Wegen Corona-Pandemie IWF rechnet mit schwerster Krise seit der Großen Depression

Die Coronavirus-Pandemie könnte die globale Wirtschaft laut Internationalem Währungsfonds einbrechen lassen wie seit fast einem Jahrhundert nicht. 2021 könne es nur eine teilweise Erholung geben.
Auflauf an der New Yorker Wall Street 1929: Wie kann ein New Deal anno 2020 aussehen?

Auflauf an der New Yorker Wall Street 1929: Wie kann ein New Deal anno 2020 aussehen?

Foto: AP

Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht wegen der Coronavirus-Pandemie von der schlimmsten ökonomischen Krise seit der Weltwirtschaftskrise der Zwanziger- und Dreißigerjahre aus. "Wir erwarten die schlimmsten wirtschaftlichen Konsequenzen seit der Großen Depression", sagte IWF-Chefin Kristalina Georgieva. Selbst im besten Fall dürfte es im kommenden Jahr nur eine "teilweise Erholung" geben - es könnte aber auch schlimmer werden.

Die geschäftsführende Direktorin hat damit ein weitaus düstereres Bild von den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen des neuen Coronavirus als noch vor einigen Wochen gezeichnet. Sie stellte fest, dass die Regierungen bereits fiskalische Stimulierungsmaßnahmen in Höhe von acht Billionen Dollar ergriffen hätten - dass aber wahrscheinlich noch mehr erforderlich sein würden.

Sinkende Pro-Kopf-Einkommen in 170 Ländern erwartet

Besonders die Schwellen- und Entwicklungsländer würden hart von der Krise getroffen, da sie zur Bewältigung auf Hunderte Milliarden Dollar an ausländischer Hilfe angewiesen seien. Viele Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika seien zudem einem höheren Risiko ausgesetzt, weil sie schwächere Gesundheitssysteme hätten. Sie seien auch nicht in der Lage, in ihren dicht besiedelten Städten und in den von Armut geprägten Slums Abstand untereinander einzuhalten.

Hinzu kommt: Investoren haben laut IWF bereits rund 100 Milliarden Dollar Kapital aus diesen Ländern abgezogen, mehr als dreimal so viel wie in der gleichen Zeit der globalen Finanzkrise. Angesichts der stark gesunkenen Rohstoffpreise würden die Schwellen- und Entwicklungsländer Billionen von Dollar benötigen, um die Pandemie zu bekämpfen und ihre Volkswirtschaften zu retten.

IWF-Chefin Kristalina Georgieva: Wirtschaftliche Lage auf den Kopf gestellt

IWF-Chefin Kristalina Georgieva: Wirtschaftliche Lage auf den Kopf gestellt

Foto: NICHOLAS KAMM/ AFP

Der IWF sei bereit, seine Kreditvergabekapazität von einer Billion Dollar einzusetzen, sagte Georgieva. Das Exekutivdirektorium des Fonds habe die Verdoppelung seiner Notfallfinanzierung auf 100 Milliarden Dollar genehmigt, um den Anfragen von über 90 Ländern nachzukommen - und die Mitarbeiter würden diese Anfragen schnellstmöglich bearbeiten.

"Noch vor drei Monaten erwarteten wir ein positives Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in mehr als 160 unserer Mitgliedsländer im Jahr 2020", sagte Georgieva im Vorfeld der Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank in der nächsten Woche. "Heute wurde diese Zahl auf den Kopf gestellt: Wir gehen jetzt davon aus, dass über 170 Länder in diesem Jahr ein negatives Pro-Kopf-Einkommenswachstum verzeichnen werden."

Sollte die Pandemie in der zweiten Jahreshälfte abklingen, könne es eine teilweise Erholung im Jahr 2021 geben, sagte Georgieva. Aber sie warnte davor, dass sich die Situation auch verschlechtern könnte: "Ich betone, dass es eine enorme Unsicherheit über die Aussichten gibt: Abhängig von vielen variablen Faktoren, einschließlich der Dauer der Pandemie, können sie sich auch verschlechtern."

Für Deutschland hatten die führenden Wirtschaftsinstitute hierzulande erst am Mittwoch ein ähnliches Lagebild gezeichnet. Ihr Frühjahrsgutachten geht nach einen heftigen wirtschaftlichen Einbruch und steigenden Arbeitslosenzahlen jedoch von einer vergleichsweise raschen Erholung aus.

Staaten müssen sich laut IWF mehr anstrengen

Der IWF, dem 189 Mitgliedsländer angehören, wird am Dienstag seine detaillierten Prognosen zur Weltwirtschaft veröffentlichen. Und so ziemliche alle Indikatoren für die wirtschaftliche Lage haben sich verschlechtert. Georgiewa sagte dennoch, es sei ermutigend, wie stark alle Regierungen auf die Bedrohung durch die Pandemie reagiert hätten und finanzielle sowie geldpolitische Spielräume eröffnet hätten.

Um künftig einen Aufschwung zu ermöglichen, forderte Georgiewa weitere Anstrengungen zur Eindämmung des Virus und zur Unterstützung der Gesundheitssysteme. Exporthindernisse, die den Fluss lebenswichtiger medizinischer Ausrüstung und Nahrungsmittel verlangsamen könnten, gelte es abzubauen. Menschen und Unternehmen müssten "umfangreiche, rechtzeitige und gezielte" Maßnahmen wie Lohnsubventionen, längere Arbeitslosenunterstützung oder günstige Kredite zur Vefügung gestellt werden, auch um die Belastung des Finanzsystems zu verringern. "Die Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, werden die Geschwindigkeit und Stärke unserer Erholung bestimmen."

apr/Reuters/AFP