Stimmung nach dem WM-Sieg Meckern ist Teil des deutschen Erfolgsprinzips

Die Wirtschaft brummt, die Steuereinnahmen sprudeln, jetzt sind wir auch noch Weltmeister: Deutschland ist ein Land im Glück - dessen Fortkommen wohl auch darauf beruht, dass es aus Selbstzweifeln sehr viel Energie bezieht.
Arbeiterin bei Volkswagen in Wolfsburg: Abwehrreflex von Lobhudelei

Arbeiterin bei Volkswagen in Wolfsburg: Abwehrreflex von Lobhudelei

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Hamburg - Ein Kater muss nicht immer unangenehm sein. Im besten Fall ist er so wie ein Muskelkater: die Erinnerung an einen am Vortag errungenen Erfolg. Mit diesem Gefühl dürften am Montag Millionen von Deutschen aufgewacht sein. Kopfschmerz, aber glücklich.

Wir sind Weltmeister - an so viel wird sich noch das größte Feierbiest erinnern. Doch bedeutet das auch etwas fürs Land? Und falls ja: was? Wer zu Wochenbeginn schon wieder zu solch philosophischen oder auch psychologischen Fragen in der Lage war, fand eine mögliche Antwort im britischen "Guardian".

"WM-Sieg belegt die deutsche Überlegenheit in fast allem", titelte die Zeitung online . In "typisch methodischer Manier" habe sich das Land erneuert, seit es der ebenfalls britische "Economist" 2000 als "kranken Mann Europas" schmähte. Es gebe "verblüffende Parallelen der Philosophien hinter Deutschlands wirtschaftlichem und fußballerischen Aufschwung". Noch etwas weiter geht die "New York Times"  in ihrer Schlussfolgerung: "Deutsche sehen Weltmeistersieg als Symbol globaler Macht".

Fraglos läuft es für Deutschland derzeit nicht nur im Fußball besser als in den meisten anderen Ländern: Die Wirtschaft sorgt nahezu im Alleingang für Wachstum in der Eurozone. Zwölf der 15 beliebtesten Marken des Kontinents kommen aus Deutschland. Auch im globalen Wettbewerb laufen die Geschäfte gut - dank Mittelständlern, die bei Lippenstiftabfüllmaschinen ebenso Marktführer sind wie bei Tunnelbohranlagen. Die Beschäftigung ist auf Rekordniveau, erstmals seit vier Jahrzehnten könnte das Land ohne neue Schulden auskommen.

Merkel gibt den Schutzengel

Die Bürger hoffen, dass es so weitergeht. Jeder Zweite blickt laut Zahlen des Allensbach-Instituts optimistisch in die nahe Zukunft - in Krisenzeiten war es nicht mal jeder Dritte. Von der Grundstimmung profitiert die Regierung: Mit 71 Prozent Zustimmung ist Bundeskanzlerin Angela Merkel die beliebteste Politikerin. "Die Deutschen erleben das eigene Land als Hort der Stabilität und Angela Merkel als nationalen Schutzengel", sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Mitbegründer der Marktforschungsfirma Rheingold.

Fotostrecke

Kloses Rekord, Suárez' Biss, Ochoas Reflexe: Das sind die besten WM-Momente

Foto: Koen Van Weel/ dpa

Doch die jetzt vom "Guardian" zitierten politischen Reformen liegen bereits etliche Jahre zurück. Die Große Koalition dreht einen Teil von ihnen gerade wieder zurück und erkauft sich ihre Beliebtheit mit dem Umsetzen teurer Wahlversprechen. Den ausgeglichenen Haushalt verdankt sie nicht etwa eigenen Reformanstrengungen, sondern rekordverdächtigen Einnahmen, die auch wegen des Verzichts auf Steuersenkungen sprudeln.

Und so wie die Nationalmannschaft im Turnier wiederholt von der Schwäche anderer Mannschaften profitierte, so profitiert auch die deutsche Wirtschaft von den derzeit schwachen europäischen Nachbarn: Ohne den Euro wären deutsche Exporte derzeit viel teurer, weil eine rein deutsche Währung angesichts der bundesrepublikanischen Handelsüberschüsse deutlich aufwerten würde. Und ohne die Rettungspolitik der Europäischen Zentralbank wären die Zinsen nicht so niedrig und Kapitalanlagen in Deutschland nicht so gefragt.

Niedriger Eurokurs und niedrige Zinsen tragen zum deutschen Boom mindestens ebenso stark bei wie die Früchte vergangener Reformen. Geraten all diese glücklichen Umstände jetzt in Vergessenheit? Der Blick auf die Weltmeisterschaft spricht eher dagegen.

Energie aus Selbstzweifeln

Als es zwischendrin nicht so gut lief, stellten viele umgehend die Taktik von Bundestrainer Joachim Löw in Frage und beklagten das fruchtlose Schönspielen. Löw wiederum zeigte sich durchaus lernfähig und vermied bis zum Abpfiff am Sonntag jedwedes Anzeichen vorzeitiger Freude. Auch wenn die Deutschen schöner spielten als früher, so musste doch stets betont werden, dass dies vor allem das Ergebnis jahrelanger Arbeit sei. Spätestens als Torwart Manuel Neuer sich noch bei einer Führung von 7 zu 0 wie Rumpelstilzchen über ein Gegentor ärgerte, mag mancher im Publikum gedacht haben: How very German!

Auch die deutschen Medien sparen nicht mit Kritik am uninspirierten Ballgeschiebe der Großen Koalition. Offenbar ist das Meckern Teil des deutschen Erfolgsrezepts. "Wir beziehen aus dem Selbstzweifel eine ungeheure Energie", sagt Psychologe Grünewald. "Im Ausland wird das oft als 'German Angst' diskreditiert, aber es ist die Vorstufe unserer Schöpferkraft." Auch gegenüber zu viel Lobhudelei von außen gebe es einen "fast natürlichen Abwehrreflex".

Falls die Deutschen diesen Reflex nach dem WM-Sieg verlernen, sollten sie sich manche Lobhudelei etwas genauer anschauen - etwa die von Rihanna. Die textilscheue R'n'B-Sängerin hatte sich zum Finale auf Twitter als großen Deutschlandfan gezeigt und neben diversen Selfies mit Nationalspielern auch ein Profilbild von sich im schwarz-rot-goldenen Badeanzug gepostet - mit der Bildunterschrift "für meine deutschen Jungs". Aus Rumpelfüßlern schienen endgültig Rockstars geworden zu sein.

Tatsächlich hatte sich Rihanna noch eine Woche zuvor jedoch im rot-weiß-blauen Badeanzug präsentiert. Bildunterschrift damals: "Für meine holländischen Jungs!!!"

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.