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Armut: Kinderarbeit in Nicaragua

Foto: Christliche Initiative Romero

Weltweite Ausbeutung Christen wollen Kinderarbeit legalisieren

Weltweit schuften 215 Millionen Minderjährige, und die Zahl könnte noch steigen. Doch mit einer Ächtung der Kinderarbeit ist es nicht getan, sagt eine christliche Hilfsorganisation - sie setzt sich für die Legalisierung ein und will so Ausbeutung verhindern.
Von Kerstin Schulz

Berlin - Wenn Francis Estefania Zeas über sexuellen Missbrauch spricht oder über die prekären Zustände in Nicaragua, dann vergisst man für einen Augenblick, dass sie erst 14 ist. Sie erzählt ruhig, mit fester Stimme. Ihr Ausdruck ist ernst, die Worte eindringlich. Francis weiß, wovon sie redet. In ihrer Heimatstadt Jinotega gibt es viele Kinder, die arbeiten. Viele unter ausbeuterischen Bedingungen. Aber Francis weiß auch, dass die Familien auf das zusätzliche Einkommen der Kinder angewiesen sind. Deswegen kämpft sie für ihre Rechte - und die arbeitender Kinder.

Francis Estefania Zeas ist die Jüngste in ihrer Familie. Mit ihrer Mutter und vier Geschwistern lebt sie bei der Tante. Die Mutter ist Verkäuferin, ihre Brüder arbeiten auf dem Bau. Jeden Morgen steht Francis um 6 Uhr auf und hilft ihrer Mutter im Haushalt. Um 7 Uhr geht sie in die Schule, den Nachmittag verbringt sie zumeist in einem Jugendclub, berichtet als Jungjournalistin über die Situation nicaraguanischer Kinder. Anschließend liefert sie Tortillas aus, die ihre Tante in den frühen Morgenstunden backt. Rund eine Stunde lang, jeden Tag, seit ihrem zehnten Lebensjahr.

Umgerechnet verdient Francis 40 Cent. An manchen Tagen etwas mehr, wenn sie Besorgungen für ihre Nachbarn macht. Dann kauft sie Zucker oder Mehl. Was sie verdiene, sei für ihren Gebrauch bestimmt. Kleidung, Schulhefte, ihre Schuluniform. Würde sie nicht arbeiten gehen, könne sie sich ihre Sachen nicht leisten, sagt sie. Nach der Arbeit macht sie noch Hausaufgaben, erst am späten Abend geht sie schlafen.

Es ist ein bekanntes Dilemma. Wie Francis ergeht es vielen Kindern - nicht nur in Nicaragua. Ihre Eltern verdienen so wenig, dass sie auf das Einkommen ihrer Kinder angewiesen sind. Kinderarbeit daher gänzlich zu verbieten, schade den Kindern mehr als es nützt, sagt Johanna Fincke von der Christlichen Initiative Romero (CIR). Die Kinderarbeit werde in die Illegalität gerückt, die Kinder würden trotzdem arbeiten und können leichter ausgebeutet werden.

"Wir arbeiten doch sowieso"

Rund 215 Millionen Kinder arbeiten weltweit, das sind drei Prozent weniger als noch vor sechs Jahren. Die Statistiken kommen von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Im Auftrag der Vereinten Nationen kämpft die ILO gegen Kinderarbeit: "Wir fordern, die schlimmsten Fälle unmittelbar und radikal abzuschaffen", sagt Pressesprecherin Nicola Liebert. "Langfristig wollen wir jede Kinderarbeit unter 15 Jahren stoppen."

Die jüngste Konvention stammt aus dem Jahr 1999, sie verurteilt "die schlimmsten Formen der Kinderarbeit" wie Sklaverei, Leibeigenschaft, Pornographie und Prostitution. 172 von 183 Mitgliedstaaten haben die Konvention bislang unterzeichnet. Im Mai trafen sich rund 80 von ihnen in Den Haag, um Bilanz zu ziehen. Fazit: Die Zahl der arbeitenden Kinder ist leicht zurück gegangen.

Francis und die CIR kritisieren jedoch, die Wünsche und Vorstellungen der Kinder würden bei der ILO nicht ausreichend berücksichtigt. Keine einzige Organisation, die sich für die Rechte arbeitender Kinder einsetzt, sei bei der Konferenz in Den Haag vertreten gewesen. "Ich wünsche mir, dass unsere Meinung von der ILO und meiner Regierung in Betracht gezogen wird", sagt das 14-jährige Mädchen. In Nicaragua ist Kinderarbeit verboten. "Aber wir arbeiten doch sowieso", sagt Francis, "legal wäre es leichter."

Auch in Deutschland gibt es Kinderarbeit

"Die Familien haben ein großes Problem, wenn ihre Kinder nicht mehr bei der Kaffeeernte mithelfen", sagt Manfred Liebel vom "European Network of Masters in Children's Rights". "Sie fühlen sich entwürdigt, und ihre Eltern müssen mehr verdienen."

Auch in Deutschland gibt es Kinderarbeit, sie findet allerdings meist im Verborgenen statt, Statistiken gibt es nicht. In Großfamilien könne man davon ausgehen, dass Kinder und Jugendliche arbeiten, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes Paula Honkanen-Schoberth. "Wenn Kinder ihr Taschengeld aufbessern wollen, dann kann es eine gute Erfahrung sein - vorausgesetzt die Schule und Freundschaften leiden nicht. Aber wenn in Familien die Notwendigkeit besteht, dass Kinder einen finanziellen Beitrag zum Familienunterhalt leisten, ist das eine große Belastung." Die Sorge um die Existenz der Familie sei nicht kindgerecht.

Für Francis ist die deutsche Debatte unverständlich. Ihr ist wichtig, die Familie zu unterstützen. Natürlich gebe es Ausbeutung. Aber es gebe auch würdige Kinderarbeit. Mit einem Tunnelblick sei keinem geholfen. Nicht den Familien, und auch nicht den arbeitenden Kindern. Wieder so ein Satz, der einen vergessen lässt, wie jung sie noch ist.

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