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Weltsozialforum 2013: Eine Konferenz, viele Anliegen

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Weltsozialforum Vom Westen lernen, heißt Fehler machen

Auf dem Weltsozialforum in Tunesien treffen sich Zehntausende Kapitalismus- und Globalisierungskritiker. Gleichzeitig liefert das Land ein Musterbeispiel dafür, wie begeistert Schwellenländer den Wachstumsweg des Westens imitieren - Fehler inklusive.

Mit lauter Stimme prangert Mounir Hassine die Arbeitsbedingungen in der tunesischen Textilbranche an - der wichtigsten Industrie des Landes. Fast 2000 Textilfabriken gibt es derzeit in Tunesien, "185.000 Menschen arbeiten in der Branche", sagt Hassine, "fast alle sind prekär beschäftigt". Hassine vertritt die tunesische Arbeits- und Sozialrechtsorganisation FTDES, und er spricht auf dem Weltsozialforum über die Beschäftigungsverhältnisse von Frauen in der Textilindustrie.

Das größte Problem: Die meisten Unternehmen beschäftigen ihre Mitarbeiter nur mit Zeitverträgen, die alle paar Monate verlängert werden. Erst nach vier Jahren müssen sie ihren Angestellten eine Festanstellung geben. Dann aber firmieren viele Firmen einfach um - und das Spiel mit den Zeitverträgen beginnt von Neuem. Absolut legal, klagt Hassine, und kaum ein Mitarbeiter wehre sich, die meisten kämen aus dem Landesinneren und seien jung und ungebildet.

Anders sei das bei einigen ausländischen Unternehmen, räumt Hassine ein. So produziert beispielsweise die deutsche Gonser Group gut 80 Kilometer vor der Hauptstadt Tunis seit bald zwanzig Jahren Kleidung und beschäftigt bis zu 2500 Mitarbeiter im Land. Unter den Auftraggebern des Familienunternehmens mit rund 50 Millionen Euro Jahresumsatz sind bekannte Namen wie Diesel oder Benetton.

Durch die Produktion im kleinen Städtchen Korba führt der Juniorchef Florian Gonser: Hier dampfen riesige 100-Kilo-Waschmaschinen und Trockner, Maschinen zischen, Nähmaschinen rattern. Hier werden Jeans gefärbt, gewaschen, kontrolliert und vor allem bearbeitet. Die 700 Mitarbeiter am Standort geben den Hosen ihren speziellen Look, indem sie sie mit Schleifpapier bearbeiten, mit Steinen oder Ozon waschen, sie vor dem Waschen zusammenbinden oder abnähen. "Eine Jeans geht durch 30 bis 40 Hände", sagt Gonser.

Zum Beispiel durch die von Imen Gazouini - sie knetet Falten in eine mit Harz getränkte Jeans. Anschließend wird die Hose in einem Ofen erhitzt: "3-D-Effekte" nennt die 28-Jährige die dauerhaften Knicke in der Hose. Seit fünf Jahren arbeitet sie hier. "Ich mag meine Arbeit, die Atmosphäre ist gut, die Chefs sind freundlich", sagt sie. Tatsächlich wirkt die Stimmung entspannt, fröhlich sogar. 70 Prozent der Belegschaft sind weiblich. Eine Arbeiterin wie Gazouini verdient rund 380 Dinar im Monat, das entspricht rund 190 Euro, und hat Anspruch auf 30 Tage Urlaub.

Roter Teppich für ausländische Firmen

"Für uns hat die Revolution eigentlich nichts geändert", sagt der Gonser-Geschäftsführer in Tunesien, Steffen Wäger. Zwar seien die Löhne in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen, gleichzeitig habe aber der Tunesische Dinar an Wert verloren. Einen einzigen Streik habe es gegeben, der aber nach einer Dreiviertelstunde beendet war: "Wir haben mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt und eine Lösung gefunden."

"Die deutschen Unternehmen haben einen guten Ruf hier", glaubt Juniorchef Ganser, seine Eltern leben seit rund 15 Jahren dauerhaft in Tunesien. Das langfristige Engagement habe sich auch während der Revolutionswirren ausgezahlt: Viele Mitarbeiter seien tagelang in der Firma geblieben, hätten dort auch übernachtet, um die Werke vor möglichen Angriffen zu schützen.

Die tunesische Regierung hat ausländischen Firmen schon vor gut vierzig Jahren den roten Teppich ausgerollt. 1972 wurde die Offshore-Regelung eingeführt: Ausländische Firmen arbeiten in Tunesien, befinden sich aber faktisch im Ausland, die Vorprodukte werden zollfrei ein-, die fertigen Waren zollfrei ausgeführt. Dazu kommen großzügige Steuerermäßigungen - und es sieht nicht so aus, als ob eine neue Regierung das Modell antasten wird.

Mehr als 250 deutsche Firmen sind vor Ort, Automobilzulieferer wie Leoni, mit 45.000 Beschäftigten der größte deutsche Arbeitgeber im Land. Steiff-Tiere werden vor Ort produziert, auch Dr. Oetker ist im Land und der Spielzeugfabrikant Schleich. Gleichzeitig sei Europa nah, die kulturelle Distanz klein, sagt die Geschäftsführerin der deutsch-tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK) Dagmar Ossenbrink. Seit elf Jahren ist Ossenbrink in Tunis und wäre eigentlich schon wieder weitergezogen, wäre da nicht die Revolution gewesen. "Die zweite in meinem Leben", sagt die gebürtige Jenaerin.

Tunesien braucht Arbeitsplätze

Für die deutschen Unternehmen, die im Land produzierten, habe sich durch die Revolution tatsächlich wenig verändert, bestätigt Ossenbrink. Mit Ausnahme der Tourismusbranche: Die hohe Arbeitslosigkeit sei vor allem den ausbleibenden Urlaubern geschuldet.

Das größte Problem aber, sagt Ossenbrink, sei die Ausbildungssituation: Viele Arbeitslose stehen vielen offenen Stellen gegenüber - beide aber passen nicht zusammen. Die AHK versucht jetzt, beides zusammenzubringen, mit mehreren von der Bundesrepublik finanzierten Programmen. Auch Gonser-Geschäftsführer Wäger saß bereits mit Bundestagsabgeordneten zusammen. Ziel ist es, in Tunesien irgendwann eine duale Berufsausbildung nach deutschem Modell einzuführen.

Bedenklich, sagen ausländische Geschäftsleute, sei allerdings das Konsummodell, das die Industriestaaten nach Tunesien exportiert haben: Weil die Menschen immer mehr Produkte kaufen, die auch Folgekosten nach sich ziehen, wie beispielsweise Handys, brauchten sie auch immer mehr Geld. Gleichzeitig seien die Banken viel schneller bereit, Kredite zu geben.

Es klingt, als feiere das Gesellschaftsmodell, das in den Industriestaaten die globale Finanzkrise ausgelöst hat, seine Wiederkehr in Tunesien. Das Weltsozialforum findet offenbar genau am richtigen Ort statt.

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