Wiener Stadtplaner im Interview "Die Bürger haben klar gesagt: Autos raus, öffentlicher Nahverkehr und Fußgänger rein"

Wien wird immer wieder zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Wie schafft man das? Stadplanungs-Direktor Thomas Madreiter erzählt, wie er die Wünsche der Bewohner umsetzt.
Ein Interview von Simon Book
Besucher im Wiener Burggarten (Archivbild)

Besucher im Wiener Burggarten (Archivbild)

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Zur Person
Foto: MA18/Christian Fürthner

Thomas Madreiter (57) leitet die Stadtplanung der Stadt Wien. Der studierte Raumplaner begann seine Karriere an der örtlichen Universität, bevor er 1994 zur kommunalen Verwaltung wechselte. Nach mehreren Stationen im Wiener Magistrat kümmert er sich seit 2013 vor allem um die städtebauliche Implementation des Wiener "Smart City"-Konzepts.

SPIEGEL: Herr Madreiter, Wien nennt sich seit einigen Jahren "Smart City". Was ist denn so smart bei Ihnen?

Madreiter: Wir haben vor Jahren erkannt, dass technische, ökologische und ökonomische Veränderungen immer eine breite soziale Basis brauchen. Man kann etwa die Digitalisierung nicht als reine Herausforderung der Informationstechnik begreifen, sondern muss das sozial managen, die Bürger einbeziehen, sie partizipieren lassen.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Madreiter: Schon in der Stunde null, vor etwa zehn Jahren, haben wir die Vision der Smart City mit Einbindung der Zivilgesellschaft erarbeitet. Da gab es zig Workshops mit Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, natürlich auch Bewohnern der Stadt. Alle haben sich mit der Frage beschäftigt: In was für einem Wien wollen wir 2050 leben? Das hat wesentlich radikalere Ansätze hervorgebracht, als wir uns das in der Verwaltung je zugetraut hätten.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Madreiter: Nehmen wir den öffentlichen Raum. Da haben die Bürger ganz klar gesagt: Autos raus, öffentlicher Nahverkehr und Fußgänger rein. Klar ist aber auch: Vieles geht in dieser Radikalität und dem Tempo gar nicht. Das ist die große Herausforderung: Wir müssen eine Smart City für alle sein, alte und junge, Digital Natives und Menschen, die die Zeitung noch gern auf Papier lesen. Bei jeder Neuerung muss ich mich also fragen: Ist es zielgerecht, wenn wir alles ersatzlos digitalisieren, was wir können?

SPIEGEL: Bestimmt nicht. Aber lassen Sie da nicht viele Chancen aus?

Madreiter: Denke ich nicht, da ich hier keinen Widerspruch sehe. Aber ich habe das Gefühl, dass in vielen Städten, die sich Smart City nennen, das Kind gerade mit dem Bade ausgeschüttet wird. Natürlich kann es nicht sein, dass ich kommunale Anträge im Jahr 2020 noch auf Papier ausfüllen muss. Aber was nutzt mir ein volldigitales Amt mit einem Antragssystem, das sich an total fitte 23-jährige Digital Natives richtet? Nein, ich brauche ein System, das sich an den Schwächsten der Gesellschaft orientiert und sie nicht ausschließt.

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SPIEGEL: Bewegungen wie Fridays for Future würden argumentieren, dass wir kaum Zeit für solche Mittelwege haben angesichts der riesigen Herausforderungen.

Madreiter: Das Wort Mittelweg würde ich zurückweisen. Ich glaube, dass unser Weg der dynamischere und umfassendere ist. Wir vermeiden so nämlich auch Kosten: für überflüssige technische Gadgets, aber auch soziale Kosten, die etwa entstehen, wenn sich Menschen zurückgelassen oder übergangen fühlen. Wir versuchen, die Herausforderungen in ihrer gesamten Breite anzugehen.

SPIEGEL: Gehen wir mal ins Detail. Was fällt Ihnen zu diesen Megatrends ein…

…Corona?

Madreiter: Eine gewaltige, wenngleich temporäre Herausforderung, die uns sehr klar die Bedeutung der öffentlichen Räume in der Stadt vor Augen geführt hat. Sie wird als Beschleuniger wirken: um digitale Systeme dort zu implementieren, wo es sinnvoll ist. Aber auch, um neue Aufenthaltsräume zu schaffen. Deren Bedarf hat die Krise klar gezeigt.

SPIEGEL: ...Resilienz, also Widerstandsfähigkeit?

Madreiter: Die aktuelle Krise zeigt sehr gut, dass Städte robuster werden müssen. Historisch mussten wir schon immer die Balance zwischen Effizienz und Resilienz finden. Dass Effizienz allein nicht glücklich macht, zeigt sich in Wien am Beispiel der Geschichte, warum wir heute hervorragendes Trinkwasser, direkt aus den Alpen haben. Weil die Stadtplaner vor über 100 Jahren der Ansicht waren, Wien hätte bald vier Millionen Einwohner. Darauf haben sie dann das Wassernetz ausgelegt. Wir sind aber nur etwa zwei Millionen geblieben. So profitieren wir heute von einer hervorragenden Infrastruktur. Mir zeigt das: Wir müssen mit Reserven arbeiten, um auf die dynamischen Entwicklungen reagieren zu können. Was heute Corona ist, wird morgen der Klimawandel sein.

SPIEGEL: …gutes Stichwort: Erderwärmung?

Madreiter: Vermutlich die größte Herausforderung, der sich die Menschheit in der modernen Zeit gegenüber sieht. Städte wie Wien trifft sie in zwei Dimensionen: Zum ersten geht es um Klimaschutz, also die Reduktion der CO₂-Emissionen. Wien etwa will bis 2050 nahezu klimaneutral sein. Das geht nur, wenn etwa der Gebäudesektor und der Verkehr sich deutlich wandeln. Gleichzeitig müssen wir uns schon heute anpassen. Städte heizen sich auf, der Alpenraum hat seit Beginn der Industrialisierung die doppelte Erwärmung erlebt, als das global zu beobachten ist. Wir müssen unsere Städte also kühlen, kühlen, kühlen. Das Schöne dabei ist: Klimaschutz und Klimaanpassung sind in hohem Maße deckungsgleich.

SPIEGEL: …Verkehrswende?

Madreiter: Ich sage ja lieber Mobilitätswende. Die ist in vielen Städten in vollem Gange. Die Bevölkerung ist da erheblich weiter, als wir das in der Verwaltung wahrnehmen wollen. Wir führen in Wien seit 20 Jahren umfassende sozialwissenschaftliche Forschung an und mit der Stadtbevölkerung durch. Bei der letzten Befragung kam heraus: 90 Prozent der Wiener geben an, keinen privaten Pkw mehr zu brauchen. Dennoch haben viele Menschen noch ein eigenes Auto. Mir sagt das: Die Verkehrswende muss kein ewig polarisierendes Thema sein. Es läuft bereits ein tiefgreifender Wandel bei den Menschen, den die Verwaltung nun auch adäquat begleiten und umsetzen muss.

SPIEGEL: Was bedeutet das konkret?

Madreiter: Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen den Besitz eines Autos nicht mehr als notwendig betrachten. Wir müssen die Stadt umbauen, damit die Leute gut spazieren gehen können, die Kinder mit dem Rad in die Schule kommen, die Menschen mit U-Bahn, Straßenbahn oder Bus ins Büro. Die Leute wollen nicht mehr einen relevanten Teil ihres Gehalts für ein Verkehrsmittel ausgeben, das sie nicht mehr in Anspruch nehmen. Die kluge Frage lautet also: Können wir den Leuten die Mobilität zur Verfügung stellen, die sie in der jeweiligen Situation brauchen. Wenn ich so weit bin, sehen Städte auf einmal ganz anders aus. Weniger Parkplätze, mehr Freiflächen für die Menschen, mehr Geld für Kultur, Gastronomie, Tourismus.

SPIEGEL: Der öffentliche Nahverkehr in Wien gilt ja schon als vorbildlich. Dennoch sehe ich in der Stadt noch Autos.

Madreiter: Ich behaupte sehr wohl, dass die nächsten 20 Jahre hier eine gravierende Änderung bringen werden. Wir müssen zwischen dem Autobesitz und der Autonutzung unterscheiden lernen. Alle Signale sprechen dafür. Die Stadt darf das aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger begleiten, nicht mit pädagogischem Imperativ, sondern mit gutem Service: etwa dem 365-Euro-Jahresticket, das wir eingeführt haben.

"Weniger Parkplätze, mehr Freiflächen für die Menschen, mehr Geld für Kultur, Gastronomie, Tourismus"

SPIEGEL: In Deutschland wird das Ein-Euro-Tagesticket von vielen Verkehrsunternehmen kritisch gesehen, etwa weil Kosten und Nutzen nicht im Verhältnis stünden.

Madreiter: In Wien hat es viel bewegt. Die Flatrate hat etwas in den Köpfen verändert, auf einmal lohnt es sich, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen – und zwar rechnet es sich mit jeder Fahrt mehr. Wir haben mittlerweile mehr Jahreskarteninhaber als Autos in der Stadt. Aber zur Verkehrswende gehört viel mehr: ein super Netz, strikte Parkraumbewirtschaftung, hohe Kosten für die Pkw – und handfester Stadtumbau. Wir haben etwa vor sieben Jahren die Mariahilfer Straße umgebaut, die größte Einkaufsstraße in Wien. Das wurde extrem polarisiert diskutiert, wir haben im Bürgerentscheid nur knapp eine Mehrheit für den Umbau zur Fußgängerzone bekommen. Heute will praktisch niemand mehr zum alten Zustand zurück.

SPIEGEL: Also doch radikale Lösungen?

Madreiter: Wir haben die Bürger vorher gefragt, sonst hätten wir das nicht gemacht. Klar ist aber auch: All diese Veränderungen machen das Leben für den Einzelnen lebenswerter. Wir diskutieren Corona, Klima, Verkehr immer unter dem Aspekt des Verzichts. Alle unsere Maßnahmen steigern aber das Lebensglück, das zeigen die Befragungen ganz klar. Wir müssen die Chancen in den Vordergrund rücken. Bezogen auf jeden Einzelnen, aber auch auf die Wirtschaft. Wir müssen weg von den dystopischen Untergangserzählungen und als Stadt das Narrativ der Chancen viel, viel besser erzählen.

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