Wechsel an EZB-Spitze Super-Mario erbt Super-Probleme

Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise wechselt der Chef der Zentralbank. Mario Draghi übernimmt den Spitzenposten von Jean-Claude Trichet - und ein Institut, dessen Ruf arg gelitten hat. Der Italiener muss klarmachen, dass die EZB mehr ist als nur ein Befehlsempfänger der Politik.

Zentralbanker Draghi, Trichet: Schwieriges Erbe
REUTERS

Zentralbanker Draghi, Trichet: Schwieriges Erbe

Von und


Hamburg - Wenn er am Mittwochnachmittag im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper verabschiedet wird, dürfte es viele warme Worte geben. Die Gäste, darunter Kanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, werden die Erfolge des Franzosen Jean-Claude Trichet loben, seine acht Jahre an der Spitze der Europäischen Zentralbank.

Und tatsächlich hat der Notenbankchef einiges vorzuweisen: Den Auftrag, die Preisstabilität zu sichern, hat die EZB mit Bravour erfüllt. In Deutschland lag die Inflation seit 1999 im Schnitt pro Jahr gerade einmal bei 1,6 Prozent - und damit deutlich unter dem Niveau zu D-Mark-Zeiten. Auch im Euro-Raum hat die Zentralbank mit durchschnittlich zwei Prozent die Stabilitätsziele erreicht.

Doch bei allem Lob, das Trichet ernten dürfte: Er hinterlässt seinem Nachfolger, dem Italiener Mario Draghi, ein extrem schwieriges Erbe. Mit der Strategie, Staatsanleihen hochverschuldeter Euro-Länder zu kaufen, hat Trichet der EZB Risiken in Höhe von 160 Milliarden Euro aufgebürdet. Zudem nahmen durch die umstrittene Maßnahme die wichtigsten Kennzeichen einer Notenbank Schaden - die Unabhängigkeit gegenüber der Politik sowie die Glaubwürdigkeit gegenüber den Märkten, die auf einen berechenbaren und stringenten Kurs der Zentralbank setzen.

Denn Käufe der Staatsanleihen spalteten das EZB-Führungsgremium: Der damalige Bundesbank-Präsident Axel Weber erklärte öffentlich seinen Protest gegen die Strategie Trichets, als Retter hochverschuldeter Staaten einzuspringen. Später verkündeten erst Weber und dann auch der EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark ihren Rücktritt. An den Märkten führte das dazu, dass die Zentralbank als zerstritten wahrgenommen wurde - ein verheerendes Signal.

Mitarbeiter kritisieren Anleihenkäufe

Auch bei seinen Mitarbeitern fällt die Bilanz von Trichet durchwachsen aus: Zwar loben 70 Prozent in einer Umfrage, der Franzose habe das Ansehen der Notenbank verbessert, 64 Prozent bezeichneten seine Amtsführung als gut oder sogar exzellent. Doch die milliardenschweren Käufe von Staatsanleihen sehen auch die Mitarbeiter kritisch: Damit habe Trichet das Mandat der EZB überdehnt. Angesichts der Zuspitzung der Krise sei das zwar richtig gewesen, dennoch spricht die Veröffentlichung einer eigentlich internen Umfrage Bände bei einer Institution, die für ihre Verschwiegenheit bekannt ist und auf diese eigentlich auch zwingend angewiesen ist.

Bei Trichets Abschied soll am Nachmittag auch sein Nachfolger sprechen: Draghi hat sich in den vergangenen Monaten fast gar nicht zur Schuldenkrise geäußert. Klar ist, dass der Italiener von Anfang an gegen das Vorurteil kämpfen muss, wegen seiner Nationalität kein besonderer Verfechter einer stabilen Währung zu sein. Experten halten das für unfair: "Draghi ist mindestens so stabilitätsorientiert wie jeder Bundesbanker", sagt etwa Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Er wird es aber schwer haben, seine Kritiker davon zu überzeugen."

Schmieding hält es für eine große Hypothek, dass Trichet nicht vor seinem Abgang noch den Leitzins gesenkt hat - oder zumindest eine mögliche Senkung besser vorbereitet hat. "Es ist offensichtlich, dass die Euro-Zone niedrigere Zinsen braucht", sagt Schmieding und verweist auf die schwächelnde Konjunktur. Doch wegen Trichets Zögern sei Draghi nun in der unangenehmen Lage, gleich als eine seiner ersten Amtshandlungen den Leitzins senken zu müssen und sich so einen Ruf als Inflationsbeschleuniger einzuhandeln.

Unaufgeregt, beharrlich, kenntnisreich

Doch so schwierig die Lage auch ist, dem 64-jährigen Draghi wird zugetraut, sie zu meistern. Wie er das genau machen will, darüber schweigt er sich bisher allerdings komplett aus. Sicher ist: Der Italiener ist dramatische Lagen gewöhnt. Er führte sein Land bereits durch die letzte Schuldenkrise in den neunziger Jahren. Als oberster Beamter im Schatzministerium hielt er eine Schlüsselposition in der Regierung inne: "Super Mario" dämmte das Defizit ein, wertete die Lira ab und zog eines der größten Privatisierungsprogramme Europas durch. Zehn Jahre hielt er sich auf seinem Posten und überlebte dabei zehn Regierungswechsel sowie linke und konservative Schatzminister.

Unaufgeregt, beharrlich, kenntnisreich - so haben die Italiener ihren Notenbankchef kennengelernt. Schon auf der Jesuitenschule in Rom war er laut seinem Klassenkameraden Luca di Montezemolo, dem späteren Ferrari-Chef, stets der Eifrigste und legte danach eine steile Karriere hin: Promotion an der Elite-Schmiede Massachusetts Institute of Technology in Boston, Vertreter der südeuropäischen Länder bei der Weltbank in Washington.

Brandbrief an Berlusconi

Nach der Zeit im Schatzministerium wechselte er zur Investmentbank Goldman Sachs: ein kurzes Engagement, das ihn nun wieder einholte. Die Bank wird dafür mitverantwortlich gemacht, dass Griechenland seine Schulden vor der EU verschleiern konnte. Doch Draghi machte glaubhaft, dass betreffende Deals bereits vor seinem Engagement bestanden und er davon nichts wusste.

Und in seiner Heimat Italien wurde Draghi laut wie kaum ein anderer gegen das exzessive Schuldenmachen. Ende 2005 wurde er zum Chef der italienischen Notenbank ernannt. In seiner sechsjährigen Amtszeit bewies er seine Unabhängigkeit von der Regierung. Zuletzt kritisierte er immer wieder den mangelnden Spar- und Reformwillen des Kabinetts Berlusconi, machte sich beim Premier und bei Finanzminister Giulio Tremonti unbeliebt, wenn er sie öffentlich mahnte, die italienische Wettbewerbsfähigkeit nicht zu zerstören.

Gemeinsam mit Trichet schickte er im August einen Brandbrief nach Rom, in dem sie von Berlusconi Reformen beim Rentensystem, Staatsdienst und Arbeitsmarkt verlangten. Erst vergangene Woche rüffelte Draghi Berlusconi erneut: Der ausgeglichene Haushalt, den die Regierung für 2013 plant, reiche nicht. Die Italiener müssten sich selbst aus dem Schulden-Schlamassel ziehen, und nicht nur auf Hilfe von außen warten, sagte Draghi.

Die Botschaft war wohl nicht nur an Rom gerichtet, sondern auch an Skeptiker in Berlin oder Paris. Sie sollte lauten: Auch ein Italiener an der Spitze der EZB ist unabhängig von der Regierung Berlusconi - und wird die Schuldensünder zur Sparsamkeit mahnen.

insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andresa 19.10.2011
1. neusprech..
"Schuldenkrise"..wenn man das schon wieder lesen muss..! Es handelt sich um einen Systemkollaps! http://the-babyshambler.com/2011/10/17/pamphlet15o/
Triple_AAA 19.10.2011
2. Das Kind
Zitat von sysopAusgerechnet auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise wechselt der Chef der Zentralbank. Mario Draghi übernimmt den Spitzenposten von Jean-Claude Trichet - und*ein Institut, dessen Ruf arg gelitten hat.*Der Italiener muss klarmachen, dass die EZB*mehr ist als*nur ein Befehlsempfänger der Politik. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,792602,00.html
ist doch längst in den Brunnen gefallen, und das einstige Vertrauen dahin.
gast2011 19.10.2011
3. super mario?
hüstel hüstel...auch er ist lobbygesteuert und somit kann man eine pappfigur hinstellen der nur nickt. am ende kommt dasselbe raus. nämlich nichts brauchbares.
inqui 19.10.2011
4. Na,
Zitat von sysopAusgerechnet auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise wechselt der Chef der Zentralbank. Mario Draghi übernimmt den Spitzenposten von Jean-Claude Trichet - und*ein Institut, dessen Ruf arg gelitten hat.*Der Italiener muss klarmachen, dass die EZB*mehr ist als*nur ein Befehlsempfänger der Politik. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,792602,00.html
da sind wir mal alle optimistisch dass Draghi endlich für die Stabilität des €uros sorgen wird
Clawog 19.10.2011
5. Nachfolger
Dann wird der Nachfolger von Mario, sollte es ihn jemals geben, den "ordentlichen" Zusammenbruch der EZB vollziehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.