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23. Januar 2016, 19:53 Uhr

Wirtschaftsforum in Davos

Die Welt bangt um Europa

Aus Davos berichtet

Wie steht es um Europa? Schlimm, wenn man der Stimmung beim Weltwirtschaftsforum in Davos glaubt. In den Augen vieler droht der Kontinent auseinanderzudriften. Die letzte Hoffnung ruht auf Angela Merkel.

George Soros ist nicht gerade das, was man einen Optimisten nennt. Aber so düster wie an diesem Abend in Davos klang der 85-Jährige Multimilliardär schon lange nicht mehr. Die Lage sei Besorgnis erregend, sagt Soros mit brüchiger Stimme. "Die Europäische Union fällt auseinander." Wenn die EU es nicht schaffe, eine gemeinsame Asylpolitik zu formulieren, werde der Konflikt die Gemeinschaft sprengen.

Der legendäre Investor mag der einzige sein, der seine Sorge um Europa öffentlich so drastisch formuliert. Doch allein ist er mit seinem Pessimismus nicht. Selten war die Stimmung beim Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen so schlecht wie in diesem Jahr - und die Unsicherheit so groß.

Die Diskussionen in Davos sind ein guter Indikator dafür, wie die Weltelite denkt. Regierungschefs, Wissenschaftler und die Bosse der großen Konzerne: Vier Tage lang treffen hier diejenigen aufeinander, die die Geschicke der Welt lenken. Bei Diskussionen auf der großen Bühne des Kongresszentrums, aber auch im kleinen Kreis in den Hinterzimmern der umliegenden Hotels. Dort, bei den informellen Gesprächen, sei die Stimmung deutlich düsterer als bei den öffentlichen, berichtet der Chef eines großen europäischen Konzerns.

Es ist eine gefährliche Mischung von Problemen, die die Top-Manager umtreibt: die wirtschaftliche Schwäche Chinas, der Absturz des Ölpreises, die Turbulenzen an den Finanzmärkten und die politischen Spannungen im Nahen Osten. Aber eine Angst scheint besonders die europäische Elite umzutreiben: die Angst vor dem Auseinanderbrechen des Kontinents - jenes Kontinents, von dessen Einigungsprozess sowohl die Unternehmen als auch die normalen Bürger in der vergangenen Jahrzehnten so sehr profitiert haben.

Bewunderung für Merkel

Schon jetzt ist die EU so tief gespalten, wie vielleicht noch nie in ihrer Geschichte. Und es ist vor allem die Frage nach dem Umgang mit den Millionen Flüchtlingen, die die Staaten der Union entzweit: Während Länder wie Deutschland, Österreich, aber auch Griechenland nach einer europäischen Lösung rufen, die die Lasten der Aufnahme und Integration der ankommenden Menschen gerecht verteilt, stellen andere wie Großbritannien, Polen oder Ungarn sich stur.

Anders als bei der Eurokrise in den vergangenen Jahren glaube "ein Teil unserer EU-Partner diesmal, sie seien von dem Problem gar nicht betroffen", beklagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Das halte ich für falsch, aber so sehen sie es nun mal."

Um den Kontinent wieder zu einen, hoffen viele Teilnehmer in Davos auf Deutschland und seine Kanzlerin Angela Merkel. "Ich finde es bewundernswert, wie Frau Merkel sich mit aller Kraft dafür einsetzt, eine europäische Lösung hinzukriegen", sagt Philipp Hildebrand, Vizechef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock und ehemaliger Präsident der Schweizer Notenbank. "Das ist zweifelsohne der richtige Weg." Doch auch er fragt sich besorgt, ob Merkel Erfolg haben wird. "Sollten die europäischen Partner ihr hier nicht entgegenkommen, hätte das für Europa schlimme Folgen", sagt Hildebrand. Dann werde es unausweichlich auf nationale Maßnahmen zur Grenzsicherung hinauslaufen.

Im ganz kleinen Kreis werden manche noch deutlicher - und diskutieren offen darüber, ob Merkel am Ende des Jahres noch Kanzlerin sein und Europa in seiner jetzigen Form noch stehen wird. Beides gilt hier in Davos keineswegs mehr als Gewissheit.

Schäubles Andeutung wird zum "Marshall-Plan"

Wie groß die Erwartungen sind, die auf Deutschland ruhen, zeigen auch die Reaktionen auf den Vorstoß von Finanzminister Schäuble, "viele Milliarden Euro" in die Nachbarländer Syriens zu investieren, um diese zu stabilisieren und zu verhindern, dass die Flüchtlinge weiter nach Europa drängen. So vage Schäubles Worte waren, so begehrlich wurden sie aufgenommen. Von einem "neuen Marshallplan" war gleich die Rede. "Ich bin begeistert von dieser Idee", jubelte sogar Milliardär Soros - ansonsten nicht unbedingt ein Freund Schäubles.

Zugleich wächst das Verständnis dafür, dass Deutschland den Andrang der Flüchtlinge besser kontrollieren will, wofür auch Bundespräsident Gauck in Davos warb. "Gerade weil wir möglichst viel Schutz bieten wollen, werden wir nicht alle aufnehmen können", sagte Gauck - eine Linie, auf die auch die Bundesregierung langsam einzuschwenken scheint.

Auch außerhalb Europas sehen das offenbar viele so - gerade mit Blick auf die Gefahr, dass auch Terrororganisationen wie der IS Kämpfer einschleusen könnten. Deutschland müsse besser kontrollieren, wer da ins Land komme, sagt etwa ein ehemaliger Diplomat aus dem Jemen. "Sonst tut man auch den wirklichen Flüchtlingen keinen Gefallen."

Mitarbeit: David Böcking

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