Drohender Finanzkollaps der USA Der Zeitlupen-Crash

Das Horrorszenario lautet: Wenn Demokraten und Republikaner sich nicht bis Silvester auf einen Haushalt einigen, bricht Amerikas Konjunktur ein und mit ihr die Weltwirtschaft. In Wirklichkeit wären die Folgen überschaubar - sofern ein Kompromiss in ein paar Wochen gefunden ist.
US-Präsident Obama: Verhandlungen über Haushalt drohen zu scheitern

US-Präsident Obama: Verhandlungen über Haushalt drohen zu scheitern

Foto: BILL PUGLIANO/ AFP

Hamburg - Nur noch wenige Tage bleiben Amerikas Mächtigen, sich im Haushaltstreit zu einigen. Doch Demokraten und Republikaner sind tief zerstritten. Die Republikaner führen inzwischen auch einen Krieg in den eigenen Reihen, der jeden Versuch einer Annäherung unmöglich erscheinen lässt. Kommt es zu keiner Einigung, greift am 1. Januar automatisch ein Maßnahmenpaket, um die Ausgaben der weltgrößten Wirtschaftsnation zu beschränken und die Steuereinnahmen zu steigern.

Es gibt ein Bedrohungsszenario für diesen Fall. Demokraten und Republikaner bemühen es täglich, um der jeweils anderen Seite vorzuwerfen, sie würde für die Durchsetzung ihrer politischen Ideologie das Wohl des Landes riskieren. Es lautet: Wenn der 1. Januar ohne Einigung verstreicht, dann Gnade uns Gott. Amerika würde dann von der sogenannten Fiskalklippe stürzen und die Weltwirtschaft mit in den Abgrund ziehen.

Richtig ist: Die Folgen einer verspäteten Einigung wären unangenehm; der große Absturz bliebe aber vorerst aus. Denn in den ersten Monaten würde die Sparautomatik Amerikas Wirtschaft noch nicht mit voller Wucht treffen. Die Effekte würden erst nach und nach zu wirken beginnen - dann aber umso stärker.

Die in den meisten Szenarien zur Fiskalklippe beschworenen Folgen sind Endzeitszenarien, die erst eintreten würden, wenn sich Demokraten und Republikaner auch Monate nach Verstreichen der Frist noch immer nicht einigen können.

Grob kann man die Maßnahmen des Sparpakets in drei Kategorien einteilen:

  • Maßnahmen, die sofort in Kraft treten und sofort Auswirkungen haben: Bestimmte Hilfen für Arbeitslose zum Beispiel würden an Neujahr schlagartig wegfallen. Sparumfang im ersten Jahr: 26 Milliarden Dollar. Zwei Millionen Arbeitslose bekämen diese Einschnitte sofort zu spüren. Die Folgen für die Konjunktur würden sich jedoch in Grenzen halten.
  • Maßnahmen, die sofort in Kraft treten, aber erst zeitversetzt Effekte zeigen: Die Lohnsteuer etwa würde sofort ab dem 1. Januar um zwei Prozent steigen. Sparumfang im ersten Jahr: 95 Milliarden Dollar. Aufs Jahr gerechnet hätten Steuerzahler mit Einkommen von 40.000 bis 65.000 Dollar im Durchschnitt rund 1500 Dollar weniger in der Tasche. Pro Monat wären das 125 Dollar. Die meisten Amerikaner würden also etwas weniger Geld verdienen als zuvor - was sich negativ auf ihr Kaufverhalten auswirken könnte. Für die US-Wirtschaft wäre das fatal: Gut zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werden durch Konsum erwirtschaftet. Bis die gestiegene Lohnsteuer tatsächlich das Kaufverhalten beeinträchtigt, würden jedoch einige Wochen vergehen. Zumal die Erhöhung der Lohnsteuer rückgängig gemacht werden könnte, wenn sich Demokraten und Republikaner geeinigt haben.
  • Maßnahmen, die später greifen und erst im Laufe des Jahres Effekte haben: Dazu gehören höhere Abgaben auf Kapitalerträge und Immobilien sowie das Auslaufen von Steuergutschriften für mittlere Einkommen. Diese Maßnahmen greifen erst, wenn die Amerikaner 2014 ihre Steuererklärung fürs Vorjahr einreichen. Auch die für Verteidigung und Inneres vorgesehenen Ausgabenkürzungen im Umfang von rund 85 Milliarden Dollar würden erst Wochen nach dem 1. Januar ihre Wirkung zu entfalten beginnen. All diese Einschnitte hätten mittelfristig Auswirkungen auf die Wirtschaft. Nach und nach würden sich Unternehmen mit Investitionen zurückhalten und weniger neue Mitarbeiter einstellen.

Und falls der Worst Case doch eintritt?

Die meisten Analysten sind sich einig, dass Demokraten und Republikaner sich noch Monate streiten müssten, bis die Folgen des automatischen Sparpakets mit voller Wucht auf die US-Wirtschaft durchschlagen. Träte allerdings dieser Worst Case ein, wären die Folgen tatsächlich verheerend.

Laut Berechnungen des überparteilichen Congressional Budget Office dürfte sich das Wirtschaftswachstum 2013 dann um vier Prozentpunkte reduzieren, ein Rückfall in die Rezession wäre damit wahrscheinlich. Die Zahl der Arbeitslosen würde um rund zwei Millionen höher liegen als ohne die Einschnitte. Die US-Bank Morgan Stanley rechnet gar mit Einbußen beim BIP von bis zu fünf Prozent.

2011 lag der Anteil der USA am kaufkraftbereinigten BIP der gesamten Welt bei rund 20 Prozent. Dementsprechend hätte ein Einbruch der US-Wirtschaft globale Folgen. Länder wie Deutschland wären gleich doppelt betroffen: Die Nachfrage nach ihren Gütern in den USA würden einbrechen; ebenso die Nachfrage in anderen exportorientierten Ländern, die durch die Schwäche Amerikas ebenfalls weniger Güter exportieren.

An den Börsen würden in einer solchen Lage weltweit die Kurse fallen. In einem Szenario der UBS ist etwa davon die Rede, dass der breit gefasste US-Index S&P im Falle einer amerikanischen Rezession rasch mehr als tausend Punkte abstürzen würde. Der Dow Jones könnte laut einem Szenario der Firma Macroeconomic Advisers binnen weniger Tage um 2000 Punkte abstürzen.

Der Ölpreis würde abstürzen, da Händler eine sinkende Industrieproduktion und damit eine sinkende Nachfrage nach dem Rohstoff erwarten. UBS sieht den Preis für ein Barrel, also 159 Liter, der Sorte Brent bei 67 Dollar.

Womit Analysten rechnen

Trotz der zähen Verhandlungen rechnen Analysten nicht damit, dass der Worst Case eintritt. Sollten die USA am 1. Januar über die Fiskalklippe gehen, sind Kurseinbrüche an den Märkten wahrscheinlich. Diese würden Demokraten und Republikaner zusätzlich unter Druck setzen, rasch eine Lösung zu finden. Das muss zunächst noch nicht einmal der große Wurf sein: Obama hat vor seinem Weihnachtskurzurlaub bereits angedeutet, dass zunächst auch ein Kompromiss denkbar wäre, der nur einige Teile der zu verhandelnden Punkte klärt.

Entsprechend gelassen geben sich die Finanzexperten. "Der simple Schluss, dass ein Sturz über die Fiskalklippe unweigerlich eine Rezession bedeutet, ist falsch", sagt Lewis Alexander, Ökonom bei Nomura Securities.

Erst wenn Ende Februar noch immer kein Kompromiss in Sicht wäre, würden die Analysten langsam nervös. Dann nämlich rechnen sie damit, dass immer mehr Firmen Investitionen zurückhalten - und eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die sich nur noch schwer aufhalten lässt.

Überwinden die USA dagegen in den kommenden Wochen ihre Haushaltskrise, würde sich der Abwärtstrend wohl umkehren: Unternehmen könnten aufgeschobene Investitionen rasch nachholen, Verbraucher aufgeschobene Anschaffungen tätigen. "Wir könnten am Ende mit einer viel robusteren Konjunkturerholung dastehen, als es sich irgendjemand ausgemalt hatte", sagt der Geschäftsführer des US-Mischkonzerns Honeywell International, David Cote, zu AP.

So gesehen ist der vielbeschworene Sturz von der Fiskalklippe zunächst eher ein Sprung mit einem Fallschirm. Wenn sich US-Präsident Barack Obama und sein republikanischer Gegenspieler John Boehner im neuen Jahr nicht allzu viel Zeit lassen, dürfte eine verzögerte Einigung nur überschaubare Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.

mit Material von AP
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