Weltweites Schuldendesaster Was die Finanzkrise für Deutschland bedeutet

Ob in Europa oder den USA - die Schuldenmisere könnte die Konjunktur nach unten ziehen, den Regierungen droht die Handlungsunfähigkeit. Deutschland kam bislang gut durch die Krise. Doch wie lange noch?

Boombranche Maschinenbau: Ende der Aufholjagd
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Boombranche Maschinenbau: Ende der Aufholjagd

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Hamburg - Jede Krise ist auch eine Chance - das gehört zu den abgegriffensten Floskeln der Beratungsbranche. Doch für die deutsche Wirtschaft erwies sich die Finanzkrise tatsächlich als Gelegenheit zur Profilierung: Kraftvoll wie in wohl keinem anderen Land kehrten deutsche Unternehmen zum Wachstum zurück, nachdem der schlimmste Teil des Abschwungs überstanden schien. Deutschland wurde Erholungsweltmeister.

Doch ist das Schlimmste wirklich vorbei? Spätestens seit die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) Ende vergangener Woche die Top-Note der USA herabsetzte, gibt es Ängste über einen Rückfall in die Rezession, im Fachjargon "Double Dip" genannt.

Bislang schien die Bundesrepublik weitgehend immun gegen die wirtschaftlichen Probleme um sie herum. Während in Südeuropa und den USA die Finanz- nahtlos in die Schuldenkrise überging, erfreute sich Deutschland an Wachstumsrekorden. Aber gilt das auch, falls die Wirtschaft anderswo wieder auf Talfahrt geht?

Eine solche Entwicklung könnte Deutschland auf zwei Arten treffen:

  • als Exportland und Handelspartner von Krisenländern
  • als Bürge für andere Euro-Staaten in Not

Dass der ganz große Boom der deutschen Wirtschaft dem Ende entgegengeht, zeigte sich bereits vor der jüngsten Zuspitzung der Krise. Im Juni stagnierten die Umsätze der deutschen Industrie laut neuen Zahlen nahezu, die Auslandsnachfrage ging sogar um 0,1 Prozent zurück. Auch die besonders starke und wichtige Maschinenbaubranche verzeichnete laut dem Verband VDMA im Juni nur noch ein reales Wachstum von einem Prozent. In vielen Ländern zeigten Einkaufsmanagerindizes zuletzt eine sinkende Nachfrage an.

Vorerst liegt die Abkühlung in Deutschland laut VDMA-Chefökonom Ralph Wiechers noch am Auslaufen sogenannter Nachholeffekte. Investitionen, die während der Krise aufgeschoben wurden, sind nun getätigt. Die Wirtschaft schaltet einen Gang zurück. Eine weitere Verschlechterung schließt Wiechers aber nicht aus: "Die ungelöste Dollar- und Euro-Krise ist ein wirtschaftliches Risiko und deshalb eine potentielle Belastung unseres Geschäftes."

Eine Sorge ist, dass infolge der Rating-Herabstufung in den USA die Zinsen steigen könnten, Kredite also teurer würden. In diesem Fall würden amerikanische Verbraucher und Unternehmen wahrscheinlich weniger investieren - wodurch auch weniger Geld an Deutschland als Handelspartner fließen würde.

Weniger verletzlich als noch vor einigen Jahren

Allerdings ist die Bedeutung der USA als Absatzmarkt für deutsche Produkte deutlich gesunken. "Gingen in den siebziger Jahren noch bis zu 14 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA, waren es 2010 lediglich 6,8 Prozent", sagt Michael Pfeiffer, Geschäftsführer der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade and Invest.

Dass sich die deutsche Wirtschaft so stark erholt hat, lag denn auch weniger an den USA als an den Schwellenländern: Deutschland profitiert davon, dass es Maschinen baut, die Länder wie China oder Brasilien bei ihrem Aufstieg an die Weltspitze benötigen. "Deutsche Exporte wurden diversifiziert, dadurch sind wir weniger verletzlich als noch vor einigen Jahren", lobt Ansgar Belke, Forschungsdirektor für Internationale Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Allerdings sind die USA nicht nur als Exportmarkt wichtig, das Land ist trotz einer rückläufigen Entwicklung auch der wichtigste Investor in Deutschland. Seit 2003 stammte laut GTAI mehr als ein Viertel der Direktinvestitionsprojekte von US-Unternehmen, die fast 750.000 Menschen in Deutschland beschäftigen. Noch im Mai kündigte mehr als die Hälfte der Firmen in einer Umfrage der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland an, sie wollten 2011 neue Mitarbeiter einstellen.

Während eine leichte Abschwächung der US-Nachfrage für die deutsche Wirtschaft noch verkraftbar sein könnte, dürfte ein wirklicher Double Dip auch Deutschland abwärtsreißen. "Langfristig ist ein Abkoppeln von der Entwicklung in den USA ausgeschlossen", sagt DIW-Ökonom Belke.

Problematisch wäre eine solche Entwicklung auch, weil andere Wachstumsimpulse ebenfalls ausfallen könnten. Die Schwellenländer kämpfen gegen eine Überhitzung ihrer Märkte, in China wird das Platzen einer Immobilienblase befürchtet. Zwar dürften die Länder weiter wachsen, doch auch sie bleiben von den Turbulenzen an den Börsen nicht unberührt: So steuerten lateinamerikanische Aktien nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters am Montag auf die schwersten Verluste seit mehr als einem Jahr zu.

Starker Euro, schwache Länder

Zudem könnte sich erneut die Lage in europäischen Länder verschlechtern, was für Deutschland doppelt problematisch wäre. Zum einen würde der wichtigste Absatzmarkt gefährdet: Im Juni gingen knapp 42 Prozent der deutschen Exporte in Länder der Euro-Zone, für die gesamte EU waren es sogar 61 Prozent.

Zum anderen müsste Deutschland dann möglicherweise mit weiteren Milliarden für strauchelnde Nachbarn bürgen. Schon von den derzeitigen Garantien über 440 Milliarden Euro, die der Euro-Rettungsfonds EFSF vergeben kann, übernimmt Deutschland rund 120 Milliarden. Müsste der Fonds aufgestockt werden, stiege der deutsche Anteil entsprechend. Gegen eine Aufstockung haben aber Mitglieder von Union und FDP Widerstand angekündigt, die Bundesregierung lehnt einen solchen Schritt bislang ab.

Zwar verringerten sich zu Wochenbeginn die Finanzierungskosten für Italien und Spanien, nachdem die Europäische Zentralbank mit dem Ankauf von Anleihen der unter Druck geratenen Länder begonnen hatte. Doch DIW-Ökonom Belke glaubt, dass der Euro wegen der Krise in den USA weiterhin stark bleibt. "Das ist schlecht für die Peripherieländer", sagt Belke - ein starker Euro erschwert es den Ländern, ihre Waren ins Ausland zu verkaufen und Investitionen anzuziehen.

Besonders unangenehm würde es für Deutschland, sollten sich Spekulationen über eine Rating-Senkung für Frankreich bewahrheiten. Zum einen sind die Franzosen mit jährlichen Importen von gut 90 Milliarden Euro der größte Abnehmer deutscher Güter. Mit etwa der gleichen Summe sind sie zugleich nach Deutschland der wichtigste Garantiegeber für den Euro-Rettungsfonds.

Sollte Frankreich aber selbst Unterstützung brauchen, so fielen auch diese Garantien weg - Deutschland müsste noch für viel höhere Summen bürgen. Zwar bestätigte S&P erst Ende vergangener Woche die Top-Bonität des Landes. Rekordkurse von Kreditausfallversicherungen für französische Staatsanleihen zeigten am Montag aber, dass zumindest manche Anleger gegen das zweitgrößte Land der Euro-Zone spekulieren.

Eines immerhin muss Deutschland vorerst nicht befürchten: Dass es selbst zum Opfer der Spekulationen wird. Im Gegenteil: Das Land profitiert derzeit vom Ruf als sicherer Hafen, ohne dabei wie die Schweiz eine Aufwertung der Währung in Kauf nehmen zu müssen: Die Zinsen für Bundesanleihen sanken in den letzten Tagen auf neue Tiefstände. Während andere Länder also darum kämpfen, überhaupt noch Kredite zu bekommen, kann sich Deutschland so günstig wie selten frisches Geld leihen.

insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Umbriel 09.08.2011
1. Unser Problem
ist, daß keine seriöse politische Kraft in Deutschland eine transparente Politik betreibt. Merkel stimmt Entwicklungen zu, die eindeutig als schwere Vertragsbrüche und Bruch politischer Versprechen anzusehen sind. Die Opposition in trauriger Gabriel-Gestalt kommt allerdings keineswegs ihrer Aufgabe nach, die Regierung da anzugehen, sondern im Gegenteil, sie fordert noch weitaus mehr Geschenke an Südeuropa. Das Verrückte ist, daß auch in den Medien nur ganz vereinzelte Stimmen auftauchen, die den Bürgern sagen worum es da geht. Unser politisches System funktioniert definitiv nicht mehr.
mitwisser, 09.08.2011
2. tja, was könnte das wohl bedeuten?
Unsere Vermögenswerte könnten vielleicht eventuell unter Umständen ggf. leicht, ganz leicht variieren ;-) Wenn wir die letzten in Europa mit einem triple A sein sollten, bedeutet das was? Richtig! Schuldeninduziertes Wachstum ist die Lösung + Wachstumsgesetze - glauben unsere "Eliten". Und sie haben Recht, so können wir sie loswerden ;-)
archie, 09.08.2011
3. Antwort
Was ich aus der Kri(e)se mitnehme, ist dass alles was Experten und Journalisten dazu sagen, Blahblah ist, und morgen schon alles wieder ganz anders ist. Es ist mir unbegreiflich, dass Wohl und Wehe der Welt von den Befindlichkeiten einiger weniger Spekulanten abhängig ist. Wieso haben wir es soweit kommen lassen?
EE-Buerger 09.08.2011
4. Medien ?
Zitat von Umbrielist, daß keine seriöse politische Kraft in Deutschland eine transparente Politik betreibt. Merkel stimmt Entwicklungen zu, die eindeutig als schwere Vertragsbrüche und Bruch politischer Versprechen anzusehen sind. Die Opposition in trauriger Gabriel-Gestalt kommt allerdings keineswegs ihrer Aufgabe nach, die Regierung da anzugehen, sondern im Gegenteil, sie fordert noch weitaus mehr Geschenke an Südeuropa. Das Verrückte ist, daß auch in den Medien nur ganz vereinzelte Stimmen auftauchen, die den Bürgern sagen worum es da geht. Unser politisches System funktioniert definitiv nicht mehr.
Ich sehe auch ein großes Problem in einer ausgewogenen und beschreibenden (erklärenden) Berichterstattung. Es wird sehr viel Wert auf Headlines und Schnelligkeit gelegt, weniger auf wirkliche Aufklärung. Der nächste Punkt ist die Abhängigkeit sowohl von der Politik als auch von der Wirtschaft. So richtig kann man "Roß und Reiter" nicht mehr nennen ohne dass es nagative Auswirkungen auf das jeweilige Medium hat. Von der Politik wird man einfach bei den "heißen Infos" übergangen, keine Werbung der Wirtschaft hat ebenfalls negative Auswirkungen. Und wenn dann. wir in der jetzigen Situation große Versäumnisse in beiden Lagern für die Krise verantwortlich sind, so sind die Medien völlig überfordert. Vielleicht auch ganz gut so, denn wer letzendlich diesen ganzen Murks bezahlen muss ... dies wird der Bürger schon noch früh genug merken. Und wie man trotz Aufschwungs am Reallohn erkennen kann ... der deutsche Bürger ist sehr leidensfähig und leichtgläubig.
karsten112 09.08.2011
5. .
Zitat von sysopOb in Europa oder den USA - die Schuldenmisere könnte die Konjunktur nach unten ziehen, den*Regierungen droht die Handlungsunfähigkeit. Deutschland kam bislang gut durch die Krise. Doch wie lange noch? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,779048,00.html
Den Regierungen droht die Handlungsunfähigkeit? Was macht das für einen Unterschied zu einer handlungsunfähigen Regierung? Die Merkelin muß weg - sofort !
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