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22. Januar 2019, 10:47 Uhr

Weltwirtschaftsforum in Davos

Was will eine Gewerkschafterin auf dem Gipfel der Bosse?

Ein Interview von

Megakonzerne wie Google und Amazon prägen immer stärker unsere Lebenswelt - und schaffen oft prekäre Arbeitsverhältnisse. In Davos will Gewerkschafterin Christy Hoffman das zum Thema machen. Hören die Manager zu?

SPIEGEL ONLINE: Frau Hoffman, das Weltwirtschaftsforum in Davos ist vor allem als Treffpunkt von Konzernbossen bekannt. Was führt Sie als Gewerkschafterin dorthin?

Hoffman: Ich bin zum ersten Mal dort, weil ich erst im Juni zur Generalsekretärin gewählt wurde. Aber unsere Organisation wird seit vielen Jahren nach Davos eingeladen, um die Stimme von Arbeitnehmern zu vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sind die Reaktionen?

Hoffman: Ich kann nicht behaupten, dass unsere Ansichten unbedingt in den meisten Diskussionen vorkommen. Aber für uns ist es eine sehr gute Gelegenheit, mit den Medien zu sprechen, weil die Leute auf der Suche nach alternativen Sichtweisen sind. Bei Themen wie Digitalisierung, Klimawandel oder wachsender Ungleichheit muss die Stimme von Arbeitnehmern vertreten sein.

SPIEGEL ONLINE: In Europa hat sich Ryanair kürzlich nach langer Verweigerung erstmals auf Tarifverhandlungen eingelassen. In New York und bei einigen US-Großkonzernen wie Amazon gibt es künftig einen Mindestlohn von 15 Dollar. Werden Gewerkschaften wieder mächtiger?

Hoffman: Ich glaube, es gibt in vielen Ländern die Erkenntnis, dass konkurrenzlose Konzernmacht nicht mehr funktioniert. Die Menschen sind sauer, dass sie nicht ihren fairen Anteil bekommen. Sie sehen, dass durch die Digitalisierung Einkommen und Wohlstand von Menschen wie Amazon-Gründer Jeff Bezos enorm wachsen. Dennoch gab es beispielsweise in Westeuropa 2017 real kein Lohnwachstum. Unter diesen Voraussetzungen sehe ich die Zukunft der Gewerkschaften sehr optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: In Davos wird Digitalisierung meist als eine positive Entwicklung diskutiert. Teilen Sie diese Ansicht nicht?

Hoffman: Gewerkschaften sind nicht gegen die Digitalisierung, davon sind alle von Putzkräften bis zu Verkäufern betroffen. Aber wir mögen es nicht, wenn Digitalisierung als Ausrede dafür verwendet wird, ausschließlich prekäre Jobs zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen dabei aus Ihrer Sicht Konzerne wie Amazon oder Google?

Hoffman: Beide stützen sich stark auf Leiharbeit. Bei Google kommen etwa die Hälfte der Arbeitnehmer von Zeitarbeitsfirmen, und diese Menschen verdienen viel weniger als herkömmliche Angestellte. Bei Amazon sind die Arbeitsbedingungen aufreibend, das hohe geforderte Tempo gefährdet die Sicherheit. Zum Kern von Amazon gehört eine gewerkschaftsfeindliche Philosophie, wonach man Arbeitnehmern lieber mehr zahlt und dafür überhaupt keine Gewerkschaften mitreden.

SPIEGEL ONLINE: Europäische Politiker wollen durch eine Digitalsteuer einen höheren Teil der Gewinne von Konzernen wie Amazon abgreifen. Halten Sie das für einen sinnvollen Ansatz?

Hoffman: Eine Digitalsteuer könnte eine Möglichkeit sein, aber im Fall von Amazon gibt es auch andere Ideen. Dazu gehört, den Konzern wie einen öffentlichen Versorger zu regulieren oder sogar ganz aufzuspalten, weil seine Marktmacht zu gefährlich für traditionelle Branchen wird.

SPIEGEL ONLINE: Angesichts der Digitalisierung wird zunehmend gefordert, dass Arbeitnehmer deutlich weniger oder gar nicht mehr zwingend arbeiten müssen - weil es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt. Werden Gewerkschaften dann überflüssig?

Hoffman: Das glaube ich nicht. Die Arbeit wird aus unserer Sicht nicht so bald ausgehen, solche Prognosen haben sich schon in der Vergangenheit als falsch erwiesen. Mit der Digitalisierung wird es sogar noch wichtiger, einen Ausgleich zur Macht der Arbeitgeber zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Arbeitskämpfen in der Digitalwirtschaft können Sie nicht einfach eine ganze Belegschaft aus der Fabrik marschieren lassen wie früher.

Hoffman: Naja, wir vertreten ja Dienstleistungsberufe, die haben schon immer selten unter einem Dach gearbeitet. Aber schauen Sie sich an, was die Google-Mitarbeiter gemacht haben: Da haben 20.000 Leute in 14 Ländern gleichzeitig gestreikt. Warum? Gerade weil sie sich innerhalb von vier Tagen mithilfe von digitaler Technologie organisieren konnten.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich sollte dieses Jahr auch Donald Trump wieder nach Davos kommen. Letztes Jahr sagte er dort: "Wir befreien unsere Unternehmen und Arbeitnehmer." Wie läuft das aus Ihrer Sicht bislang?

Hoffman: Ein Interview ist zu kurz, um alle Attacken der Trump-Regierung auf Arbeitnehmer aufzuzählen. Das jüngste Beispiel für seine völlige Gleichgültigkeit ist der von ihm ausgelöste Shutdown. Viele der 800.000 Betroffenen werden ihre Verdienstausfälle nie ersetzt bekommen - darunter etwa Reinigungskräfte, die ohnehin immer am schlechtesten bezahlt werden. Diese Leute könnten im schlimmsten Fall sogar obdachlos werden.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie meinen, die Anliegen der Arbeitnehmer sind Trump wirklich egal?

Hoffman: Ja, er lehnt sie zum Teil sogar ab. Arbeitnehmer sind aus Trumps Sicht nur weiße Fabrikarbeiter. Sonst verdient niemand seine Aufmerksamkeit.

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