Wege aus der Griechen-Krise Aufpäppeln, umschulden, aussperren

Braucht Athen Europas Milliarden wirklich? Sollen die Banken bluten? Oder muss Hellas den Euro-Raum verlassen? Experten und Politiker debattieren derzeit drei Wege aus der Griechen-Krise - und jeder birgt enorme finanzielle Risiken. SPIEGEL ONLINE analysiert die drei Szenarien.
Börse in Athen: Debatte über die Rettung des Pleitestaates

Börse in Athen: Debatte über die Rettung des Pleitestaates

Foto: Petros Giannakouris/ ASSOCIATED PRESS

Schuldenkrise in Griechenland

Hamburg - Die hat eine heftige Debatte in Deutschland entfacht. Zwar ist das europaweite Rettungspaket längst geschnürt. Doch jetzt, da es hart auf hart kommt, jetzt, da die Regierung in Athen tatsächlich um milliardenschwere Hilfen bittet, gebärden sich einige Politiker so, als wollten sie die Verhandlungen noch einmal von vorne beginnen.

Am deutlichsten äußerte sich in diesem Sinne Guido Westerwelle: "Wer zu früh irgendwelche konkreten Hilfszusagen macht, der wird nur erleben, dass das dann auch den Druck nimmt, in Griechenland die strukturellen Hausaufgaben zu erledigen", ließ sich der Bundesaußenminister am Montag zitieren. Dann deutete er an, die Griechen hätten die zugesagten Hilfen noch nicht sicher. "Die Bundesregierung hat noch nicht entschieden", sagte der FDP-Chef. "Und das heißt, dass eine Entscheidung in verschiedene Richtungen fallen kann."

Die Märkte reagierten auf solche Aussagen prompt: Die Risikoprämie für zehnjährige griechische Staatsanleihen schnellte auf einen neuen Höchststand: Will sich Griechenland Geld borgen, muss es derzeit fast zehnt Prozent Zinsen zahlen.

Am Nachmittag dann bereitete Kanzlerin Angela Merkel dem Spuk ein Ende. Ein Hilfspaket für Athen sei "eine Sache von Tagen", sagte die Regierungschefin. "Deutschland wird helfen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind." Die Märkte stabilisierten sich etwas - vorläufig zumindest.

Die politische Debatte am Montag wirkte etwas hysterisch - und sie ist deutlich mehr als nur ein Profilierungskampf vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Denn die Rettung Griechenlands dürfte Deutschland teuer zu stehen kommen. Über den voraussichtlichen deutschen Kreditanteil von 8,4 Milliarden Euro für dieses Jahr hinaus geht auch Merkel davon aus, dass Deutschland mittelfristig noch weitere Hilfen stemmen muss. In der Sitzung des CDU-Präsidiums nannte sie nach Teilnehmerangaben eine mögliche Gesamtsumme von rund 24 Milliarden Euro für die nächsten drei Jahre.

Die Diskussion offenbart aber noch etwas anderes: Sie zeigt, wie schwer sich Deutschlands Entscheidungsträger und Experten mit der Griechenkrise tun. In Europa steht ein Staat vor der Pleite, und die Suche nach einem Rettungsrezept gestaltet sich schwierig.

Bislang lassen sich folgende Lösungsszenarien benennen:

  1. Die EU soll Griechenland drei Jahre lang mit Milliarden stützen. In dieser Zeit soll die Regierung in Athen das Land radikal reformieren und den gewaltigen Schuldenberg zum Teil abtragen.
  2. Griechenlands Haushalt soll einem sogenannten "Hair Cut" unterzogen werden. Das heißt: Ein Teil der Staatschulden wird aus den Büchern gestrichen - zu Lasten der Gläubiger.
  3. Griechenland soll aus der Euro-Zone austreten, die Drachme wieder einführen und die eigene Währung abwerten, um weitere Schäden für die Gemeinschaftswährung zu vermeiden.

Drei Wege aus der Griechen-Krise - aber wie realistisch sind die Lösungsansätze wirklich? SPIEGEL ONLINE hat die Szenarien analysiert.

Szenario eins - die EU päppelt Griechenland noch viele Jahre

In einem Punkt sind sich die Experten einig: Griechenland muss schnell gerettet werden. Das Datum für den möglichen finanziellen Zusammenbruch ist schon gesetzt. Am 19. Mai muss die Regierung in Athen sich das nächste Mal Milliarden am Finanzmarkt leihen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ohne Europas Hilfspaket zu akzeptablen Zinsen Geld bekommt, ist gering. Bis dahin muss die Unterstützung aktiviert sein", sagte Finanzminister Giorgos Papakonstantinou im griechischen Parlament.

Dass die EU die zugesagten Hilfen doch noch verweigert, glaubt denn auch kaum ein Experte. Zu unkontrollierbar wären die Verwerfungen, die eine plötzliche Staatspleite in Athen nach sich ziehen würde. Die Frage, die sich viele stellen, ist eine andere: Werden die zugesagten Hilfen reichen? Oder hängt Griechenland noch viele Jahre am Tropf der EU?

"Das zugesagte Hilfspaket wird nur am Markt für kurzfristige Anleihen für wirkliche Entspannung sorgen", sagt Christoph Weil, Anleihenexperte bei der Commerzbank. "Der Erwerb zehnjähriger Griechenland-Anleihen dagegen bleibt trotzt EU-Hilfen weiter riskant."

Die Hilfen für Athen sind vorerst auf drei Jahre ausgelegt. 45 Milliarden soll das Land im laufenden Jahr erhalten. Für 2011 und 2012 könnten noch einmal enorme Hilfen nötig sein. Marktschätzungen zufolge muss die Regierung in Athen in den kommenden zwei Jahren jeweils langfristige Staatsanleihen im Umfang von 30 Milliarden Euro refinanzieren, dazu kurzfristige Anleihen im Umfang von 10 bis 15 Milliarden. Die Zinsen auf die Staatsschulden betragen Schätzungen zufolge noch einmal 10 bis 15 Milliarden. Gut 273 Milliarden Euro Schulden hat Athen insgesamt angehäuft.

Jahrelange Restrukturierung

"Die Sanierung Griechenlands ist ein langer, aufzehrender Prozess", sagt Markus Krygier, Fondsmanager bei Amundi Asset Management. "Es ist kaum realistisch, dass er nach drei Jahren abgeschlossen ist."

Tatsächlich haben nur Maßnahmen wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Kürzung von Beamtengehältern unmittelbare Effekte. Andere Einschnitte wie ein höheres Renteneintrittsalter dürften erst mittelfristig Wirkung entfalten. Obendrein kann das Einfrieren von Renten und das Kürzen von Beamtengehältern schnell zum wirtschaftspolitischen Bumerang werden: Wer weniger Geld bekommt, gibt auch weniger aus - in der Folge leidet der Konsum.

In der Vergangenheit brauchten Staaten oft viele Jahre, um sich nachhaltig zu restrukturieren: Die belgische Regierung etwa drückte ihre Schulden zwischen 1993 und 2007 von 137 auf 84 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Das Beispiel Belgien zeigt, was für ein langwieriger Prozess eine fiskalische Konsolidierung ist", sagt Krygier. "Es sollte den Griechen aber auch Mut machen: Schließlich ist den Belgiern die Konsolidierung letztlich geglückt."

EU

IWF

Realistisch betrachtet, sei es ohnehin nicht Griechenlands Ziel, die eigenen Schuldenquote binnen drei Jahren massiv zu drücken. "Es reicht aus, dass die Regierung in Athen die Sanierung konsequent vorantreibt, die eigenen Zielvorgaben zuverlässig erfüllt und dass die und der weiter signalisieren, den Staat notfalls zu stützen", sagt Krygier. "Das sorgt dafür, dass Griechenland weiter Zugang zum Kapitalmarkt hat."

Wenn die Europäer einspringen, sollten sie sich also darauf einstellen, Griechenland noch lange helfen zu müssen.

Szenario zwei - die radikale Umschuldung

Ein langsame Sanierung Griechenlands mit europäischer Hilfe erscheint vielen Experten als realistisches Szenario. Unionsfraktionschef Volker Kauder und Ifo-Chef Hans-Werner Sinn führen aber noch eine andere Möglichkeit an, wie die griechische Schuldenkrise überwunden werden könnte.

Ihrer Ansicht nach sollten sich auch Banken an einem Griechenland-Hilfspaket beteiligen. Gläubiger sollen demnach pauschal einen bestimmten Prozentsatz ihrer Forderungen aus den Büchern streichen. Finanzkonzerne, Versicherungen, Fondsgesellschaften und Privatleute, die der Regierung in Athen Geld geborgt haben, müssten milliardenschwere Ausfälle verbuchen.

Fachleute nennen dieses Verfahren "Umschuldung" oder "Hair Cut" - und sie halten es für höchst problematisch. "Die Tragweite einer Restrukturierung wird derzeit deutlich unterschätzt", sagt Anleihenexperte Krygier. Sein Kollege Weil von der Commerzbank warnt vor "verheerenden Folgen", die ein "Hair Cut" nach sich zöge.

"Im Falle einer Umschuldung würden alle griechischen Staatsanleihen ein sogenanntes Default-Rating erhalten", sagt Weil. "Institutionelle Investoren dürften die Papiere nicht mehr kaufen; Griechenland verlöre schlagartig den Zugang zum Kapitalmarkt."

Zudem könnte eine Umschuldung eine neue Bankenkrise auslösen. Laut "Süddeutscher Zeitung" würden die griechischen Institute schon bei einem Abschlag von 25 Prozent auf die Anleihen ein Drittel ihres Eigenkapitals verlieren. Auch Geldhäuser in anderen Ländern müssten gewaltige Summen abschreiben.

Nicht zuletzt würde eine Umschuldung Griechenlands neue Spekulationswellen auslösen. "Anleger würden sich fragen: Wenn in Griechenland Schulden aus den Büchern gestrichen werden, warum sollte das gleiche nicht morgen in Portugal oder Spanien passieren?", sagt Weil. Die Risikoaufschläge anderer Staaten würden in die Höhe schnellen. "Eine Umschuldung wäre ein gefährliches Signal für den Euro-Finanzmarkt."

Szenario drei - Griechenland muss die Euro-Zone verlassen

Und dann gibt es noch eine dritte Variante: den Rausschmiss aus der Euro-Zone. "Griechenland hat nicht nur ein Liquiditäts-, sondern auch ein grundsätzliches Wachstums- und Strukturproblem", sagte etwa CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich dem SPIEGEL. Deshalb solle das Land "ernsthaft erwägen, aus dem Euro-Raum auszutreten". Ein solcher Schritt, sagte Friedrich, dürfe "nicht zum Tabu erklärt werden".

Ein Rauswurf zum Wohle der Gemeinschaftswährung? Experten geben diesem Szenario noch weniger Chancen als der Umschuldung. "Nach unserer Auslegung der EU-Verträge darf die EU Griechenland nicht einfach aus der Währungsunion schmeißen", sagt Anleihen-Profi Krygier. "Das Land müsste freiwillig austreten."

Daran aber hat die Regierung in Athen kein Interesse. Denn in diesem Fall würde die Drachme wieder eingeführt - die gegenüber dem Euro rasch an Wert verlöre. Die Folge wäre ein wahrer Run auf die Banken. "Wenn die Griechen erfahren, dass die Drachme wieder eingeführt würde, würde sie sich ihre auf Euro lautenden Bankguthaben auszahlen lassen", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank. Das griechische Finanzsystem würde das kaum überleben.

Für den Rest der Euro-Zone hätte das fatale Folgen. Erinnerungen an die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers würden wach: Wenn griechische Staatsanleihen im Umfang von gut 270 Milliarden Euro nichts mehr wert wären, wenn griechische Banken pleitegingen, müssten Institute weltweit hohe Abschreibungen verkraften. Anleger würden zudem fürchten, dass auch andere Pleitekandidaten bald alleingelassen werden. Die Risikoaufschläge für Länder wie Portugal und Spanien würden steigen.

Viele Experten halten einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone daher für abwegig. "Jegliche Diskussion um Austritte eines Landes aus der Euro-Zone ist vollkommene Utopie", sagte Bundesbank-Chef Axel Weber laut "Financial Times Deutschland" am Rande des G-20-Treffens in Washington.

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