504 Megawatt in neun Monaten Ausbau der Windenergie sinkt um 80 Prozent

Die Krise der deutschen Windindustrie verschärft sich. Bis Ende September lag der Ausbau nach SPIEGEL-Informationen weit unter dem Durchschnitt. Eine Besserung der Lage ist kaum in Sicht.

Windräder in der Eifel
Oliver Berg/ DPA

Windräder in der Eifel

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Der Ausbau der Windenergie an Land ist in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres massiv eingebrochen. Bis Ende September wurden laut einer Analyse der Fachagentur Windenergie an Land lediglich 147 neue Anlagen mit einer Leistung von 504 Megawatt registriert.

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Das entspreche nur 18 Prozent der Leistung, die im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre im gleichen Zeitraum hinzugekommen sei, heißt es in der Untersuchung, die dem SPIEGEL vorliegt.

Ziehe man noch die 68 größeren Windräder ab, die im selben Zeitraum abgerissen wurden, komme man netto sogar nur auf 79 Anlagen mit einer Leistung von 419 Megawatt, schreibt Studienautor Jürgen Quentin.

Rechnerisch entspricht das nicht einmal der Leistung von zwei mittleren Kohlekraftwerken. Die Angaben seien vorläufig und könnten sich noch geringfügig ändern.

In den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen sowie im Saarland ist laut der Analyse 2019 noch überhaupt kein Windrad in Betrieb gegangen; in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Sachsen waren es je nur zwei.

Die Flaute dürfte sich fortsetzen: Denn auch die Genehmigungen für neue Anlagen sind laut der Analyse im Vergleich zum Fünfjahresdurchschnitt um 47 Prozent eingebrochen. Insgesamt wurden demnach bis Ende September nur 304 neue Anlagen mit einer Leistung von 1162 Megawatt zugelassen.

Die Zahl der Genehmigungen ist zudem bereits seit 2017 stark rückläufig. Da von der Zulassung bis zum Bau einer Windturbine oft mehrere Jahre vergehen, dürfte der Ausbau der Windenergie auf Sicht eher niedrig bleiben.

Der stockende Ausbau steht im Widerspruch zu den Plänen der Bundesregierung, bis 2030 mindestens 65 Prozent des deutschen Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien zu decken - vor allem durch Windenergie an Land, der bislang wichtigsten Ökostromquelle.

Laut dem Klimaschutzprogramm, das am Mittwoch im Kabinett verabschiedet wurde, will die Bundesregierung die installierte Leistung der Windenergie bis 2030 um 14 bis 18 Gigawatt steigern. Mit der derzeitigen Ausbaustrategie ist das laut Quentin kaum zu schaffen.

Hintergrund

"Die Branche leidet an umständlichen, ausufernd bürokratischen Vorgaben in den Genehmigungsverfahren", sagt der Energieexperte. "Zudem fehlt es an genügend Flächen für neue Windturbinen."

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wolle nun zwar einige Restriktionen für die Windenergie lockern. "Im Klimapaket stehen jedoch gleichzeitig neue Auflagen, die den Ausbau zusätzlich belasten", sagt Quentin.

Laut Klimapaket müssen Windräder künftig in ganz Deutschland pauschal 1000 Meter Abstand zu Wohnsiedlungen einhalten - es sei denn, einzelne Länder und Kommunen legen explizit geringere Distanzen fest.

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insgesamt 410 Beiträge
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Seite 1
herm16 11.10.2019
1. herzlichen Dank
an die Umweltverbände, im speziellen BUND und NABU die massiv gegen Windenergie mit fadenscheinigen Argumenten vorgehen. Das wär ein Projekt für FfF gegen diese Leute vorzugehen
tedric 11.10.2019
2. Proteste und Bürgerinitiativen
Es wird ja auch überall dort, wo Windkrafträder installiert werden sollen, protestiert, es bilden sich Bürgerinitiativen dagegen. Wo sollen die Dinger auch in so einem dicht besiedelten Land stehen? Will man Wald dafür opfern? Auf der anderen Seite muss dringend aufgeforstet werden. Es will die Windräder keiner in seiner Nähe haben und auch andere Argumente wie ihre Schädlichkeit für Vögel und Fledermäuse sprechen dagegen.
m82arcel 11.10.2019
3.
Wie praktisch, dass das Gesetz zum Kohleausstieg noch nicht vorliegt. Da kann man den Ausstieg ja noch schön weiter nach Hinten verschieben und die eigenen Hände in Unschuld waschen, da es wegen fehlender EE-Kapazitäten sonst nicht genug Strom gibt. Dass der Ausbau der EE gleichzeitig von der Politik verschleppt wird, wird der Wähler schon nicht merken.
Cmkswiss 11.10.2019
4.
Die Windenergie wird ja auch von allen Seiten sabotiert. Zum Beispiel durch das neue Gesetz zum Mindesabstand, in der Nähe von Siedlungen. Die Umweltschützer wollen sie nicht, weil Vögel sterben, andere wollen keine Verspargelung der Landschaft und die Kohleindustrie will die Windkraft sowieso nicht. Aber alle wollen Umweltschutz. Wir leben in einem schizophrenen Land.
wuxu 11.10.2019
5.
2017 wurden zig Windradprojekte durchgeboxt, da es noch die alte Förderung gab. Danach floß das Geld in andere Projekte. Außerdem gibt es in Deutschland aufgrund der naturfeindlichen Landwirtschaft viele Arten auf der roten Liste. Windräder werden auch für Gebiete beantragt, in denen seltene Tiere vorhanden sind. Da sind die Investoren völlig skrupellos. Daher sind auch viele Gerichtsverfahren zu erwarten. Zur Zeit soll unter anderem der Artenschutz aufgeweicht werden. Hätten die noch geschützten Arten die Wahl, würden sie lieber eine sterbende Windkraftindustrie, als ihren eigenen Tod wählen. Das der Strom irgendwann nur noch von Windrädern und Solarflächen kommen wird und obendrein die Welt retten wird ist ein schön anzuhörendes Märchen. Tatsache ist, dass bei jedem Windrad Unsummen von Geld gescheffelt werden kann. Das fließt bis in die Großindustrie. Und der war bekannterweise unsere Umwelt schon immer egal, wenn sie nicht durch Gesetzte gebremst wurde.
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