Griechenland Die Mär vom Rentnerparadies

Griechischen Rentnern geht es vergleichsweise gut. Zu gut, lassen Vertreter der Troika pünktlich zum Tsipras-Besuch in Berlin durchblicken. Doch die zitierten Zahlen sind zum Teil veraltet.
Rentner bei einem Protest in Athen: Klagen unbegründet?

Rentner bei einem Protest in Athen: Klagen unbegründet?

Foto: Thanassis Stavrakis/ AP

Berlin/Thessaloniki - Das griechische Rentensystem hat nicht ohne Grund einen zweifelhaften Ruf. So kam in den vergangenen Jahren heraus, dass in Zehntausenden von Fällen Altersbezüge an sogenannte Phantomrentner gezahlt wurden. Die offiziellen Empfänger waren verstorben, stattdessen kassierten Angehörige das Geld.

Unmittelbar vor dem Antrittsbesuch des griechischen Premierministers Alexis Tsipras in Berlin sorgen die griechischen Rentner nun erneut für Aufsehen. Mehrere Medien berichteten, die griechischen Renten lägen noch immer über deutschem Niveau. Sie stützen sich dabei auf inoffizielle Angaben der Geldgeberinstitutionen, ehemals als Troika bekannt. Diese hielten "das Klagen Griechenlands über die stark gesunkenen Renten und eine damit einhergehende Verarmung für unbegründet", heißt es in der "Welt".

Das ist ein gewagter Schluss. Zwar sind die griechischen Altersbezüge im Durchschnitt tatsächlich immer noch recht hoch. Im Vergleich zum Vorkrisenniveau aber sind sie geradezu dramatisch zurückgegangen. Zudem hat ausgerechnet der Sparkurs die Zahl der Rentner zumindest indirekt erhöht.

Den zitierten Zahlen zufolge bekommt ein griechischer Rentner heute im Schnitt 958,77 Euro ausgezahlt. In Deutschland liege die Durchschnittsrente dagegen zwischen 734 Euro (Ost) und 896 Euro (West). Doch wie das "Handelsblatt" anmerkt, sind diese Werte nur begrenzt aussagekräftig - etwa, weil sie keine staatlich geförderte Privatvorsorge beinhalten.

Schon relevanter sind dagegen Vergleiche der Rentenhöhe zum Einkommen. Schließlich sagen sie etwas darüber aus, inwieweit Bürger ihren Lebensstandard auch im Ruhestand halten können. Hier zitiert das "Handelsblatt" eine eindrucksvolle Zahl: Nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD lagen die griechischen Renten 2009 bei durchschnittlich 95,7 Prozent der Erwerbseinkommen. Diese sogenannte Bruttoersatzquote war damals der höchste Wert aller OECD-Staaten.

Zwischen 2009 und heute liegen freilich Krisenjahre und viele Einschnitte. Und so sieht die letzte verfügbare Zahl auch schon völlig anders aus: 2013 betrug die griechische Bruttoersatzquote nur noch 64 Prozent - ein Rückgang um gut 30 Prozentpunkte in nur vier Jahren. Das vermeintliche Rentnerparadies gibt es nicht mehr.

Außerdem besagt der Durchschnittswert nichts über die Verteilung der Renten. So kann die Rente in Griechenland im Schnitt zwar höher sein als die deutsche - Armut ist in dem Krisenland dennoch ein größeres Problem. Laut einer in der vergangenen Woche erschienenen Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben die ärmsten Haushalte in Griechenland im Zuge der Krise fast 86 Prozent Einkommen verloren, die reichsten nur 17 bis 20 Prozent.

Deutschland als Maßstab?

Griechenland liegt bei den Renten immer noch deutlich über der deutschen Bruttoersatzrate von 42 Prozent. Allerdings ist fraglich, ob gerade Deutschland hier der Maßstab sein sollte. Denn die Bundesrepublik liegt auch weit unter dem OECD-Durchschnitt von knapp 60 Prozent.

Weniger zweifelhaft ist eine andere Aussage, welche der Ex-Troika zugeschrieben wird: Das griechische Rentensystem koste den Staat im europäischen Vergleich immer noch zu viel Geld. Die Kontrolleure schieben das auch darauf, dass im Zuge der Sparprogramme viele öffentlich Bedienstete früh in Rente geschickt worden seien.

Tatsächlich konstatiert auch die bereits genannte Studie der Hans-Böckler-Stiftung einen starken Zuwachs der Verrentungen. Während ihre Zahl in der Privatwirtschaft seit 2008 nur um 14 Prozent stieg, seien es im öffentlichen Dienst offenbar 48 Prozent gewesen. Das liege wohl an verstärkten Frühverrentungen, welche "die griechischen Rentenkassen vor extreme Probleme" stellten.

Fraglich ist allerdings, inwieweit die Regierung die Frühverrentungen hätte verhindern können. Nach der alten Gesetzeslage hatten beispielsweise Mütter mit einem minderjährigen Kind bislang den Anspruch, mit 50 in Rente zu gehen. Die neue Regierung will dies zwar ändern, laut einer neuen Reformliste von Tsipras soll der Vorruhestand durch hohe Rentenabschläge unattraktiver werden.

Doch solchen Einschnitten kamen allein 2014 rund 30.000 öffentlich Bedienstete zuvor, die noch rechtzeitig ihren Anspruch auf Frühpensionierung anmeldeten.

Mitarbeit: Giorgos Christides
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