fast eine Nebensächlichkeit ist dabei, dass es sich streng genommen um gar keinen Nobelpreis handelt. Im Gegensatz zu den übrigen Auszeichnungen wurde er nicht von Alfred Nobel selbst gestiftet, sondern erst 1969 von der Schwedischen Reichsbank.

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Kandidaten 2012: Wer auf den Wirtschaftsnobelpreis hoffen darf
Das Hauptproblem des Preises ist ein anderes, das zeigt sich an der gleichzeitigen Ehrung von Hayek und Myrdal: Bei den Nobelpreisen für Literatur oder Frieden ist seit jeher klar, dass die Wahl der Preisträger auch eine Frage des Geschmacks und nicht selten eine politische Geste ist - so wie jetzt beim Friedensnobelpreis für die Europäische Union.

Der Wirtschaftsnobelpreis dagegen erweckt den Anschein, hier würden wie bei Medizin oder Chemie exakte wissenschaftliche Erkenntnisse ausgezeichnet. Schon Hayek kritisierte in seiner Dankesrede in Stockholm, dadurch verleihe der Preis "einem Individuum eine Autorität, die in den Wirtschafswissenschaften niemand haben sollte". Denn die Ökonomie ist letztlich eine Sozialwissenschaft. Sie basiert auf Modellen, die sich höchstens begrenzt überprüfen lassen. Aus diesem Grund empfand auch Hayeks Co-Preisträger Myrdal die Aufnahme seiner Disziplin in die Tafelrunde der "harten Wissenschaften" als unangemessen.

Öffentliche Proteste gegen Friedmans Ehrung

Wo sich Ökonomen mit ihren Modellen doch in die Realität hinauswagen, sind die Ergebnisse nicht selten umstritten. Das gilt besonders für Milton Friedman, der zwei Jahre nach Hayek ausgezeichnet wurde. Weil Friedman den damaligen Diktator Augusto Pinochet in Chile beriet, protestierten andere Nobelpreisträger öffentlich gegen seine Auszeichnung. Zwischen 1990 und 1995 ging der Preis gleich fünfmal an Wissenschaftler von der Universität Chicago - Friedmans Tempel der marktfreundlichen Laissez-faire-Politik. Die Linken schäumten.

Lange erhielten den Nobelpreis vor allem Anhänger von neoklassischen Theorien. Diese Strömung der Wirtschaftswissenschaften geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich rational handeln. Doch während solches Marktvertrauen in den boomenden neunziger Jahre noch verbreitet war, ist es durch die jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrisen deutlich gesunken.

Den gewandelten Zeitgeist scheint auch das fünfköpfige Komitee für den Wirtschaftsnobelpreis zu spüren. Seit der Jahrtausendwende wurden auffallend häufig Marktskeptiker wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman ausgezeichnet. Das hat zur Folge, dass unter dem Qualitätsmerkmal Wirschaftsnobelpreis zunehmend Forderungen zu hören sind, die orthodoxen Ansichten zuwiderlaufen - aber ebenso umstritten sind. So fordern sowohl Stiglitz als auch Krugman, die Euro-Krise mit noch höheren Schulden zu bekämpfen.

Zuletzt allerdings zeigten sich die Juroren wieder weniger vorhersehbar. Im vergangenen Jahr zeichneten sie mit Christopher Sims und Thomas Sargent zwei Ökonomen aus, die das Modell rationaler Entscheider in ihren Arbeiten verteidigen - also genau jener Ansatz, der durch das offensichtlich ziemlich irrationale Verhalten im Vorfeld der Finanzkrise in Misskredit geraten war.

In diesem Jahr gilt dagegen der Yale-Professor Robert Shiller als möglicher Preisträger (siehe Fotostrecke). Als Mitbegründer der sogenannte Verhaltensökonomik misstraut er den vermeintlich vernünftigen Marktteilnehmern - und sagte so als einer von wenigen die jüngste Finanzkrise voraus.

Gut möglich ist auch, dass sich erneut mehrere Wissenschaftler den Preis teilen - vielleicht sogar wieder aus unterschiedlichen Lagern. Schon 2002 verlieh das Komitee trotz der schlechten Erfahrungen mit Hayek und Myrdal den Preis erneut an zwei sehr unterschiedliche Vertreter des Fachs: Der Psychologe Daniel Kahneman beschäftigt sich seit Jahrzehnten damit, warum menschliches Denken fehleranfällig ist. Zusammen mit ihm wurde der neoklassisch geprägte Experimentalökonom Vernon Smith ausgezeichnet. Bei seiner Tischrede in Stockholm erhob der langhaarige Smith sein Glas ebenso auf Kahnemann wie auf Hayek und auf die "wichtigste aufstrebende Errungenschaft der Menschheit: Märkte".



insgesamt 28 Beiträge
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pmortiz 15.10.2012
1.
Wirtschaftswissenschaften sind keine Wissenschaft, sondern eine Meinung.
NoTarget 15.10.2012
2. Drei Wischiwaschi Preise
Da hat der Wirtschaftsnobelpreis doch viel gemeinsam mit dem Literatur- und vor allem dem Friedensnobelpreis. Das liegt aber nicht am Preis sondern an den bewerteten Fachgebieten. Während bei Physik, Chemie und meist auch bei Medizin klare richtig/falsch Aussagen möglich sind und diese auch nach allen wissenschaftlichen Standards verifizierbar sind, sind die anderen drei Gebiete eben wolkig bis schwammig. Literatur ist nicht objektiv zu bewerten, die Wirtschaftswissenschaften liegen bei Ihren Erklärungs- und Vorhersagemodellen qualitativ auf dem Niveau einer mehrwöchigen Wettervorhersage und den Friedensnobelpreis kann ein Mensch mit Charakter nach den bisherigen Preisträgern (Kissinger, Arafat, Obama, EU) ohnehin gar nicht annehmen.
brido 15.10.2012
3. Wenn dann für Prof. Sinn
Er ist der Einzige der vom Anfang an Recht hatte.
chacotay 15.10.2012
4. Mein Vorschlag:
Wirtschaftsnobelpreis für den Euro!
alhoh 15.10.2012
5. Der Wirtschaftsnobelpreis ist kein Nobelpreis !
Kann man jetzt bitte mal aufhören, diesen Preis "Wirtschaftsnobelpreis" zu nennen? Er wurde, wie im Artikel angemerkt, von der schwedischen Zentralbank gestiftet, und auf Druck diverser liberal geprägter Länder, darunter der USA, der Nobel-Akademie aktiv aufgedrängt, um der Ökonomie einen Hauch von harter Wissenschaftlichkeit zu verleihen. Wen wundert dann auch, dass in der Vergangenheit die Monetaristen à la Milton Friedman überproportional häufig prämiert wurden, wenn man weiß, dass hier eine Zentralbank mitmischt? Zwar hat die Akademie auch kritische Stimmen ausgezeichnet, aber manche Mitglieder haben sich auch nachträglich wieder von Preisträgen wie etwa Joseph Stiglitz distanziert. Kann man den Preis nicht endlich in etwas wie "Durch die Nobel-Akademie überreichter Wirtschaftspreis der schwedischen Zentralbank" umbenennen wie das in Frankreich manche Publikationen wie etwa die zweitmeistverkaufte Wirschaftszeitschrift "Alternative Economiques" mittlerweile tun?
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