Weltgesundheitsorganisation Umsatz fast verdoppelt – Kritik an Marketing bei Babynahrung

Stillen gilt für Säuglinge als beste Form der Ernährung. Um trotzdem in großem Stil Milchpulver zu verkaufen, manipulieren Konzerne laut einer WHO-Studie junge Mütter und Gesundheitspersonal mit verwerflichem Marketing.
Fläschchen oder Brust: Werden Eltern zur Entscheidung für das eine oder das andere gedrängt?

Fläschchen oder Brust: Werden Eltern zur Entscheidung für das eine oder das andere gedrängt?

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Christin Klose / picture alliance / dpa-tmn

Es würden irreführende oder wissenschaftlich nicht fundierte Behauptungen aufgestellt, um Mütter dazu zu bringen, Babys Säuglingsnahrung statt Muttermilch zu geben: Die Weltgesundheitsorganisation WHO macht Herstellern von Babynahrung schwere Vorwürfe.

Sie wirft den Konzernen »skrupellose Vermarktung« vor, die gezielt Schwangere und junge Mütter verunsichere. Die Hersteller manipulierten Eltern und Gesundheitspersonal, heißt es in einer Studie  der WHO und des Uno-Kinderhilfswerks Unicef.

Die Industrie war 2019 der Studie zufolge 55 Milliarden Dollar wert. Während die Stillquote in den vergangenen 20 Jahren leicht angestiegen sei, habe sich im gleichen Zeitraum jedoch der Umsatz der Säuglingsnahrungshersteller fast verdoppelt. Es gebe rund ein halbes Dutzend große Unternehmen, sagte Nigel Rollins, bei der WHO zuständig für Mutter-Kind-Gesundheit. Ihre Praktiken seien ähnlich. Einzelne Firmen werden nicht genannt.

Vergleich zu Tabak oder Glücksspielangeboten

Einer der größten Babynahrungshersteller ist der Schweizer Konzern Nestlé. Er teilte auf Anfrage mit, dass das Unternehmen schon jetzt in 163 Ländern nicht für Nahrung für Babys unter zwölf Monaten werbe. Bis Jahresende werde alle Werbung weltweit für Babynahrung bis zum sechsten Lebensmonat gestoppt. »Nestlé unterstützt die Annahme von Gesetzen über das Marketing von Babynahrung in allen Ländern«, teilte das Unternehmen mit. Nur 25 Länder hätten den Verhaltenskodex von 1981 über die Vermarktung von Babynahrung weitgehend umgesetzt, hatte die WHO 2020 berichtet. Deutschland gehört nicht dazu.

Es gehe der WHO nicht darum, Babynahrung aus den Verkaufsregalen zu verbannen, sagte Rollins. Manche Säuglinge brauchten diese Nahrung. In der Studie gehe es nur um Vermarktungsmethoden, die Mütter, die eigentlich stillen wollten und könnten, manipulierten.

Für die Studie wurden 8500 Schwangere und junge Mütter sowie 300 Gesundheitsbedienstete in acht Ländern gefragt: Bangladesch, China, Großbritannien, Mexiko, Marokko, Nigeria, Südafrika und Vietnam. 51 Prozent der Befragten gaben an, Werbung erhalten zu haben, etwa auf sozialen Medien oder in Kliniken. In Bangladesch sagten 57 Prozent der Mütter, Gesundheitspersonal habe ihnen künstliche Babynahrung empfohlen, in Nigeria 45 und in Großbritannien 30 Prozent.

»Soll die Geburt eines Kindes wirklich eine Angelegenheit für kommerzielle Geschäfte sein?«, fragte Rollins. Die Studie vergleicht die Vermarktung von Säuglingsnahrung mit der von Tabak oder Glücksspielangeboten, »bei denen der Verkauf Vorrang vor der Gesundheit und Entwicklung des Kindes hat«, wie es heißt.

Firmen starteten oder infiltrierten Müttergruppen in sozialen Medien, um Babynahrung zu propagieren, heißt es in der Studie. Gesundheitspersonal werde etwa bei Konferenzen oder durch Broschüren mit zweifelhaften Informationen versorgt, die sie oft an Mütter weitergäben: etwa, dass Babys mit Säuglingsnahrung länger schliefen, dass Muttermilch mit der Zeit an Qualität verliere oder dass bestimmte Produkte Allergien vorbeugen könnten. Manchmal erhielten sie eine Provision von Firmen, wenn sie Kundinnen rekrutierten.

Nach Angaben der WHO hat hundertprozentiges Stillen in den ersten Lebensmonaten lebenslange gesundheitliche Vorteile. Unter anderem verringere dies Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleibigkeit und Diabetes sowie Brustkrebs bei den Müttern.

apr/dpa