Weibliche Spitzenkräfte EU-Plan für Frauenquote spaltet Schwarz-Gelb

EU-Kommissarin Reding überrascht mit einem radikalen Vorschlag. Sie plädiert vehement für mehr Frauen in Führungspositionen - und droht mit einer Quotenregelung. Für die schwarz-gelbe Koalition kommt das Thema unpassend: Viele Unionsfrauen freuen sich, die FDP aber hält von solchen Gesetzen wenig.
EU-Kommissarin Reding: Galgenfrist bis 2011

EU-Kommissarin Reding: Galgenfrist bis 2011

Foto: STR/ AFP

Whiskey-Mann oder Quotenfrau - ist doch eigentlich egal, sagt Management-Trainerin Marion Knaths. So kontert die Gründerin der Beratung sheboss Kritik an Quotenregeln für die Beschäftigung von Frauen. Es gebe schließlich auch Männer, "die Jobs vor allem wegen der gemeinsamen Whiskey-Abende mit dem Chef bekommen", sagt sie. "Für solche Whiskey-Männer gilt genau wie für Quotenfrauen: Wenn man schlecht ist, ist man die Stelle schnell wieder los."

Knaths hält gesetzliche Vorgaben für Frauen in Top-Positionen überfällig. Zwar werde oft der Eindruck erweckt, dass dadurch jede Menge unqualifizierter weiblicher Führungskräfte auf die Chefsessel gefördert würden. "Doch das ist ein Irrglaube." Es gehe schlicht darum, Frauen gleiche Chancen zu verschaffen. Und weil das von selbst offensichtlich nicht passiere, müsse eben der Gesetzgeber ran.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP)

Der tat sich bisher allerdings schwer mit dem Thema. Bundesjustizministerin erklärte in einem Interview in der "Zeit" kürzlich noch vorsichtig: Es gebe eine neue Selbstverpflichtung der Wirtschaft, deshalb wolle man 2012 noch einmal Bilanz ziehen. "Wenn bis dahin nichts Substantielles geschehen ist, neige ich dazu, gemeinsam mit den Fraktionen über eine gesetzliche Quote zu sprechen." Doch jetzt macht die EU-Kommission Druck - und das könnte die Diskussion in Deutschland nicht nur erneut anheizen, sondern die Regierungskoalition auch vor die nächste Zerreißprobe stellen.

CDU-Frauengruppe will Quotenregelung

Denn EU-Kommissarin Viviane Reding zeigt sich weit weniger geduldig als die deutsche Bundesjustizministerin. Die bisherige Bilanz der Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft sei ernüchternd, sagte Reding am Freitag: "Entweder ergreifen die europäischen börsennotierten Unternehmen freiwillig Maßnahmen, welche den Anteil von Frauen vor allem in Aufsichtsräten substantiell erhöhen, oder die Kommission wird 2012 einen Vorschlag für gesetzgeberische Maßnahmen vorlegen."

Reding

Auch eine konkrete Zielgröße hat bereits parat: Sie will, dass Aufsichtsräte im Jahr 2015 zu 30 Prozent und 2020 sogar zu 40 Prozent aus Frauen bestehen. Das hatte zuvor auch die "Welt" berichtet.

In der Bundesregierung könnte der Vorstoß für Ärger sorgen. Denn in der FDP und den Unionsparteien gehen die Meinungen zum Thema Quote weit auseinander. Bislang gibt es keine einheitliche Sprachregelung: Im Koalitionsvertrag ist lediglich von einem "Stufenplan" die Rede, der zur Erhöhung des Anteils von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten vorgelegt werden soll. Genaue Daten gibt es nicht.

Immerhin hat die Gruppe der Frauen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kürzlich einen Vorschlag gemacht, wie der Plan aussehen könnte: Zunächst sollen demnach Unternehmen offenlegen, wie viele Frauen sie in Führungspositionen haben. Sollte eine entsprechende Selbstverpflichtung der Industrie zur Steigerung dieses Anteils dann bis 2014 keine Wirkung haben, müsse eine gesetzliche Regelung gefunden werden, erläutert die Vorsitzende der Gruppe, Rita Pawelski, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Ziel Unionsfrauen ist ehrgeizig: Bis 2018 wollen sie auf diese Weise für 30 Prozent weibliche Führungskräfte in Unternehmen sorgen. Wie weit diese Vorgabe von der gegenwärtigen Realität entfernt ist, zeigt die SPIEGEL-ONLINE-Übersichtstabelle zur Frauenquote in den Dax-Konzernen (siehe unten).

Der Plan muss allerdings noch durch die eigene Fraktion - und vor allem muss er mit der FDP diskutiert werden. Und auch wenn Pawelski dabei nicht von Streit, sondern nur von "Diskussionsbedarf" reden mag, scheint eine Auseinandersetzung programmiert.

Nicole Bracht-Bendt, frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Liberalen, sagt jedenfalls klar: "Ich bin für eine freiwillige, nicht für eine gesetzliche Frauenquote." In der Frage werde man sich auch von der EU-Kommission nicht unter Druck setzen lassen. "Das kann nicht sein", sagt Bracht-Bendt.

BDI hält gesetzliche Quoten für "überflüssig"

In Deutschland ist das Thema Quote eben auf allen Ebenen ein Reizthema. Live miterleben lässt sich das auch in der CSU: Die Partei ficht gerade einen hitzigen Streit um eine bessere Frauenförderung aus. Im Gespräch ist eine Frauenquote von 40 Prozent bei allen parteiinternen Wahlen. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) ist strikt dafür, Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) hält eine solche Pflichtquote dagegen für nicht praktikabel.

Die Argumente sind die gleichen, die auch hochkommen, wenn es um Quoten für die Privatwirtschaft geht. Gegner verweisen auf das vermeintlich schlechte Image von Quotenfrauen und darauf, das eventuell gar nicht genug weibliche Spitzenkräfte zur Verfügung stünden, um eine hohe Quote zu erfüllen.

Vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) heißt es außerdem: "Gesetzliche Quoten sind überflüssig und unnötig. In den kommenden Monaten werden sich börsennotierte Unternehmen zu der neuen Empfehlung des Deutschen Corporate Governance Kodex äußern und ihre jeweiligen konkreten Ziele zur angemessenen Beteiligung von Frauen in Aufsichtsräten der Öffentlichkeit darlegen." Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) versichert: "Wir sind überzeugt, dass die Vertretung von Frauen in Vorständen in den nächsten Jahren wachsen wird." Frauen brauchten keine Quoten, sondern bessere Chancen und eine gute Infrastruktur etwa für die Kindererziehung.

Aber kann Gleichstellung wirklich auch ohne Quote funktionieren? "Mit Sicherheit", sagt Management-Trainerin Knaths lakonisch. "Die Frage ist nur, wie viele hundert Jahre das noch dauern wird." Es gebe unzählige Studien, welche "die nach wie vor verbreiteten Ausgrenzungsmechanismen zeigen. Da geht es um unterschwellige Verhaltensweisen", sagt Knaths. Es gebe immer wieder Frauen, die diese Muster durchbrechen könnten. "Doch für die Masse ist das nicht der Fall."

Frauenquote in Dax-Konzernen (in Prozent)

Top-Management (Vorstand) obere Führungsebene mittlere Führungsebene mittlere und obere Führungsebene
Adidas 0,0 k.A. k.A. 31,0
Allianz 0,0 13,1 24,3. 22,5
BASF 0,0 6,5 24,0 k.A.
Bayer 0,0 k.A. k.A. 16,0
Beiersdorf 0,0 26,0 24,0 k.A.
BMW 0,0 k.A. k.A. 8,0
Commerzbank 0,0 k.A. k.A. k.A.
Daimler 0,0 8,0 12,0 k.A.
Deutsche Bank 0,0 k.A. k.A. 16,0
Deutsche Börse 0,0 k.A. k.A. 16,0.
Deutsche Post 0,0 25,7 37,6 k.A.
Deutsche Telekom 0,0 13,0 16,0 geplant: 30,0
E.on 0,0 6,0 12,0 k.A.
Fresenius Medical Care 0,0 0,0 25,0 k.A.
Henkel * 0,0 0,0 k.A. 27,5
Infineon 0,0 5,6 9,0 k.A.
K+S 0,0 k.A. k.A. 5,0
Linde 0,0 k.A. k.A. 10,0
Lufthansa 0,0 k.A. k.A. 15,0
MAN 0,0 k.A. k.A. k.A.
Merck 0,0 k.A. k.A. 12,4
Metro 0,0 k.A. k.A. 18,0
Münchener Rück 0,0 k.A. k.A. k.A.
RWE 0,0 k.A. k.A. 10,0
Salzgitter 0,0 k.A. k.A. 5,3
SAP 0,0 k.A. k.A. k.A
Siemens 12,5 k.A. k.A. 8,0
ThyssenKrupp 0,0 6,0 k.A. k.A.
Volkswagen 0,0 k.A. k.A. 9,9
Quelle: Angaben der Unternehmen, Stand: 15.3.2010
* Henkel ist der einzige Konzern mit einer Frau als Chef des Aufsichtsrats.
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