Ökonomen zu Optionen Wie mobiles Arbeiten die Pandemie bremst

Deutschland sehnt sich nach der Rückkehr zur Normalität, doch die wird nur schrittweise kommen. Ökonomen zeigen, wo man mit Lockerungen anfangen sollte - und welche Rolle dabei das Homeoffice spielt.
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Zu Beginn der Coronakrise gab es in Deutschland viel Kritik an der Politik: Zu groß seien die Unterschiede zwischen Bundesländern, Städten und Landkreisen, zu wenig einheitlich seien die Krisenmaßnahmen gewesen.

In der Debatte über mögliche Lockerungen des Lockdowns plädieren Wirtschaftswissenschaftler der Universität Mannheim nun aber für genau das: die Berücksichtigung regionaler Unterschiede sowie der besonderen Gegebenheiten in unterschiedlichen Wirtschaftsbranchen. 

Der Vorteil liegt auf der Hand: Statt abzuwarten, bis allerorten die Voraussetzungen für das Hochfahren des Wirtschaftslebens gleichermaßen erfüllt sein werden, könnten manche Landstriche und Sektoren bereits früher wieder mit der Rückkehr zur Normalität beginnen - sofern ihre Wirtschaftsstruktur die Verbreitung des Virus weniger stark begünstigt.

Die Mannheimer Ökonomen Harald Fadinger  und Jan Schymik  haben einige Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Pandemie und der Arbeitsorganisation untersucht. Ihnen ist etwa aufgefallen, dass die Zahl der Covid-19-Infektionen strukturell niedriger ausfällt in Regionen, in denen der Anteil Homeoffice-fähiger Jobs höher ist. 

Bundesweit liegt der Schnitt bei etwa 42 Prozent aller Arbeitsplätze, bei denen ein erheblicher Teil der anfallenden Aufgaben auch aus der Ferne zu erledigen ist.

Allerdings gibt es starke regionale Unterschiede: In vielen stark durch traditionelle Industrien geprägten Gebieten in Süddeutschland etwa liegt der WFH-Anteil (working from home) unter 40 Prozent. In Städten wie Hamburg, Berlin und Köln hingegen ist er mit 44 oder 45 Prozent besonders hoch. 

Diese Unterschiede haben offenbar auch bei der bisherigen Verbreitung des Virus eine Rolle gespielt. Regionen mit vielen Homeoffice-fähigen Jobs jedenfalls haben in den vergangenen Wochen niedrigere Infektionszahlen gemeldet. Eine um einen Prozentpunkt höhere Homeoffice-Quote geht - gerechnet auf je 100.000 Einwohner - mit "20 Infektionen weniger und 0,9 Todesfällen weniger einher", sagt Forscher Fadinger. Der Zusammenhang sei statistisch signifikant.

Ein Beispiel: In Bayern ist der Regierungsbezirk Niederbayern stark von der Pandemie betroffen. Die WFH-Rate in Niederbayern liegt bei 38 Prozent, verglichen mit 45 Prozent in Berlin. Läge die Homeoffice-Quote in der Hauptstadt allerdings genauso niedrig wie in Niederbayern, wären dort statt bisher rund 5000 mehr als 9000 Fälle zu erwarten und statt etwa 50 Toten mehr als 200.

Die Wissenschaftler leiten aus ihren Beobachtungen eine eindeutige Empfehlung an Politik und Arbeitgeber ab: Das Homeoffice-Gebot sollte "so lange wie möglich aufrechterhalten werden, auch in der Phase der Reaktivierung der Wirtschaft". Grund dafür sei die deutlich höhere Zahl an Kontakten auf dem Weg zur Arbeit und im Büro selbst.

Auf der anderen Seite zeigen die Zahlen auch: Noch vor 10 oder 15 Jahren hätte eine ähnliche Pandemie die deutsche Wirtschaft vermutlich noch deutlich stärker in Mitleidenschaft gezogen - weil die Infrastruktur für massenhaftes Arbeiten von zu Hause damals noch viel weniger ausgebaut war.

Warum nicht alle Regionen gleichzeitig zur Normalität zurückkehren sollten

Die starken regionalen Unterschiede von Homeoffice-Möglichkeiten sind eine Folge der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur in verschiedenen Landesteilen Deutschlands. Die Ökonomen plädieren dafür, dass auch eine Exit-Strategie der Politik dem Rechnung tragen müsse.

In Betracht gezogen werden müsse beispielsweise, dass eine zusätzliche Woche Lockdown je nach geografischer Lage und betroffener Branche sehr unterschiedliche Folgen habe. Jede weitere Woche Ausgangssperre koste die deutsche Wirtschaft insgesamt etwa 1,6 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Dies ist allerdings ein bundesweiter Mittelwert, die regionalen Abweichungen sind erheblich. Besonders stark leidet die Wirtschaftskraft demnach in Tübingen (minus 1,77 Prozent), Stuttgart (1,76 Prozent) und der Oberpfalz (1,73 Prozent). Deutlich glimpflicher hingegen fallen die Folgen einer Woche Lockdown in Berlin und Hamburg aus (minus 1,36 und 1,43 Prozent aus).

Diese Daten sind Schätzwerte. Die Forscher haben für ihre Berechnungen mehrere Vereinfachungen vorgenommen. So treffen sie die Annahme, dass im Lockdown jeder voll arbeitet, der die Möglichkeit zu Homeoffice hat - alle anderen aber gar nicht. Dieses Szenario entspricht allerdings nicht der aktuellen Lage, in Deutschland arbeiten noch immer viele Menschen in Fabriken und Büros. Anderseits sind viele Menschen im Homeoffice vermutlich nicht voll einsatzfähig, etwa, wenn sie Kinder betreuen müssen. Die Kosten im Szenario geben deshalb nur näherungsweise den tatsächlichen Effekt auf die Wirtschaft wieder.

Neben regionalen Unterschieden kommen Abweichungen je nach Wirtschaftsbranche hinzu. In einigen Sektoren fällt der positive Nutzen einer (frühen) Rückkehr zur Arbeit deutlich höher aus als in anderen. Sofern aus Gründen der Seucheneindämmung zunächst nur Teile des Wirtschaftslebens wieder hochgefahren werden, sollten nach Ansicht der Ökonomen dabei Bereiche mit einem "hohen BIP-Multiplikator" Vorrang haben. Mit dieser Formulierung beschreiben Volkswirte Branchen, in denen jede zusätzliche Arbeitskraft einen überproportional großen Beitrag zur Wirtschaftsleistung leistet.

So erhöht etwa im Telekommunikationsbereich jede zurückkehrende Arbeitskraft die Wirtschaftsleistung pro Woche um rund 4100 Euro. Noch größer ist der Effekt in der Petrochemie, jeder Arbeiter erhöht das BIP dort um knapp 6000 Euro pro Woche. Überdurchschnittlich hoch sind die Werte auch für Autobau und Chemieindustrie (mehr als 2000 Euro).

Die Mannheimer Ökonomen leiten daraus eine Empfehlung ab: "Industrien mit so großen Effekten sollten eine gewisse Priorität haben."