Niedergang der Kleinkunsthändler "Weihnachtsmarkt ist mehr als ungesundes Essen und Alkohol"

Bildhauer Martin Sprave hat drei Jahrzehnte seine Kunst auf Weihnachtsmärkten verkauft. Weil die Menschen dort immer mehr Geld für Essen und Trinken ausgeben, lohnt sich das nicht mehr.
Kleinkunst zur Weihnachtszeit

Kleinkunst zur Weihnachtszeit

Foto: imago/ robertharding

SPIEGEL ONLINE: Herr Sprave, warum sollte man auf dem Weihnachtsmarkt etwas anderes kaufen als Glühwein?

Sprave: Weil ein Weihnachtsmarkt auch immer Gelegenheit für besondere Kunst zum Anfassen und Anschauen und nicht nur für ungesundes Essen und Alkohol bieten sollte.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass die Menschen auf Weihnachtsmärkten kaum noch Geld für Kunst ausgeben?

Sprave: Wenn man nichts verkauft, dann liegt das in erster Linie an einem selbst. Vielleicht daran, dass die Zeit für individuelles Kunsthandwerk auf Weihnachtsmärkten vorbei ist und nicht mehr den Nerv der Zeit trifft.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die Gründe also ausschließlich bei sich selbst?

Sprave: Es gibt sicherlich auch andere Erklärungen: In Köln etwa haben wir die immer strengeren Begrenzungen beim Fluggepäck sehr stark zu spüren bekommen. Ausländische Touristen haben früher tütenweise gekauft, zuletzt kaum noch. Es gibt mittlerweile so viele Weihnachtsmärkte, da fahren die Touristen von der einen Stadt in die nächste: in Dortmund die illuminierte Tanne, in Köln der Dom. Das ist dann auch eine Reizüberflutung.

Zur Person

Martin Sprave, Jahrgang 1959, ist Bildhauer aus Herdecke, südlich von Dortmund. Fast drei Jahrzehnte hat er auf den größten Weihnachtsmärkten des Landes gemeinsam mit seiner Frau Diane Tafel handgefertigte Kunst verkauft. Beide sind Bildhauer und Diplom-Designer und arbeiten nun vermehrt an Kunst in ihrem eigenen Atelier.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie verkauft?

Sprave: Selbstgefertigtes Kunsthandwerk und Kunstobjekte aus Keramik oder Porzellan. Drolerien, klassische Arbeiten aus Gips, Schmuck, Reliefbilder - all das.

SPIEGEL ONLINE: Sie standen mit ihrer Kunst fast 30 Jahre auf den größten Weihnachtsmärkten des Landes - lange in Dortmund und Köln. Warum jetzt nicht mehr?

Sprave: Weil sich die Zeiten geändert haben. Als ich angefangen habe - besonders in den Neunzigerjahren - waren die Märkte ein Sammelbecken von Kunsthandwerkern, Marionettenbauern und Glasbläsern. Auch auf den großen Weihnachtsmärkten, etwa am Kölner Dom. Die Verkaufszahlen und Umsätze damals waren gigantisch.

SPIEGEL ONLINE: Was ist heute anders als in den Neunzigerjahren?

Sprave: Heute ist der Weihnachtsmarkt mehr eine Eventveranstaltung - ein bisschen wie eine Betriebsfeier. Es wird sich am Glühweinstand getroffen: viel gegessen, viel getrunken. Man geht heute auf den Weihnachtsmarkt, um sich zu amüsieren. Nicht, um sich für Kunst und Kunsthandwerk zu begeistern. Und wenn doch, dann eher, um für den Onlinekauf Ausschau zu halten, um nichts herumschleppen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel haben Sie am Ende weniger verdient, verglichen mit den Anfangsjahren?

Sprave: Zum Schluss war es vielleicht noch ein Drittel von dem, was wir früher verdient haben. In den Hochzeiten gab es Kollegen, die konnten von einem Weihnachtsmarkt ein ganzes Jahr leben. Mit der Zeit wurden nicht nur die Kunden weniger, sondern auch die Standgebühren immer höher: Kunsthandwerker zahlen zwischen 3000 bis 8000 Euro an Standgebühren, je nach Markt und Stadt. Für uns hat das am Ende einfach keinen Sinn mehr gehabt, wir hätten auch Zeitungen austragen können.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihnen fehlt all das gar nicht?

Sprave: Nein, wirklich nicht. Sie müssen sich vorstellen, dass die Arbeit für uns häufig schon im Oktober begonnen hat: Packen, Dekoration der Stände. Schluss war häufig erst Mitte Januar. Den ganzen Tag in der Hütte stehen, oft bei schlechtem Wetter, das zehrt auch. Heute sitzen meine Frau und ich in unserem warmen Atelier, arbeiten an unserer Kunst und hören Podcast - das ist wie Urlaub.

SPIEGEL ONLINE: Also nie wieder Weihnachtsmarkt, Herr Sprave?

Sprave: Das würde ich nicht sagen. Kleine, persönliche Kunsthandwerker-Märkte - gerne auch zur Weihnachtszeit -, die sind für uns auch jetzt noch interessant. Aber die Plätze sind sehr begehrt.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie, wie bekommt man Kunsthandwerker zurück auf die Weihnachtsmärkte?

Sprave: Das ist eine schwierige Frage. So viele Kunsthandwerker suchen nach Möglichkeiten, um ihre Arbeiten außerhalb des Netzes verkaufen zu können. Ich fände es allein wichtig, um der jüngeren Generation zu zeigen, was man handwerklich noch alles herstellen kann; dass nicht alles aus Asien kommen muss. Dafür jedoch muss sich das gesellschaftliche Bewusstsein für die Wertigkeit von Kunst wieder ändern.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie selbst denn in diesem Jahr schon auf dem Weihnachtsmarkt?

Sprave: Nein, und da bin ich auch nicht unglücklich drüber. Ich habe 1989 gemeinsam mit meiner Frau Diane begonnen, unsere Kunst auf Weihnachtsmärkten zu verkaufen. Seitdem haben wir jedes Jahr vier, fünf Wochen auf Märkten in ganz Deutschland verbracht. Glauben Sie mir, da freuen wir uns wirklich, mal nicht auf dem Weihnachtsmarkt sein zu müssen - weder als Händler noch als Besucher.