Thomas Fricke

Was man jetzt tun kann Erste Hilfe gegen die Corona-Rezession

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Je stärker sich Corona ausbreitet, desto größer wird auch die Gefahr einer Rezession. Was davor schützt, lässt sich aus der Erfahrung mit dem Finanzcrash 2008 ableiten.
Richard Fuld, früherer Chef der Pleitebank Lehman Brothers, bei einer Anhörung im Jahr 2008

Richard Fuld, früherer Chef der Pleitebank Lehman Brothers, bei einer Anhörung im Jahr 2008

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epa Shawn Thew/ picture-alliance/ dpa

Es klingt erst einmal zynisch, angesichts des nahenden Todes von Menschen nach den Folgen für Konzerne und Aktienkurse zu fragen. Doch spätestens, seit diese Woche das Risiko einer weltweiten Corona-Epidemie stark gestiegen ist, geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr darum, wie einzelne Exportfirmen ihre Zulieferung sichern. Mit der Virusgefahr ist das Risiko einer sich verselbstständigenden Wirtschaftskrise gestiegen, die sehr viel mehr Leute im Land treffen könnte.

Die Frage nach der Ökonomie ist daher kein Selbstzweck, sondern der Versuch auszuloten, ob und was Regierungen tun sollten, um noch größere Desaster zu verhindern, bevor es zu spät ist. Da helfen auch keine reflexartigen Sprüche, wonach der Staat sich aus wirtschaftlichen Angelegenheiten eigentlich immer heraushalten sollte.

Vermeintlich kurios: Was gerade einzusetzen droht, könnte in seiner konjunkturellen Eigendynamik stark der Logik ähneln, nach der vor gut zwölf Jahren in den Wochen des Lehman-Schocks die Finanzkrise eskalierte. Wenn das stimmt, ist es höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie Regierungen und Notenbanken damals reagiert haben - zum Guten wie zum Schlechten. Selbst wenn die Epidemie doch noch ausbleibt, was ohnehin am allerbesten wäre.

Klassische Wirtschaftskrisen beginnen oft damit, dass vorher wirtschaftlich zu lange etwas schiefgelaufen ist, dass etwa vor lauter Euphorie mehr investiert wurde als nötig oder die Kosten zu stark stiegen. Und es dann Korrekturbedarf gibt, der oft zu Krisen führt.

Das ist jetzt anders. Was die Fabriken schließen lässt und Geschäfte leert, ist die mehr oder weniger rationale Angst, sich mit einem Virus anzustecken. Und die Zahl der Todesfälle ist - bei allen menschlichen Tragödien, die damit verbunden sind - im Gesamtmaßstab selbst jetzt noch so klein, dass es gesamtwirtschaftlich nicht spürbar ist. Selbst in China ist ja nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung betroffen. Bei uns sterben jeden Winter weit mehr Menschen an Influenza, ohne dass jeden Winter eine Rezession ausbricht.

Was wirtschaftlich so tückisch ist, ist die Kettenreaktion, die solche Panikwellen auslösen: Wenn das Geschäftsleben stillsteht, wenn die viel zitierten globalen Lieferketten unterbrochen werden, keiner mehr bereit ist, irgendwem etwas zu liefern, und die Leute allein aus Vorsicht zu Hause bleiben, statt einkaufen zu gehen. Dann bleiben Kassen leer und Aufträge aus, müssen Beschäftigte nach Hause gehen, fehlen Umsätze, mit denen Gehälter bezahlt werden sollen. Und so weiter.

Genau das hat in China schon eingesetzt. Und genau das ähnelt auch dem Drama, das nach dem Bankcrash 2008 passierte.

Die Angst war damals die größte Gefahr

Damals kam nur das konjunkturell fatale Virus aus der Finanzbranche: die Angst, dass nach der Lehman-Pleite plötzlich kein Geld mehr zum Finanzieren von Krediten und Vorschüssen und Exportgeschäften da ist - weil plötzlich die Angst kursiert, Lehman könnte nicht die letzte Pleitebank gewesen sein, und Bankhäuser schon deshalb aus Panik aufhören, Geld zu verleihen, selbst und vor allem untereinander.

Auch damals galt, dass die schiere Zahl der, nennen wir es: Finanz-Todesfälle - wie eben die Investmentbank Lehman Brothers - nicht gereicht hätte, um eine Rezession auszulösen. Im Gesamtmaßstab waren dafür dort viel zu wenig Leute beschäftigt.

Damals wie jetzt verselbstständigte sich die Angst und Unsicherheit, sodass in der sich ausbreitenden Panik Aktienkurse einbrachen, binnen weniger Wochen die Umsätze ganzer Branchen um zweistellige Prozentraten sanken, Fabriken stillstanden und immer mehr Betriebe kurz davor waren, Beschäftigte zu entlassen. Obwohl es außerhalb der Bankenwelt zuvor keine tiefe Fehlentwicklung gegeben hatte, weder Überinvestition noch Kostenexplosion.

Wie sehr sich die Logik von Virenepidemien und die von epidemischen wirtschaftlichen Entwicklungen wie Immobilienblasen, Angstpaniken oder eben Bankencrashs ähneln, bringt Nobelpreisträger Robert Shiller in seinem neuen Buch "Narrative Wirtschaft" auf den Punkt. (Als das Buch im vergangenen Herbst im englischen Original erschien, ahnte er nicht, wie aktuell der Vergleich hier und heute sein würde.) Irgendwann fängt jemand an, eine Geschichte zu erzählen - ob über wundersame Möglichkeiten beim Immobilienkauf oder drohende Crashs; dann breitet sie sich von einem zum anderen aus, bis sie so viele erzählen, dass das Ganze epidemisch wirkt. Und plötzlich alle an den ewigen Immobilienboom glauben - oder an die Krise. Was sich real verselbstständigt.

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Glücklicherweise, so Shiller, endeten wirtschaftliche Narrative in der Regel nicht tödlich, aber der grundlegende Prozess sei der gleiche. Wirtschaftliche Narrative folgten "demselben Ablauf wie die Ausbreitung eines Virus": Es gebe eine zunehmende Zahl an infizierten Menschen, die das Narrativ verbreiten, bis immer mehr danach handeln, bevor es wieder in Vergessenheit gerate.

Hier und heute droht nun auf bizarre Art die epidemische Angst vor der realen gesundheitlichen Epidemie wirtschaftlich-epidemische Folgen nach sich zu ziehen.

Natürlich lässt sich auf Anhieb nicht verhindern, dass aus Angst Fabriken schließen. Das heißt nur nicht, dass nichts hilft. Wenn die Parallelen zur Finanzkrise stimmen, lässt sich genau daraus ableiten, wie sich eine Eskalation womöglich verhindern lässt.

Ähnlich wie damals geht es heute genau darum - weil die meisten Betriebe so eine Zwangsschließung nur für eine Weile einigermaßen reibungslos überbrücken können, droht ihnen früher oder später das Geld auszugehen, um noch Rechnungen und Gehälter zu bezahlen. Wenn dann entlassen wird, setzt die fatale konjunkturelle Spirale ein: weil Arbeitslose weniger ausgeben, was andere wiederum Umsatz kostet, die dann auch entlassen. Und so weiter.

Gerade weil diese Logik 2008 so ähnlich wirkte, hat sich als ziemlich schlau erwiesen, dass große Notenbanken schnell Geldengpässe auflösten (damals bei den Banken), indem sie Geld ins System schossen. Und dass Regierungen Geld rausgaben, um den Kollaps zu stoppen - etwa so, wie es die Regierung von Hongkong diese Woche im Kampf gegen die Corona-Folgen angekündigt hat, indem sie jedem Bürger gut tausend Euro zu schenken versprach.

Was wäre die Entsprechung zur Abwrackprämie?

In Deutschland hat die Einsicht im Herbst 2008 einige Zeit gebraucht: Die Rettung kam dann dadurch, dass Firmen mächtig Hilfen erhielten, um Mitarbeiter auf Kurzarbeit zu halten, statt sie zu entlassen. Und durch die Abwrackprämie, mit der die Nachfrage nach Autos stabilisiert wurde, als gerade in Panik der Absatz global wegbrach.

Ob eine Abwrackprämie heute wirken würde - schwer zu sagen. Zumindest sollte sie grün sein. Sollte die Epidemie ausarten, könnte sich schon bald allerdings als goldwert erweisen, den Firmen ganz schnell sehr viel Geld zu geben, damit sie ihre Leute bezahlen können, bis der Spuk vorüber ist. Und für reichlich Überbrückungskredite zu sorgen. Nicht, weil damit irgendein tieferes Problem gelöst wird. Sondern damit sich die Krise nicht verselbstständigt.

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Anno 2009 hat all das geholfen, die Abwärtsspirale nach ein paar Monaten zu stoppen - und weil die Unternehmen im Grunde solide dastanden, wurde die ausgefallene Produktion ziemlich rasch auch wieder aufgeholt. So ähnlich könnte es dann auch diesmal kommen.

Wobei noch eine Lehre aus der Zeit lohnt. Zwar gelang es nach dem Lehman-Schock, die unmittelbaren Folgen aufzufangen. Was nicht gelöst wurde, war das, was hinter dem Bankencrash steckte: das Versagen einer ach so effizienten weltweiten Finanzliberalisierung. Eine Corona-Pandemie könnte auf dramatisch eigene Art das Problem einer Globalisierung spürbar machen, die stark auf der Annahme basierte, dass freie Märkte und Konzerne sich immer irgendwie selbst regulieren und alle Probleme lösen. Ganz ohne große Eingriffe. Von wegen.

Die Coronakrise könnte ein nächster Schock sein - und zeigen, wie groß der Bedarf an einer besser gemanagten Globalisierung gut zwölf Jahre nach dem Finanzschock immer noch ist.

Bis dahin gilt als bestes Konjunkturpaket: Händewaschen. Und keine Panik.