Thomas Fricke

Wirre Zins-Wahlkampfversprechen Albtraum für Sparer. Paradies für Schuldner

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Im Eifer des Endwahlkampfs kommen wilde Ideen auf. Manche wollen Reiche entlasten – und gleichzeitig, dass die Zinsen wieder steigen. Das ist gaga. Es geht nur eins von beidem. Eine Last-Minute-Aufklärung.
Wahlplakate von CDU und FDP im September 2021 in der Nähe von Baiersbronn

Wahlplakate von CDU und FDP im September 2021 in der Nähe von Baiersbronn

Foto: Goldmann / imago images/Manngold

Es gehört zu den ehernen Gesetzen der Demokratie: In den letzten Tagen vor dem heiligen Urnengang verlieren die Wortbeiträge arg an Tiefgang.

Da kreischt die mit der jeweiligen Partei befreundete Lobby, dass bei Wahl der Anderen schlimme Zeiten anbrechen werden. Da warten Spitzenkandidaten mit Gutachten auf, in denen knapp vor der Wahl furchtbar unabhängige Wissenschaftler nach völlig unvoreingenommener Prüfung zu dem Ergebnis kommen, dass das, was die Partei vorschlägt, schon mit Abstand das Beste ist, was es gibt. Da wird im Argumentationseifer unsere schöne Heimat mit ihren vielen hübschen Landschaften und hilfsbereiten Menschen zum miesen Hochsteuerland. Und werden global-makroökonomische Wirkungsketten auch mal auf Gedankensätze reduziert, die in ihrer Komplexität mehr einer Betonplatte ähneln: Steuernsenken-für-Wirtschaft = gut-für-Wirtschaft = gut, also gut. Noch Fragen?

Beruhigend ist, dass die Fähigkeit zu fortgeschrittenem Denken in der Regel wieder zunimmt, wenn gewählt ist. Das ist angesichts der einen oder anderen Verirrung im intellektuell abstürzenden Endwahlkampf allerdings auch dringend nötig.

Was vor lauter hastiger Versprechen schiefgehen kann, lässt sich am Beispiel einer derzeit in Deutschland recht populären Forderung zeigen: danach, dass die Zinsen unbedingt wieder steigen müssen – weil sonst ja unsere armen Sparer weiter enteignet werden (Das ist zwar Quatsch, aber egal). Landläufige Wirtschaftsexperten wie, sagen wir, Friedrich Merz und Christian Lindner sagen so etwas. Um dann meist auf die böse Europäische Zentralbank zu schimpfen. Wobei das Problem schon damit anfängt, dass jene EZB – auf einstiges deutsches Bestreben – unheimlich unabhängig ist, also selbst von deutschen Politikern gar nicht so einfach zu höheren Zinsen gebracht werden kann.

Zinsen sinken seit den Achtzigern

Wirr wird die Sache dadurch, dass hinter dem Niedrigzins ja komplexere ökonomische Dinge liegen. Der historische Zinssinkflug begann in den frühen Achtzigerjahren. Da gab es die EZB noch gar nicht. Vor allem spricht einiges dafür, dass man zwar höhere Zinsen wünschen kann, dann aber nicht unbedingt auch die Wohlhabenderen entlasten sollte, wie es just die Vertreter des Zins-Hoch-Lagers zu tun neigen. Das könnte ökonomisch danebengehen.

Dass die Gründe für historisch gesunkene Zinsen ganz woanders liegen als im seichten Wahlkampfsand, lässt eine kürzlich veröffentlichte Studie von drei Ökonomen aus den USA vermuten. Die Wissenschaftler von den Unis Princeton, Harvard und Chicago untersuchten auf Basis etlicher Daten zur Finanzlage der Verbraucher, wie es in den USA dazu kommen konnte, dass die normalen Zinsen in einem ziemlich klaren Trend von teils fast sechs Prozent in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts auf zuletzt nur noch zwischen null und ein Prozent gesunken sind.

Befund eins: Wenn die Zinsen so gefallen sind, hat das stark damit zu tun, dass in der Zeit alles in allem mehr gespart wurde – zumindest gemessen daran, was an Geld für Investitionen gebraucht wurde. Und wenn das Angebot an Geld größer wird, sinkt der Preis, also der Zins. Die Frage ist dann eher, warum so viel mehr gespart wurde beziehungsweise an Anlagekapital verfügbar war.

Damit kommen wir zum größten Erkenntniszugewinn der Studie: Der Trend zu sinkenden Zinsen fällt ziemlich eindeutig damit zusammen, dass die Topverdiener in den USA seit Beginn der Achtzigerjahre deutlich mehr Einkommen dazugewonnen haben als der Rest – sprich: mit einer massiven Umverteilung nach oben ganz im Sinne der damals herrschenden Reaganomics-Doktrin. Das habe seither nicht nur zu den bekannten gesellschaftlichen Spannungen geführt, sondern gesamtwirtschaftlich betrachtet auch die Verhältnisse an den Kapitalmärkten und beim Sparen verschoben. Wie Atif Mian, Ludwig Straub und Amir Sufi berechneten, haben die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher in ihrer jeweiligen Altersgruppe eine um zehn bis zwanzig Prozentpunkte höhere Sparquote als im Schnitt die restlichen 90 Prozent.

Und weil eben diese oberen zehn Prozent seit 1980 sehr viel mehr an Einkommen gewonnen haben als alle anderen, ist in der Gruppe auch entsprechend eindrucksvoll mehr gespart worden – was angesichts des großen Anteils an der Gesamtersparnis auch ins Gewicht fällt. Immerhin, so die Wissenschaftler, liegt der Anteil der Topverdiener an den Gesamteinkommen ihrer Altersgruppe heute 15 Prozentpunkte höher als 1980.

Nimmt man beides zusammen – hohe Sparneigung und starkes Wachstum der Topeinkommen – ergibt sich nach den Rechnungen der drei Ökonomen, dass zwischen 1995 und 2019 sage und schreibe 30 bis 40 Prozent dessen, was in Amerika privat gespart wurde, auf die Verschiebung der Einkommen hin zu den viel sparenden Reichen zurückzuführen ist – mit entsprechender Wirkung eben auf die Zinsen. Der Ersparnisboom der Topeinkommensbezieher dürfte ein Hauptgrund dafür sein, dass seither die Zinsen so stark gesunken seien – mehr jedenfalls als die gelegentlich eingeworfene Vermutung, es könnte daran liegen, dass die vielen Babyboomer so viel sparen. Nicht belegbar.

Jetzt mag das Gefälle zwischen Reich und Arm in Deutschland nicht (ganz) so dramatisch sein wie in den USA. Der Grundbefund gilt auch hier: Auch bei uns kommt der Großteil der Ersparnisse von den Reichen; das oberste Prozent hat mit etwa 35 Prozent eine sehr viel höhere Sparquote als alle anderen; und die Spitzeneinkommen sind in den vergangenen Jahren deutlich stärker gewachsen als alle anderen. Auch die Bundesbank ist vor Jahren schon darauf gekommen, dass allein die Verschiebung der Einkommen nach oben zu einem nennenswerten Anstieg der Sparquote in Deutschland geführt hat.

Topverdiener, die dann noch mehr sparen können

Wenn das stimmt, könnte das im realen Leben nach der Bundestagswahl zu ziemlich widersinnigen Phänomenen führen – zumindest, wenn dann Leute etwas zu sagen bekommen, die zwar höhere Zinsen wollen, als Teil ihres Programms aber auch eine Entlastung der, na ja, Topverdiener vorsehen; und überhaupt möglichst keine weiteren Staatsschulden mehr.

Mal kurz eins und eins grob zusammenzählen, und nur mal angenommen: Sollte unter einem neuen Finanzminister der Soli-Zuschlag auch für die verbleibenden zehn Prozent Topverdiener abgeschafft werden, bedeutet das, dass besagte Topeinkommensbezieher künftig mal eben in der Summe rund zehn schnuckelige Milliarden Euro mehr haben. Wobei angesichts zweistelliger durchschnittlicher Sparquoten in der betuchten Klasse davon auszugehen ist, dass der allergrößte Teil des zusätzlichen Geldes dann zurückgelegt wird – im Land also einige Milliarden zusätzlich gespart werden. Nicht gut, wenn man eigentlich für höhere Zinsen sorgen will.

Da wird der Zins danach eher niedriger sein als vorher. Und umso niedriger auch, je mehr ein künftiger Finanzminister darauf setzen sollte, beim Staat möglichst wenig Schulden zu machen und schnell zu den Vorgaben der Schuldenbremse zurückzukommen – was de facto nichts anderes heißt, als dann auch von Staats wegen eher mehr zu sparen als weniger. Zins runter.

Albtraum für Sparer. Paradies für Schuldner.

Man muss nur wissen, was man wählt.

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