Marktforschungsort Haßloch Politik für Vermessene

Haßloch in der Pfalz ist so durchschnittlich, dass Marktforscher hier schon seit Jahrzehnten Produkte für den Rest der Republik testen. Nun werben dort die Parteien um Stimmen zur Bundestagswahl. Wie denkt Deutschlands Mustergemeinde über Löhne, Steuern, Euro-Rettung?

Blick über Haßloch: Deutscher Durchschnitt
Gemeindeverwaltung Haßloch

Blick über Haßloch: Deutscher Durchschnitt

Aus Haßloch berichten und


Doch, man kennt das. Den pastellfarbenen Fahrradunterstand am Bahnhof. Den etwas protzig geratenen Glasbau der örtlichen Sparkasse. Die Fachwerkhäuser, das Neubaugebiet und den verkehrsberuhigten Marktplatz.

Haßloch in der Pfalz ist eine Gemeinde wie viele in Deutschland - und genau das macht sie besonders. Weil die 20.000 Haßlocher nah am deutschen Durchschnitt lebten, machte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) den Ort vor 27 Jahren zu einer Art Freiluftlabor und seine Einwohner zu den am besten vermessenen Konsumenten der Republik. Seitdem wird einem Teil der Haushalte regelmäßig Werbung für Produkte untergejubelt, die es im Rest der Republik noch nicht gibt - wohl aber im örtlichen Supermarkt. Wenn Schokoriegel, Seife oder Kaugummi in Haßloch oft genug gekauft werden, sehen sich die Hersteller bestätigt. Dann hat der Ort mal wieder einem neuen Produkt auf die Welt geholfen.

Auch in Haßloch hängen seit kurzem Plakate zur Bundestagwahl. Sie reichen vom örtlichen CDU-Kandidaten - "pfälzisch, pragmatisch, profiliert" - bis zu den Linken, die Reichtumssteuer und Mindestrente fordern. Letztlich geht es auch hier ums Verkaufen. Greift der Wähler wieder zum Hausmittel Merkel? Probiert er mal den Steinbrück mit neuer Verpackung? Oder gefällt ihm gar eine Innovation wie die Alternative für Deutschland? Als Profishopper müssten die Haßlocher solche Fragen beantworten können.


GfK-Testkundin Finco: "Zum ersten Mal überlege ich, ob ich überhaupt wähle"
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GfK-Testkundin Finco: "Zum ersten Mal überlege ich, ob ich überhaupt wähle"

Bettina Finco hat eine ganze Liste von Themen vorbereitet, die ihr wichtig sind. Die 51-Jährige ist mit ihrer Familie seit bald 20 Jahren GfK-Testerin, davon hat sie Journalisten schon häufiger erzählt. Doch Finco fällt auch zur Politik viel ein: Die Rente mit 67 würde sie wieder abschaffen, die Lebensmittelsicherheit endlich erhöhen. Dass die Krankenkassen immer weniger Leistungen zahlen, ärgert Finco ebenso wie Manager, denen man Millionenabfindungen zahlt - "damit sie nicht zurückkommen".

Finco erzählt all das in einem Wohnzimmer, das selbst Werbekulisse sein könnte. Viel Licht und Holz, moderne Möbel, die Decke für Hündin Paula adrett vor der Terrassentür drapiert. Als sie sich auch noch für den Mindestlohn ausspricht, scheint klar, welchem politischen Angebot Finco zuneigt: SPD oder weiter links. Doch dann lästert die zweifache Mutter ausgerechnet über SPD-Kandidat Peer Steinbrück - weil der sich kürzlich öffentlich von einer Rede seiner Frau gerührt zeigte. "Wie kann denn ein gestandener Politiker, der Kanzler werden will, sich hinsetzen und heulen?"

Tafel-Ehrenamtliche Dixon (2.v.l.), Helferinnen: "Mindestlohn wäre nur ein Anfang"
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Tafel-Ehrenamtliche Dixon (2.v.l.), Helferinnen: "Mindestlohn wäre nur ein Anfang"

Die nächste Station: ein Haus direkt am Bahnhof. Zwei Theken, deckenhohe Regale, ein großer Kühlschrank. In der Mitte türmen sich Plastikkisten mit Toastbrot, Joghurt, Salat und allerlei mehr - fast das volle Sortiment eines Supermarkts. Sechs Frauen jenseits der 40 wuseln durcheinander und verstauen die Lebensmittel. Carmen Dixon beäugt die Kisten mit einer Mischung aus Freude und Missfallen. "Wahnsinn, so ein Überfluss", sagt die energiegeladene 54-Jährige.

Liefertag bei der Tafel in Haßloch. Seit 2008 können sich Bedürftige hier eindecken. 24 Berechtigte gab es anfangs, mittlerweile sind es 155, vor allem Rentner und junge Familien kämen neu hinzu, sagt Dixon, darunter viele Berufstätige: "Es kann wirklich jeden treffen." Sie selbst verdient ihr Geld als Sekretärin, ihr Engagement hier ist reines Ehrenamt. Eigentlich könnte sie stolz sein.

Doch Dixon ist nicht stolz. Sie ist sauer. Darüber, dass so viele auf die Tafel angewiesen sind, obwohl sie Vollzeit arbeiten. Darüber, dass der Staat die Tafel als Ausputzer missbraucht. Dixon erzählt von Anrufen aus dem Jobcenter, wenn wieder einmal einem Hartz-IV-Empfänger als Sanktion das Geld gestrichen wurde. "Wir haben den Soundso auf Null gesetzt, könnt ihr ihm etwas zu essen geben?", heiße es dann.

Zielgruppengerecht hat die Linke direkt vor der Tafel ihre Plakate platziert. Doch von der Bundestagswahl erwartet sich keine der anwesenden Helferinnen, bis auf Dixon alle zugleich Kunden der Tafel, Besserung. Viele wollen überhaupt nicht wählen gehen.

"Der Mindestlohn wäre nur ein Anfang", sagt Dixon. Ein echter Durchbruch wäre das bedingungslose Grundeinkommen, mit dem ihre Kunden zwar nicht unbedingt mehr Geld erhielten, das ihnen aber die Würde zurückgäbe. Aus gegängelten Bittstellern würden selbstbestimmte Bürger mit Freiräumen, ist Dixon überzeugt.

Zum Abschied fällt ihr noch ein: "Wenn Sie gleich mit dem Unternehmer sprechen, fragen Sie ihn doch, ob er nicht Jobs für Leute hat, die nicht voll ins Profil passen."


Manager Meiswinkel: "Ich hab andere Probleme"
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Manager Meiswinkel: "Ich hab andere Probleme"

Die Ansprüche an Mitarbeiter seien gestiegen, das räumt Carsten Meiswinkel sofort ein. Warum das so ist, führt er in einer Fabrikhalle vor. Hier wuchtet ein Mitarbeiter Fässer aufs Band, während wenige Meter entfernt die Konkurrenz lauert: zwei Roboter, von Meiswinkel freundlich "Robos" genannt, die ganze Paletten selbständig verpacken können. Die Zeit der Hiwi-Jobs sei nun mal vorbei, sagt der 46-Jährige. Fragt man ihn nach einem Wunsch an die Politik, muss er keine Sekunde überlegen. "Bildung!"

Meiswinkel ist kaufmännischer Leiter von Duttenhöfer, einem Unternehmen in Haßloch, das Fässer und andere Behälter aus Stahl in allen Größen und Farben herstellt. 230 Mitarbeiter, rund 50 Millionen Umsatz, seit 129 Jahren in Familienbesitz. Typischer deutscher Mittelstand.

Von einem wie Meiswinkel erwartet man Unternehmeraussagen. Etwa, dass die Energiewende die Geschäfte ebenso gefährdet wie der Ruf nach höheren Löhnen.

Doch höhere Löhne findet der gebürtige Westfale nicht verkehrt, sein Unternehmen zahle ohnehin schon über Tarif. Und die Energiewende vollzieht Duttenhöfer längst selbst. Fünf Hallen der Firma werden dieses Jahr mit Solarzellen bedeckt, in Zukunft könnte zudem mit Abwärme aus den eigenen Öfen geheizt werden. Selbst über die hohe Ökostromumlage mag Meiswinkel sich nicht aufregen. "Ich hab andere Probleme."

Meiswinkels größtes Problem lagert in einer eigenen Halle: Stahlrollen, vier bis 17 Tonnen schwer, der Grundstoff für die Fässer. Der Stahlpreis schwankt mit dem Auf und Ab der Weltwirtschaft, innerhalb weniger Monate kann er sich verdoppeln. Daran kann kein Bundeskanzler etwas ändern - egal, ob Angela Merkel oder Peer Steinbrück.

Er weiß, wie schwer berechenbar Wirtschaft sein kann, vielleicht beurteilt Meiswinkel deshalb die Krisenländer in Südeuropa milde. Griechenland müsse zweifellos reformieren und Schulden abbauen. Die harten Lohnkürzungen dort aber hätten vor allem die Nachfrage abgewürgt. "Ich habe meine Zweifel, ob das für Griechenland die Top-Idee war."

Wandparolen am Bahnhof: Eine Gemeinde wie viele in Deutschland
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Wandparolen am Bahnhof: Eine Gemeinde wie viele in Deutschland

Ganz anders GfK-Testerin Bettina Finco, die bei Managergehältern und Löhnen noch linker Auffassungen war. Griechenland? "Da hat sich überhaupt nichts geändert", schimpft sie. In Portugal hingegen würden sich die Menschen sehr anstrengen. Sie habe nichts dagegen, anderen Ländern zu helfen, aber es müsse auch etwas bringen.

Kritisch sieht Finco auch Investitionen in die Kinderbetreuung, eines der wenigen greifbaren Wahlkampfthemen. Sie sei damals gerne zu Hause geblieben, um sich um ihre Töchter zu kümmern. "Ich hätte das nicht jemandem anderes überlassen wollen." Und das umstrittene Betreuungsgeld hätte sie sich damals auch gewünscht.

Also doch die konservative Zielgruppe, denkt man da, doch schon kommt die nächste Volte. Viele berufstätige Eltern, meint Finco, müssten auch wegen ihrer hohen materiellen Ansprüche so viel schuften. Und dann sagt die Frau, die der GfK seit Jahren beim Testen neuer Konsumverführungen hilft, die Leute sollten "lieber mal auf ein paar Konsumgüter verzichten und einen Gang zurückschalten".

Links bei den Löhnen und konservativ bei der Familienpolitik, kritisch gegenüber Wachstum, aber auch gegenüber Europa: Vielleicht ist Bettina Finco mit ihren bunten politischen Ansichten tatsächlich eine typische Wählerin von heute. Für die Parteien wäre das ein Problem, denn Fincos Vorlieben laufen quer zu einzelnen Programmen. Kein Wunder, dass sie sich als zunehmend politikverdrossen beschreibt. "Ich hab mir zum ersten Mal überlegt, ob ich überhaupt wählen gehe."

Und diesen Frust sollen Menschen wie Lothar Lorch nun also auffangen.


Bürgermeister Lorch: "Haßloch muss attraktiv bleiben"
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Bürgermeister Lorch: "Haßloch muss attraktiv bleiben"

Lorchs Triumph liegt nur zwei Monate zurück. Mit 64 Prozent der Stimmen wählten die Haßlocher den CDU-Kandidaten zu ihrem neuen Bürgermeister. Weniger klar als sein Wahlsieg ist allerdings, ob man ihm dazu Glückwünsche oder Beileid aussprechen sollte.

Denn bei Lorch materialisieren sich jene abstrakten Entscheidungen, die im fernen Berlin und im nahen Mainz gefällt werden, zu schier unlösbaren Problemen: Ob Rechtsanspruch auf Krippenplätze oder Schuldenbremse - für einen Bürgermeister wie Lorch heißt das immer höhere Ausgaben und immer weniger Zuschüsse.

Dabei ist die Lage schon jetzt dramatisch. Haßloch lebt von der Substanz, auf jeden Einwohner kommen 2000 Euro Schulden. Allein in diesem Jahr klafft im Haushalt eine Lücke von 3,3 Millionen Euro. Das Dumme ist, dass sich alle freiwilligen Leistungen, also jene Ausgaben, zu der Haßloch nicht ohnehin durch Bund und Land gezwungen wird, auf nur 2,5 Millionen Euro summieren.

Lorch könnte das Schwimmbad schließen, die beliebte Musikschule und das Jugendzentrum abwickeln, sämtliche Stadtfeste absagen - neue Schulden müsste Haßloch trotzdem machen.

Abgesehen davon würden solch harte Schnitte das Geschäftsmodell zerstören: Die Pendlergemeinde lebt von ihren Einwohnern, je mehr, desto besser. "Haßloch muss attraktiv bleiben", resümiert Lorch. Ansonsten bauen junge Familien ihr Haus eben in den Nachbargemeinden, in denen es Schwimmbad, Jugendclub und Stadtfest gibt. Lorch sitzt in der Zwickmühle.

In diesem Jahr muss Haßloch seine Ausgaben um 250.000 Euro kürzen, eine Vorgabe der Kommunalaufsicht. Die Gemeinde bat um Sparvorschläge und verschickte 750 Fragebögen. Etwa die Hälfte kam ausgefüllt zurück, eine ermutigende Quote. Doch als der Bürgermeister anschließend ins Rathaus lud, kamen nur 40 Leute, zur Hälfte Kommunalpolitiker.

So ganz vergleichbar sind Marktforschung und Politik dann eben doch nicht: Im einen Fall müssen die Leute schlicht konsumieren und votieren damit für oder gegen ein Produkt. Gute Politik jedoch braucht mehr Engagement als ein bloßes Kreuzchen am Wahltag.



insgesamt 21 Beiträge
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thelma&louise 25.08.2013
1. Bunt oder spießig
Die Mutter gehört zum Kind, die Rente und überhaupt alles soll werden wie früher, das nennen Sie bunt, nur weil es in kein Parteiprogramm passt? Das ist doch einfach nur spiessig. Wenn die GfK findet, Hassloch sei das Durchschnittskaff, dann sollten vielleicht die Algorithmen gelegentlich überprüft werden. Eine beruflich erfolgreiche Single Frau mit normalem Hormonstatus zieht bestimmt nicht freiwillig in so einen Ort. Deshalb geht wahrscheinlich der deutsche Markt mit seinen Konsumgütern so weit an den Bedürfnissen von Frauen mit Geld vorbei. Uns fragt keiner. Macht nix, das Ausland schläft da nicht.
Emmi 25.08.2013
2.
Wenn schon das (west)deutsche Musterstädtchen in der Schuldenfalle steckt, weil Bund und Land ihre Haushalte auf Kosten der Gemeinden sanieren - wie lange dauert es denn nun noch, bis sich die Kommunen zusammentun und den Poltikern in Berlin und den jeweiligen Landeshauptstädten auf die Finger klopfen und sagen: "Schluß damit!"!?
ahse loche 25.08.2013
3. ???
Ich bezweifel stark, dass man von diesen Ort auf den Rest der Republik schließen kann. Kleinstädte ticken anders als Großstädte, es gibt kein Nord-Süd-Gefälle, kein Ost/West, kaum Rechtsextremismus, keinen nennenswerten Tourismus und und und... Dass die Hasslocher wissen dass SIE die deutsche "Musterstadt" sind (Wir sind Musterstadt!), verzerrt sämtliche Umfragewerte. Eine kleine Menge ist leichter manipulierbar als eine große. Und ICH als Musterbeispiel muss es ausbaden. GfK - kommt zu mir. Da könnt ihr alle durchschnittlichen Antworten wesentlich billiger haben...
analyse 25.08.2013
4. Also 64% für den CDU-Bürgermeister,das ist doch
schon mal ein hoffnungsvolles Vorzeichen für Frau Merkel ! Frau Finco sollte schnell noch 3 Wochen Anschauungsurlaub in Frankreich,England,Spanien oder in Italien machen,dann rennt sie sogar zu den Wahllokalen !
TS_Alien 25.08.2013
5. .
Ob Haßloch wirklich (noch) repräsentativ ist, interessiert die Marktforscher ohnehin nicht. Es wird stur das Marktforschungsprogramm durchgezogen. Der interessanteste Aspekt in diesem Artikel ist die Haushaltslücke. Wenn in einer Provinzstadt wie Haßloch im Jahr mehrere Millionen fehlen und die Gesamtschulden niemals zurückgezahlt werden können, dann weiß man, wie es in der Republik aussieht. Haßloch ist, was die Schulden angeht, fast überall. D.h. Deutschland steuert auf die Pleite zu bzw. ist faktisch bereits pleite.
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