Weltgrößter Waffendeal Kampfjet-Firmen buhlen um Indiens Gunst

Indien rüstet auf: Die Luftwaffe will 126 neue Kampfjets kaufen. Hersteller aus aller Welt konkurrieren um den milliardenschweren Auftrag, darunter das Eurofighter-Konsortium. Es geht um den größten Rüstungsdeal der Welt - hinter den Kulissen findet ein PR-Theater statt.

AFP

Von , Islamabad


Wenn in diesen Tagen über Bangalore im Süden Indiens, über die Wüste Thar im nordwestindischen Bundesstaat Rajasthan oder über die Himalaya-Höhen in Ladakh ein Flugzeug donnert, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit ein Kampfjet vom Typ Boeing F/A-18. Die Amerikaner haben den Indern Mitte August zwei Maschinen zur Verfügung gestellt, um sie ausgiebig zu testen.

Das indische Verteidigungsministerium will zu der Sache nichts sagen, es geht schließlich um die Sicherheit des Landes. Einig sind sich die Militärexperten in Neu-Delhi lediglich darin, dass die Luftwaffe dringend modernisiert werden muss. Die derzeitige Kampfjetflotte besteht überwiegend aus älteren Maschinen russischer, teils noch sowjetischer Produktion. Da Pakistan und China, die beiden Nachbarstaaten, die in Neu-Delhi als Bedrohung angesehen werden, ihre Arsenale erneuern, besteht also Handlungsbedarf. Seit den Anschlägen in Mumbai im November 2008 steht es ohnehin nicht zum Besten in den Beziehungen zu Pakistan, das Verhältnis zu China ist derzeit wegen Streitigkeiten an der Grenze zu Tibet gespannt.

Bevor frühestens 2011 eine Entscheidung für den Kauf von 126 neuen "Mehrzweck-Kampfflugzeugen" fällt, wollen die Kampfpiloten der Indian Air Force auch die F-16 des US-Herstellers Lockheed Martin, den Eurofighter Typhoon, an dem EADS beteiligt ist, den Gripen von Saab aus Schweden, den französischen Rafale von Dassault und die russische MiG-35 den Tests in der Wüstenhitze und in eisigen Höhen unterziehen. Danach gibt die Luftwaffe der Regierung eine Kaufempfehlung.

Die Rüstungshändler wissen, dass die technischen Fähigkeiten der Flugzeuge längst nicht das einzige Kriterium sind. Denn bei der Qualität, sagen Fachleute, unterscheiden sich die Maschinen kaum. "Letztlich werden der Preis sowie politische Überlegungen den Ausschlag geben", erklärt Rahul Bedi vom Fachmagazin "Jane's Defence Weekly". Jetzt sei es allerdings noch zu früh, um abzuschätzen, wer die Nase vorn haben wird.

Unterhändler rühmen die Vorzüge ihrer Flugzeuge

Deshalb senden die internationalen Rüstungskonzerne Marketingteams nach Indien, eröffnen repräsentative Büros und geben Millionen von Dollar für die Selbstdarstellung auf Flugzeugshows aus. Die PR-Maschinerie läuft auf Hochtouren, schließlich geht es um den derzeit größten Rüstungsdeal der Welt und den größten in der Geschichte Indiens: Knapp elf Milliarden Dollar schwer ist der Auftrag Schätzungen zufolge, die indische Luftwaffe soll runderneuert werden.

Im Laufe der kommenden fünf Jahre will das südasiatische Land insgesamt sogar 30 Milliarden Dollar für neue Rüstung ausgeben - mit dem wirtschaftlichen Gewicht soll auch das militärische zunehmen, heißt es in Regierungskreisen. So sollen neben den im Ausland zu kaufenden Militärflugzeugen auch Kampfjets aus der Produktion von Hindustan Aeronautics Limited die Geschwader verstärken, außerdem plant Indien den Kauf von 22 Kampfhubschraubern und 15 großen Transporthelikoptern - auch hier bewerben sich Amerikaner, Europäer und Russen.

Die Unterhändler von Lockheed Martin werden nicht müde zu betonen, dass ihre F-16 Standards setze und immerhin schon 4300 Stück an 24 Staaten verkauft wurden. Die Russen haben dagegen erst rund 1500 Maschinen ihres Standardmodells MiG-29 verkauft, dafür aber schon an 25 Staaten. Das MiG-Modell, für das sich Indien interessiert, ist eine Weiterentwicklung dieses Jets, die MiG-29 fliegen die Inder schon seit vielen Jahren - sie haben allerdings keine allzu guten Erfahrungen damit gemacht. "Zu wartungsintensiv, zu viele Abstürze", fasst ein ranghoher Offizier zusammen.

Indische Generäle unterhalten gute Kontakte nach Moskau

Und die Franzosen, die angeblich wegen eines schlampigen Angebots schon aus dem Rennen waren und nur dank politischer Intervention aus Paris in Neu-Delhi wieder berücksichtigt wurden, protzen, schon 7300 Flugzeuge in 73 Länder verkauft zu haben. Dass darunter kein einziges ein Modell vom Typ Rafale war, sagen die Leute von Dassault lieber nicht zu laut. Zwar haben Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Libyen und die Schweiz Interesse bekundet, aber entschieden hat sich noch keines dafür. Nur die französische Luftwaffe selbst fliegt Rafale - und hat damit, wie in Paris betont wird, gute Erfahrungen in Afghanistan gemacht.

Dass die indischen Generäle wie in Zeiten des Kalten Krieges immer noch vor allem nach Moskau schauen, wollen die Franzosen nicht glauben. Indien fliege bereits Mirage-Modelle von Dassault, also, glaubt man, stünden die Chancen nicht schlecht.

Das denken auch die Schweden mit ihrem wohl preisgünstigsten Angebot in diesem Wettbewerb. Der Saab Gripen, der wie die F-16 nur ein Triebwerk hat und allein deshalb rund 20 Prozent billiger ist als der Durchschnitt der Konkurrenten, ist gleichwohl auch kein Exportschlager. Bislang haben neben den Schweden Thailand, Südafrika, Ungarn und Tschechien das Modell im Dienst, auch Brasilien zeigt Interesse - hier ist Saab bereit, im Falle einer Zusage einen Teil der Produktion nach Lateinamerika zu verlegen.

Indien gilt als Boom-Markt für Rüstungsgüter

Ähnliches ist in Indien zu erwarten. Um eine Herstellung auf dem Subkontinent wird der Gewinner der jetzigen Ausschreibung wohl nicht herum kommen. Neu-Delhi möchte, wie zu hören ist, höchstens 25 Maschinen kaufen, die im Land des Herstellers gebaut werden. Der Rest soll in Indien selbst gefertigt werden. Für die Produzenten bedeutet dies einen Technologietransfer - und einen schwächeren Impuls für die Beschäftigung im Heimatland. Aber dafür garantiert der Deal volle Auftragsbücher und eine zukunftsträchtige Zusammenarbeit. Gilt Indien doch als Boom-Markt für Rüstungsgüter aller Art.

Das europäische Konsortium aus Deutschen, Briten, Italienern und Spaniern, das den Eurofighter Typhoon herstellt, ist offensichtlich sogar bereit, seine ohnehin schon komplizierten Produktionsstrukturen in diesen vier Ländern aufzubrechen und Indien als Partner einzubinden. Die Zugeständnisse, die die Europäer machen müssen, könnten beträchtlich sein. Denn der Eurofighter ist extrem teuer - so teuer, dass die Beteuerungen, es sei das modernste und beste Flugzeug, kaum ausreichen dürften, die Inder zu überzeugen.

Im Gegensatz zu den beiden amerikanischen Anbietern, die mit jahrzehntealten Modellen im Rennen sind, bei denen die Preisgabe von technologischem Wissen nicht mehr so viel ausmacht, ist der Eurofighter ein relativ neues Flugzeug. Aber ohne Technologietransfer, das machen die Inder deutlich, gibt es keinen Zuschlag. Das Eurofighter-Konsortium braucht diesen Zuschlag dringend, da die beteiligten Länder ihre eigenen Kaufaufträge angesichts leerer Kassen gekürzt haben. Womöglich hilft auch die Politik nach, indem sie beispielsweise im Gegenzug Indiens Bemühungen um einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat unterstützt.

Boeing ist guten Muts

Auch die US-Politik mischt kräftig mit im Jet-Poker. Washington setzt auf die Annäherungen der vergangenen Jahre, man will Indien, einst traditionell ein Partner der Sowjetunion, enger an sich binden. Glaubt man den Prognosen der Ökonomen, soll das Land in den kommenden Jahrzehnten zu einer der weltgrößten Volkswirtschaften heranwachsen.

Bis 2001 untersagten die USA ihren Waffenschmieden wegen der indischen Atomtests 1998 jegliche Rüstungsgeschäfte mit Indien. In Neu-Delhi hat man das den Amerikanern inzwischen verziehen, doch das massive finanzielle Engagement der USA in Pakistan beobachtet man argwöhnisch. Mit einem Abkommen über die Lieferung von Atomtechnik zur zivilen Nutzen an Indien noch unter US-Präsident George W. Bush schlugen die USA einen neuen Kurs ein. Außenministerin Hillary Clinton rang den Indern kürzlich sogar das Zugeständnis ab, dass amerikanische Inspektoren Rüstungsgüter in Indien aus US-Produktion gelegentlich kontrollieren dürfen. Lange hatte sich Neu-Delhi gegen diese Art der Einmischung gesträubt.

Boeing ist denn auch guten Muts. Nach der Terrorserie auf Mumbai, bei der die Angreifer von Pakistan aus per Boot in Indien angelandet waren, entschloss sich die indische Regierung zum Kauf von Seefernaufklärungsflugzeugen. Und kürzlich wurde die alte russische Präsidentenmaschine ausgetauscht. In beiden Fällen zogen die Amerikaner den Auftrag an Land.



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Seite 1
hans hoch, 26.05.2006
1. kleine läden
auf dem lebensmittelsektor wäre das auch für deutschland gut gewesen-so wie es früher war. mehr arbeitsplätze, keine verödeten dörfer und städte keine manipulation des verbraucherverhaltens kleine wege. das indien sich wehrt ist verständlich. die inder sind hochintelligent ,selbstbewusste und freundliche leute.dort gab es schon immer eine hochkultur auf die man auch stolz ist.in den augen der gebildeten inder belächelt man uns eher.
carranza 26.05.2006
2. Erstaunliches Marktmodell
Sobald die Konzerne auf dem Markt sind, werden viele kleinere Läden das Nachsehen haben, denn sie können preislich nicht mithalten. Einerseits gut für den Verbraucher, andererseits werden im Handel viele Arbeitsplätze vernichtet, denn der Verbraucher wird dadurch das es mehr Anbieter gibt nicht mehr kaufen. Die einzige Chance des Einzelhandels könnte sich dann aus dem Verkehrsstau zur grünen Wiese ergeben. Bemerkenswert, dass in Indien wenigstens 18% der Bevölkerung zum Mittelstand zählt. Der tendiert doch in den meißten Schwellenländern seit langer Zeit eher gegen 0%.
JanSouth 26.05.2006
3.
---Zitat von hans hoch--- in den augen der gebildeten inder belächelt man uns eher. ---Zitatende--- Das zeugt nicht gerade von Bildung ;-)
Triakel 26.05.2006
4.
Alle Welt spricht von China. Da ist es kein Wunder, dass Indien unterschätzt wird. Mit 300 000 neuen Ingenieuren pro Jahr macht sich Inden auf den (noch langen) Weg in eine Zukunft, in der Wissen, Information und Technologie eine wichtige Rolle spielen. Zur Mitte des Jahrhunderts wird Indien etwa 1,6 Milliarden Einwohner haben. Mit über 500 EW pro Quadratkilometer ist die Bevölkerungsdichte dann deutlich mehr als doppelt so hoch, wie jetzt in Deutschland. Allerdings mit dem Unterschied, dass das indische Territorium auch Wüstengebiete, Hochgebirge, Überschwemmungsgebiete und andere weniger besiedelbare und wirtschaftlich nutzbare Gebiete umfasst. Der Anteil der Stadtbewohner liegt jetzt bei ca. 32%, in 45 Jahren dürfte er bei mindestens 50% liegen. Also dürfte die Stadtbevölkerung von 350 Millionen auf dann gigantische 800 Millionen ansteigen. Zusammen mit der Urbanisierung in China ist es das bei Weitem größte Städtebauprogramm der Menschheitsgeschichte. Stadtbewohner verbrauchen im Durchschnitt in den Entwicklungsländern deutlich mehr Energie, Rohstoffe, Wasser etc. als die Landbevölkerung. Die Motorisierungsrate ist gegnwärtig eine der Geringsten weltweit. Auch hier wird es zu einer gewaltigen Ausweitung des Fahrzeugbestandes kommen. Mittelfristig dürften sich die Wachstumsraten des BIP zwischen 7 und 10 % bewegen und der indische Binnenmarkt immer bedeutsamer werden. Auch die Exportkraft des Landes wird zunehmen, insbesondere von industriellen Gütern. Im Softwarebereich ist Indien ja schon jetzt sehr stark aufgestellt. Trotz der hervorragenden mittelfristigen Aussichten sind die Risiken für die weitere Zukunft sehr hoch. Überbevölkerung, zunehmende Abhängigkeit von immer größeren Nahrungsmittelimporten, Rohstoff- und Energieknappheit, ökologische Probleme, Wassermangel, Verkehrsinfarkte mit zunehmender Motorisierung und Anderes düften den Indern zur Mitte des Jahrhunderts zunehmend das Leben erschweren. Weniger als 3,3 Millionen Quadratkilometer Oberfläche sind sehr wenig für ein Volk von später 1,6 Mrd. Menschen, die (gerechtfertigterweise) immer größere materielle Bedüfnisse haben werden.
JanSouth 26.05.2006
5.
---Zitat von Triakel--- Trotz der hervorragenden mittelfristigen Aussichten sind die Risiken für die weitere Zukunft sehr hoch. ---Zitatende--- Naja, die Inder (und auch die Chinesen mit ähnlichen Problemen) werden das schon überstehen. Ist ja nicht so, daß beide Länder kurz vor dem Kollaps stünden.
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