SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Oktober 2012, 11:15 Uhr

Verschuldung, Inflation, Rendite

Die magischen Zahlen der Euro-Krise

Von

Zwei Prozent Inflation sind okay, mehr als 90 Prozent Staatsverschuldung gefährlich: Immer wieder werden in der Schuldenkrise vermeintlich wichtige Zahlen in die Debatte geworfen - und fortan kaum noch hinterfragt. Was ist wirklich dran an diesen Werten?

Hamburg - Die Eins ist göttlich, die 13 bringt Unglück, die 666 steht gar für den Teufel. Zahlenmystiker behaupten seit jeher, schnöde Ziffern hätten eine tiefere Bedeutung. Ganz so weit gehen Ökonomen zwar nicht. Doch auch in Meldungen über Europas Kampf gegen die Krise tauchen bestimmte Zahlen immer wieder auf - fast so, als würden allein sie über das Schicksal ganzer Länder entscheiden.

Wie kritisch ist es also wirklich, wenn ein Euro-Staat mehr als sieben Prozent Rendite auf seine Staatsanleihen bezahlen muss oder seine Verschuldung auf mehr als 90 Prozent steigt? Inwiefern sagen einzelne Werte tatsächlich etwas darüber aus, ob ein Land oder gar die ganze Währungsunion in der Krise stecken?

Ein Zahlencheck zeigt: Viele der magischen Ziffern stehen empirisch auf unsicherem Grund - oder wurden gar weitgehend beliebig festgelegt.

3 Prozent Neuverschuldung

Die Zahl: Man kennt sie auch als Maastricht-Hürde - die Vorgabe, dass Euro-Länder jedes Jahr so viele Schulden machen dürfen, dass diese höchstens drei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung entsprechen. Der Grenzwert ist Teil der sogenannten Konvergenzkriterien, zu denen sich alle Mitglieder der Währungsunion verpflichtet haben. In der Schuldenkrise wird die Hürde jedoch regelmäßig gerissen. 2011 blieben nur sechs der 17 Euro-Länder unter einem Defizit von drei Prozent.

Hintergrund: Letztlich sind die Grenzwerte politische Vorgaben der EU-Länder. "Die drei Prozent sind etwas willkürlich", sagt Christian Dreger, Leiter der Abteilung für Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Wichtig war, dass überhaupt eine Grenze festgelegt wurde."

Die Vorgaben sollten verhindern, dass die Staaten in ihrer Leistungsfähigkeit zu sehr auseinanderdriften und damit die Währungsunion zu sprengen drohen - genau das geschieht derzeit. Dass es so weit kam, ist aber nicht zwangsläufig ein Argument gegen die Maastricht-Hürde. Schließlich stellte sich im Nachhinein heraus, dass etwa Griechenland vor dem Euro-Beitritt sein Defizit nur mit unzulässigen Berechnungen unter drei Prozent gedrückt hatte. Zudem gehörten ausgerechnet Deutschland und Frankreich zu den ersten Ländern, die offen gegen die Hürde verstießen - und dann mit politischem Druck Sanktionen verhinderten.

Auch der konkrete Wert ist umstritten. "Die drei Prozent sind zu hoch, sie waren immer als große Ausnahme gedacht", sagt Matthias Kullas, Experte für Wirtschafts- und Stabilitätspolitik beim Centrum für Europäische Politik (CEP). Ein Land, das den erlaubten Spielraum ausnutzt, braucht zugleich drei Prozent Wachstum, damit seine Gesamtschulden nicht steigen. Wachstumsraten auf diesem Niveau sind in westlichen Industrieländer aber selten geworden.

Neuere EU-Gesetze konzentrieren sich ohnehin auf eine andere Kennziffer: Das strukturelle Defizit misst jenen Teil der Staatsschulden, die unabhängig von konjunkturellen Schwankungen entstehen. Wer in Boomzeiten Überschüsse zurücklegt, kann in der Krise ruhig auch mal das Defizitkriterium reißen. Die Drei-Prozent-Hürde werde vor allem aus symbolischen Gründen beibehalten, glaubt Jürgen Matthes vom unternehmensnahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW): "Sie lässt sich einfach leichter vermitteln."

Aussagekraft: Gering. Die Drei-Prozent-Hürde ist einer von mehreren Indikatoren für die Stabilität der Euro-Zone. Doch ihre Höhe wurde willkürlich festgelegt. Je nach wirtschaftlicher Lage können drei Prozent Defizit viel zu viel oder deutlich zu wenig sein.

90 Prozent Gesamtverschuldung

Die Zahl: Wie viele Schulden kann ein Staat insgesamt maximal vertragen? Früher wurde oft das Maastricht-Kriterium von 60 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung genannt. Seit einigen Jahren aber ist verstärkt die Marke von 90 Prozent zu hören. So warnte Finanzminister Pierre Moscovici kürzlich, mit 91 Prozent habe Frankreichs Verschuldung eine "absolut kritische Schwelle" überschritten.

Hintergrund: Auch jenseits einer Verschuldung von 90 Prozent müssen Staaten nicht gleich pleite gehen. Das zeigt das Beispiel Japans, das diese Marke bereits Mitte der neunziger Jahre riss und mittlerweile bei rund 230 Prozent angekommen ist. In der Euro-Zone kann sich Italien bislang trotz eines Schuldenstands von 120 Prozent refinanzieren.

Allerdings kämpfen sowohl Japan als auch Italien sei Jahren mit mauen Wachstumsraten - und stützen damit eine Theorie der Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. Diese untersuchten für 44 Länder über einen Zeitraum von rund 200 Jahren, wie sich das Verhältnis zwischen Schulden und Wachstum entwickelte. Ihr wichtigstes Ergebnis: Ab einer Quote von etwa 90 Prozent der Wirtschaftsleistung beeinträchtigt die Verschuldung merklich das Wachstum, das dann rund einen Prozentpunkt niedriger ausfällt. Damit wird es für einen Staat schwieriger, aus seiner Verschuldung "herauszuwachsen".

Neuere Arbeiten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und der EZB kamen zu ähnlichen Ergebnissen wie Rogoff und Reinhart. Die 90-Prozent-Marke sei damit eine "wichtige Richtschnur", sagt CEP-Experte Kullas.

Jedoch kann auch diese Marke nicht isoliert betrachtet werden. "Bei ausreichendem Wachstum und niedrigen Zinsen sind auch höhere Schuldenstände tragbar", sagt DIW-Ökonom Dreger. So hat Japan zwar immense Schulden und maues Wachstum, das Geld aber fast ausschließlich bei den eigenen Bürgern geliehen. Diese vertrauen dem Land noch immer genug Erspartes an, so dass Japan nur geringe Zinsen zahlen muss.

Aussagekraft: Hoch. Im Gegensatz zu anderen Schwellenwerten haben die 90 Prozent beim Schuldenstand einen wissenschaftlichen Hintergrund. Wird diese Größenordnung überschritten, steigt tatsächlich die Gefahr für ein Land.

7 Prozent Rendite auf Staatsanleihen

Die Zahl: Wie jeder Bürger zahlen auch Staaten Zinsen, wenn sie sich Geld leihen. Das geschieht über Staatsanleihen - also Schuldpapiere, mit denen sich die Länder frisches Geld beschaffen. Besonders beachtet werden Papiere mit zehnjähriger Laufzeit, ihre Renditen sind in der Schuldenkrise zum Teil dramatisch gestiegen. Als kritisch wird häufig eine Rendite von mehr als sieben Prozent bezeichnet. Denn etwa bei diesem Niveau mussten Griechenland, Irland und Portugal Finanzhilfen beantragen.

Hintergrund: Aus historischer Sicht sind auch deutlich höhere Zinssätze tragbar. Mitte der neunziger Jahre zahlte Griechenland noch um die 20 Prozent, in Italien Spanien und Portugal waren es um die zwölf Prozent. Selbst die deutschen Renditen lagen damals wiederholt über der angeblich so kritischen Sieben-Prozent-Marke.

Das unterschiedliche Zinsniveau drückte das Vertrauen der Anleger aus und war durchaus sinnvoll: Wollten Staaten günstigere Kredite erhalten, mussten sie ihre Finanzen in Ordnung halten. Durch die Gründung der Euro-Zone gab es einen Vertrauensvorschuss und die Zinssätze glichen sich an - was heute als entscheidende Ursache für die steigenden Schulden gilt. Als die Zinssätze in der Krise wieder auseinandergingen, hatte das aus Sicht von CEP-Ökonom Kullas erneut disziplinierende Wirkung: "Erst als die Zinsen hochgingen, haben die Staaten mit Reformen reagiert."

Der Wert von sieben Prozent ist nach Ansicht von IW-Experte Matthes dennoch wenig relevant. Denn er bezieht sich auf den sogenannten Sekundärmarkt, wo bereits versteigerte Staatsanleihen weiterverkauft werden. Wichtig wird er für ein Land erst, wenn es neue Schulden aufnimmt.

Entscheidend ist deshalb, wie viele seiner Schulden ein Land umwälzt - also alte Kredite durch neue ersetzt. Im Falle Italiens etwa betrifft das laut IW-Berechnungen bis Ende 2014 ein Viertel der Altschulden. Aus den Zinsen auf die alten und den erwarteten Zinsen auf neue Schulden lässt sich ein Durchschnittszins errechnen. Dieser sei deutlich aussagekräftiger, sagt Matthes. "Und bis der merklich steigt, dauert es eine ganze Weile."

Dennoch hat die Finanzlobby ein großes Interesse daran, Zinssätze von mehr als sieben Prozent als untragbar darzustellen. Denn wenn Länder wie Irland oder Portugal unter den Rettungsschirm schlüpfen, werden damit auch die riskanten Anleihespekulationen von Banken und Versicherungskonzernen abgesichert.

Aussagekraft: Gering. Für die Renditen von Staatsanleihen gibt es keinen allgemeinverbindlichen Wert, der Gefahr für ein Land anzeigt.

2 Prozent Inflation

Die Zahl: Wie stark darf das Geld in der Euro-Zone an Wert verlieren? Auf diese Frage gibt es eine hochoffizielle Antwort: Nur bei einer Teuerung unter zwei Prozent geht die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen aus. Zuletzt ist die Inflationsrate jedoch wiederholt über diese Marke gestiegen. Beobachter fürchten, dies könne der Anfang einer deutlichen Inflation sein - weil Notenbanken derzeit im Kampf gegen die Krise Milliarden in die Finanzmärkte pumpen.

Hintergrund: Ähnlich wie drei Prozent Neuverschuldung sind zwei Prozent Inflation primär ein politisches Ziel. Im Oktober 1998 veröffentlichte die EZB ihre geldpolitische Strategie. Darin wurde Preisstabilität definiert als ein Anstieg der Verbraucherpreise "von unter zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr". Gemessen werden die Verbraucherpreise über Warenkörbe, die Statistiker in allen Euro-Ländern zusammenstellen. Sie enthalten häufig gekaufte Waren und verbreitete Dienstleistungen, aber auch seltenere Ausgaben, etwa für Autos oder Reparaturen.

Schon zur Einführung bemerkten Kritiker, das Inflationziel sei ziemlich ambitioniert. "Historisch gesehen bewegt sich eine Inflationsrate von zwei Prozent eher am unteren Rand", sagt Christian Dreger vom DIW. Auch in Deutschland lagen die Inflationsraten zu Zeiten der D-Mark meist deutlich über zwei Prozent, in den siebziger Jahren sogar bei durchschnittlich fast fünf Prozent.

Der Wert von zwei Prozent ist also nicht in Stein gemeißelt. Ökonomen wie Nobelpreisträger Paul Krugman fordern, im Kampf gegen die Krise höhere Inflationsraten in Kauf zu nehmen. Selbst der Chefvolkswirt des traditionell stabilitätsorientierten Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, brachte 2010 ein Inflationsziel von vier Prozent ins Spiel.

Ist eine Inflation über zwei Prozent also unproblematisch? Das kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Für die Euro-Zone insgesamt könnten erhöhte Inflationsraten sinnvoll sein. Zum einen würde die Schuldenlast der Regierungen dadurch nach und nach gesenkt. Zum anderen lag die Inflationsrate in Deutschland bislang auch wegen einer sehr zurückhaltenden Lohnpolitik deutlich niedriger als im Rest der Euro-Zone. Nun könnte sich dieses Verhältnis umdrehen: Das boomende Deutschland lässt eine höhere Inflation zu, dadurch wird der Süden im Vergleich wettbewerbsfähiger. In diesem Fall werde man "das Inflationsziel von zwei Prozent vermutlich nicht halten können", glaubt DIW-Ökonom Dreger.

Aus Sicht der Bürger aber ist eine dauerhafte Verletzung der Zwei-Prozent-Marke ein Warnsignal: Ihr Geld verliert stärker an Wert als vorgesehen. Das ist deshalb besonders problematisch, weil die Notenbanken zugleich die Zinsen bewusst tief halten - was das Abschmelzen der Vermögen beschleunigt.

Auch Inflationsraten unter zwei Prozent sind aber nicht unbedingt ein Grund zur Beruhigung. Denn die Verbraucherpreise erfassen längst nicht alle Bereiche der Wirtschaft. So sind etwa die Immobilienpreise in deutschen Großstädten allein in den vergangenen zwei Jahren um bis zu 30 Prozent gestiegen - ohne dass sich dies in der Inflationsrate gezeigt hätte.

Aussagekraft: Mittel. Für die Bürger ist eine steigende Inflation Grund zur Sorge, für die Staaten der Euro-Zone könnte sie einen verlockenden Ausweg aus der Euro-Krise bieten. In jedem Fall sind zwei Prozent dabei nicht der entscheidende Wert.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung