Prognose IWF warnt Deutschland vor hartem Sparkurs

Mit dem Sparen kann man es auch übertreiben: Das ist eine Kernbotschaft des neuen IWF-Berichts über die Lage in Deutschland. Um die heimische Wirtschaft zu stärken, empfiehlt der Fonds auch Lohnerhöhungen.

Bauarbeiter in Sachsen-Anhalt: "Stabile Grundverfassung"
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Bauarbeiter in Sachsen-Anhalt: "Stabile Grundverfassung"


Washington/Berlin - Der Grundton ist positiv. "Deutschlands stabile Grundverfassung stellt die Basis für seine Rolle als Stabilitätsanker in Europa dar", heißt es im jüngsten Länderbericht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zugleich mahnen die Autoren jedoch, Berlin solle es mit seinem Sparkurs nicht übertreiben.

Mit ihrer starken Exportorientierung sei die deutsche Wirtschaft ohnehin anfällig für Einflüsse aus dem Ausland, heißt es in dem am Dienstag vorgestellten Bericht. Deshalb plädiert der IWF unter anderem für höhere Reallöhne: "Angesichts eines starken Arbeitsmarkts wäre es nicht unangemessen, wenn die Reallöhne steigen würden und somit der Arbeitnehmeranteil am Nationaleinkommen erhöht würde." Die Autoren sprechen sich zudem dafür aus, die Reallöhne durch eine verringerte Steuerlast zu erhöhen.

Die Erhöhungen würden laut IWF helfen, die Binnennachfrage zu stärken, und die Wirtschaft weniger anfällig für externe Schocks zu machen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden: "Ein stärkeres und ausgewogeneres Wachstum in Deutschland ist entscheidend für eine nachhaltige Erholung in der Euro-Zone und den globalen Aufschwung."

Der IWF erwartet für Deutschland in diesem Jahr weiter ein Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent, das sich dann 2014 auf 1,3 Prozent beschleunigen soll. "Die Aussichten für den Rest des Jahres 2013 und das nächste Jahr hängen stark von einer allmählichen Erholung im Rest der Euro-Zone sowie einem nachhaltigen Abbau der Unsicherheiten ab", heißt es. Priorität müsse in naher Zukunft der Abbau von Unsicherheiten in der Währungsunion haben. Diese beeinträchtigten auch die Investitionsbereitschaft in der deutschen Wirtschaft.

Probleme im Finanzsektor

Schwächen sieht der IWF weiter im deutschen Finanzsektor, der mit der Deutschen Bank Chart zeigen nur noch über ein im weltweiten Rahmen systemrelevantes Institut verfüge. "Zwar hat sich die Solidität verbessert, aber es bleiben Verwundbarkeiten", schreiben die Fonds-Experten. So hätten die deutschen Großbanken zwar ihre Kapitalbasis verbessert, doch bleibe diese weiter hinter wichtigen Konkurrenten in der Welt zurück. Auch ihre Profitabilität bleibe schwach und ihre Außenstände müssten im Blick behalten werden.

Das Bundesfinanzministerium sprach von einer ausgewogenen Analyse. Der IWF habe darauf verwiesen, dass Deutschland beim Abbau von Ungleichgewichten auf gutem Weg sei. Der Überschuss in der Leistungsbilanz gegenüber der Euro-Zone sei seit 2007 rückläufig.

Unter Berücksichtigung der Inflation mussten deutsche Arbeitnehmer im vergangenen Jahrzehnt Lohneinbußen verkraften, zwischen 2010 und 2012 stiegen die Reallöhne jedoch kontinuierlich. Selbst Politiker wie Wolfgang Schäuble (CDU) hatten sich angesichts der guten wirtschaftlichen Lage zwischenzeitlich für moderate Lohnerhöhungen ausgesprochen.

dab/dpa/Reuters

insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
kantundco 06.08.2013
1. Wer zahlt diesen Kasperlverein eigentlich?
Ist den Damen und Herren noch nicht aufgefallen, dass sie vom Wohl und Wehe Deutschlands abhängen? Was maßen die sich an, der Bundesregierung Empfehlungen zu geben? Und vor allem: Wie weltfremd sind die, dass sie sich in die deutsche Tarifpolitik einmischen? Um es klar zu sagen: es geht hier weniger um die Inhalte, als um die Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften überhaupt. Wir brauchen nicht noch mehr bürokratische Einflussnahme durch Bürokratenkasperl.
SarahMue 06.08.2013
2. Die ultimative Perversion
Der IWF empfiehlt Deutschland nicht allzu viel zu sparen... Und Deutschland zwingt den Krisenländern brutalste Sparmaßnahmen, Privatisierungen und Lohnkürzungen auf. Die Maßnahmen führen diese Länder an den Rand einer Revolution. Sie zersetzen die gesamte Gesellschaft und werfen die Länder um Jahrzehnte zurück. Der IWF spielt dabei kräftig mit. Doch jetzt wird Deutschland der Kurs empfohlen der für die Krisenländer die einzige Rettung wäre. Was für eine verachtenswerte Doppelmoral!
garfield 06.08.2013
3.
Zitat von sysopGetty ImagesMit dem Sparen kann man es auch übertreiben: Das ist eine Kernbotschaft des neuen IWF-Berichts über die Lage in Deutschland. Um die heimische Wirtschaft zu stärken, empfiehlt der Fonds auch Lohnerhöhungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftfonds-warnt-deutschland-vor-hartem-sparkurs-a-915159.html
Ich möchte mal wissen, wie Vielen das Paradebeispiel an manipulativer Formulierung überhaupt aufgefallen ist: Na, WER ist hier schuld? RICHTIG, die böse Inflation, vor der der Deutsche selbst dann zittert, wenn sie meist unterhalb der angepeilten 2 Prozent liegt - so wie seit einiger Zeit. Kein Wort davon, dass wir seit über zehn Jahren Schlusslicht bei der europäischen Reallohnentwicklung waren, weil der Niedriglohnsektor so massiv ausgeweitet wurde, wie ebenfalls in keinem anderen europäischen Land. Aber es war wieder mal die böse Inflation, die vermutlich nur in Deutschland "grassierte" und um andere Länder einen Bogen machte.
key_art 06.08.2013
4. #Wer zahlt diesen Kasperlverein eigentlich?
Zitat von kantundcoIst den Damen und Herren noch nicht aufgefallen, dass sie vom Wohl und Wehe Deutschlands abhängen? Was maßen die sich an, der Bundesregierung Empfehlungen zu geben? Und vor allem: Wie weltfremd sind die, dass sie sich in die deutsche Tarifpolitik einmischen? Um es klar zu sagen: es geht hier weniger um die Inhalte, als um die Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften überhaupt. Wir brauchen nicht noch mehr bürokratische Einflussnahme durch Bürokratenkasperl.
Einfach mal googeln. Die Mitgliedstaaten nehmen dort Gelder auf. Schauen Sie sich die Liste doch mal an. Ist eine reine US Interessengemeinschaft. Der Chef kommt nur der Form halber aus Europa, die Amis bestimmen den Kurs: Der IWF verfolgt vor allem amerikanische Interessen. Sie können auf der Website auch sehen, mit wie viel Milliarden Dollar das jeweilige Land dort an Verbindlichkeiten hat. Deutschland übrigens auch, also ist der IWF ein Gläubiger Deutschlands.
muellerthomas 06.08.2013
5.
Zitat von kantundcoIst den Damen und Herren noch nicht aufgefallen, dass sie vom Wohl und Wehe Deutschlands abhängen? Was maßen die sich an, der Bundesregierung Empfehlungen zu geben? Und vor allem: Wie weltfremd sind die, dass sie sich in die deutsche Tarifpolitik einmischen? Um es klar zu sagen: es geht hier weniger um die Inhalte, als um die Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften überhaupt. Wir brauchen nicht noch mehr bürokratische Einflussnahme durch Bürokratenkasperl.
Weil Deutschland drittgrößter Geldgeber ist, soll der IWF das schreiben, was Deutschland passt? Wenn der IWF aber positiv über die USA schreibt, beklagen Sie sich dann über die gekaufte Meinung?
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